Nach Rettung aus Seenot: Darum stechen diese Bremerhavener wieder in See

Fast wären sie bei einem Segeltörn im Atlantik ertrunken – doch die U.S. Air Force rettete sie vor dem Tod. So hat sich das Leben von Vater und Sohn verändert.

Zwei Männer streichen in einer großen Halle von unten ein Boot
Segler aus Leidenschaft: Karl-Heinz Meer senior (links) und Karl-Heinz Meer junior.

Ein metallischer Geruch durchzieht die große Werfthalle am Westkai des Fischereihafens Zwei. Hier streicht Karl-Heinz Meer junior den Rumpf seiner Segelyacht mit einer braun-roten, kupferhaltiger Farbe – bereits zum dritten Mal an diesem Tag. Denn mit einem Anstrich sei es nicht getan, erklärt er. Der Segler möchte das Boot seetüchtig machen, startklar für die nächste große Fahrt. "Sie soll Caroona II heißen", sagt er und fügt hinzu: "Es ist eine Beneteau Oceanis 430, genau wie meine erste Caroona. Ein tolles Schiff!"

Segler aus Leidenschaft

Meer kann es kaum erwarten, wieder in See zu stechen. "Es ist meine ganz große Leidenschaft, die Leidenschaft der ganzen Familie", sagt er. Dabei hat der Segler seine letzte große Fahrt nur knapp überlebt: mit lebensgefährlichen Brandverletzungen und dank des Einsatzes einer wahren Heerschar an Rettungskräften. Im Juli 2017 gerieten er und sein Vater hunderte Kilometer vor der Küste Floridas in Seenot.

Ich rief zu meinem Vater: Mach' die Rettungsinsel klar!

Karl-Heinz Meer junior
Ein Mann streicht den Kiel eines Bootes
Hat sich trotz Schiffbruchs wieder eine Beneteau Oceanis 430 gekauft: Karl-Heinz Meer junior.

"Ich weiß noch, wie mein Vater den Motor anmachte. Irgendwie komisch klang das", erinnert er sich. "Dann hat es geknallt, aber so richtig geknallt." Kurzzeitig habe er das Bewusstsein verloren und anschließend, am Boden liegend, nichts als Qualm gesehen. "Ich rief zu meinem Vater: Mach' die Rettungsinsel klar!"

Schwerste Verbrennungen an den Beinen

Wenig später lagen Vater und Sohn eben dort: in ihrer Rettungsinsel. "Wenn man da so sitzt, dann hat man verdammt viel Zeit, um darüber nachzudenken, was man im Leben getan hat", sagt Karl-Heinz Meer senior und fügt hinzu: "Ich bin unheimlich froh, dass meine Frau mich immer so großartig unterstützt. Es ist sicher nicht immer leicht für sie." Allerdings segle sie genauso gern wie er.

Wie dramatisch die Situation damals, an jenem 7. Juli 2017, tatsächlich war, erfassten die Meers erst nach und nach. Mit einem Satelliten-Telefon, das er auf die Rettungsinsel mitgenommen hatte, rief sein Vater daheim in Bremerhaven an, bei seiner Frau. Dort zu Besuch war gerade Meers zweiter Sohn, Sven: "Ich erkannte schon an der Stimme meines Vaters, dass es ganz, ganz ernst war", berichtet Sven Meer von dem denkwürdigen Telefongespräch. Er habe sich umgehend die Koordinaten der Schiffbrüchigen durchgeben lassen und bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) angerufen. Die DGzRS informierte sogleich die Küstenwache in Miami.

United States Air Force schwärmte aus

88 Mann der Air Force waren an der Rettungsaktion beteiligt.

Karl-Heinz Meer senior

Wegen der gewaltigen Entfernung zu den Schiffbrüchigen sah sich die Küstenwache allerdings außer Stande, den Meers aus eigener Kraft zu helfen. Sie aktivierte eine Spezialeinheit der United States Air Force: "88 Mann der Air Force waren an der Rettungsaktion beteiligt", erinnert sich Karl-Heinz Meer senior.

Ein Mann streicht den Kiel eines Bootes
Hat jederzeit an seine Rettung geglaubt: Karl-Heinz Meer senior.

Während die Air Force die Rettungsaktion vorbereitete, spürte Karl-Heinz Meer junior vor allem eines: Schmerzen. "Es war die Hölle", erinnert er sich. Die Verbrennungen seien kaum zu ertragen gewesen. Sein Vater aber war sich sicher: "Wir werden gerettet!", daran habe er zu keiner Zeit gezweifelt, so der Senior: "Dass ich mit Sven telefoniert hatte, gab mir diese Sicherheit."

Stundenlange Ungewissheit: Werden wir gerettet?

Gut sechs Stunden, nachdem sie auf ihre Rettungsinsel geflohen waren, sahen die Meers ihre Caroona endgültig im Meer versinken. "Und nach neun Stunden hörten wir ein Nebelhorn. Das war ein überwältigender Moment, das hat uns Kraft gegeben." Zwar realisierte auch der Junior das Nebelhorn. Um aber echte Erleichterung zu empfinden, seien seine Schmerzen einfach zu stark gewesen, blickt er zurück. Bald aber sei der "Froschmann" zu ihm in die Rettungsinsel gestiegen. Der Froschmann – das war ein Fallschirmspringer und Taucher der Air Force, der den schwerverletzten Segler sogleich professionell verband.

Und nach neun Stunden hörten wir ein Nebelhorn. Das war ein überwältigender Moment, das hat uns Kraft gegeben.

Karl-Heinz Meer senior

"Dann hat er mir diese wunderbare Spritze gegeben. Das war für mich der allergrößte Moment", schwärmt der Junior noch heute. Denn auf diese Weise habe er ein starkes Schmerz- und Betäubungsmittel erhalten, das sehr schnell angeschlagen habe.

Gefühle kaum in Worte zu fassen

Noch heute, zwei Jahre später, fällt es den Meers schwer, über ihre Gefühle während der Rettung zu sprechen. Zwischendurch kommen dem Senior Tränen: "Manchmal überwältigt es mich einfach", sagt er dazu. Immer noch werde er nervös, wenn er eine Feuerwehrsirene höre oder Blaulichter sehe. Denn dann habe er sofort wieder jenes Football-Feld in Orlando, Florida, vor Augen. Dort seien sein schwerverletzter Sohn und er mit ihrem Hubschrauber gelandet, als sie den 800-Kilometer-Flug nach ihrer Bergung hinter sich hatten. Das ganze Feld sei voller Blaulichter gewesen, so Meer.

Freundschaften zu Rettern haben sich entwickelt

Die haben uns das Leben gerettet und dabei ihr eigenes riskiert.

Karl-Heinz Meer senior

Mit einigen Soldaten der Air Force verbindet die beiden Bremerhavener bis heute eine Freundschaft. "Die haben uns das Leben gerettet und dabei ihr eigenes riskiert", fasst der Senior zusammen. "Ich möchte unbedingt noch einmal nach Orlando, um mich persönlich bei allen zu bedanken", sagt er. Sein Sohn nickt dazu.

Dass die beiden die lange Reise mit ihrer Caroona II antreten werden, ist allerdings eher unwahrscheinlich. "Ich werde damit erst einmal ein wenig an der Deutschen Bucht segeln", kündigt Karl-Heinz Meer junior an.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Juli 2019, 19:30 Uhr