Fragen & Antworten

Eingezwängt im Käfig: Schöner wird ein Schweine-Leben erst mal nicht

Die meisten Sauen in Deutschland verbringen viele Wochen im Jahr in Käfigen. Diese Kastenstände sollen weitgehend abgeschafft werden. Wirklich zufrieden ist damit aber keine Seite.

Video vom 4. August 2020
Eine große Sau in einem engen Käfig. Viele kleine Ferkel hängen an ihren Zitzen.
Bild: Radio Bremen
Was ist ein Kastenstand?
Ein Kastenstand ist ein Käfig aus Metall, in dem Zuchtsauen in Deutschland im Deckzentrum, also dem Teil des Stalls, in dem sie künstlich besamt werden, eingesperrt werden. Das ist in diesem Bereich derzeit für 28 Tage, also für vier Wochen, erlaubt. Auch im so genannten Abferkelbereich, dort wo die Sauen ihre Ferkel bekommen, sind die Tiere derzeit in solch einem engen Metallkäfig eingesperrt. Die Landwirte nennen das Gitter dort "Ferkelschutzkorb", weil es dazu dient, dass die Sau ihre Ferkel nicht erdrückt. Dort ist diese Fixierung der Sau ebenfalls für 28 Tage erlaubt.
Wenn die Haltung so erlaubt ist, wieso gibt es eine Debatte?
Die Debatte hängt eng zusammen mit den Vorgaben zur Kastenstandhaltung. Es geht einmal um das "Wie" eine Sau im Kastenstand gehalten werden darf. Außerdem wurde und wird diskutiert, "ob" ein Schwein überhaupt so eingesperrt werden darf.
Nach § 24 Abs. 4 Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung müssen Kastenstände so beschaffen sein, dass die Schweine sich nicht verletzen können und jedes Schwein ungehindert aufstehen, sich hinlegen sowie den Kopf und in Seitenlage die Gliedmaßen ausstrecken kann. Diese Vorgaben aber wurden in Deutschland über Jahre ignoriert – denn oft haben die Sauen zu wenig Platz, um sich ungehindert ausstrecken zu können. Sie stoßen an der Seite an Gitter oder Schweine des Nachbarstandes.
Ist das denn laut Tierschutzgesetz erlaubt?
Nein, diese Haltung widerspricht dem Tierschutzrecht. Das hat auch das Magdeburger Oberverwaltungsgericht 2015 so geurteilt und das Bundesverwaltungsgericht 2016 bestätigt.

Demnach muss eine Sau ungehindert eine Liegeposition auf beiden Seiten einnehmen können, ohne an Hindernisse zu stoßen. Dafür müssten laut Gericht die Kastenstände mindestens so breit sein, wie das Tier am Widerrist hoch ist – oder es müssen die Nachbarstände leer sein, damit die Sau ihre Beine dorthin ausstrecken kann.
Was passierte nach dem Urteil?
Eigentlich gilt für solch eine Urteil keine Übergangsfrist, da es geltendes Recht betrifft. Doch um den Landwirten entgegenzukommen, wurde nun in der Politik lange über eine Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung debattiert und gerungen. Am 3. Juli 2020 hat der Bundesrat nun einem Kompromiss zugestimmt, der unter Führung des grünen Landwirtschaftsministeriums Schleswig-Holsteins und des CDU-geführten Ministerium in Nordrhein-Westfalen entstanden ist.
Was hat der Bundesrat genau beschlossen?
Der Bundesrat hat beschlossen, dass die Kastenstände im Deckbereich in acht Jahren – bei Härtefällen in zehn Jahren – ganz abgeschafft werden sollen. Dann dürfen die Sauen dort nur noch für den Akt der Besamung selbst kurz fixiert werden. Allerdings wurde der strittige Satz, dass sich eine Sau im Kastenstand ungehindert ausstrecken können muss, geändert. Nun heißt es, eine Sau müsse sich ungehindert ausstrecken können, ohne an "bauliche Hindernisse" zu stoßen. Wenn sie ihre Beine unter die Sau des Nachbarstandes schiebt, geht das also in Ordnung. Kritiker sagen, damit legalisiere die Politik einen seit Jahren illegalen Zustand für die nächsten acht Jahre.
Die neue Verordnung sieht zukünftig aber mehr Platz für die Sauen vor: In der Gruppenhaltung sind dann fünf Quadratmeter pro Sau sowie eine Strukturierung der Bucht vorgeschrieben. Nach drei Jahren müssen die Landwirte Umbaukonzepte vorlegen und nach fünf Jahren einen Bauantrag gestellt haben. Sonst werde der Betrieb geschlossen.

Im Abferkelbereich dürfen die Sauen in Zukunft noch für fünf Tage fixiert werden. Allerdings gilt hier eine lange Übergangsfrist von 15 Jahren, in Härtefällen von 17 Jahren. Die Buchten müssen dann eine Mindestgröße von 6,5 Quadratmetern haben. Außerdem sollen die Schweine organisches Beschäftigungsmaterial, beispielsweise Stroh, bekommen. Umbaukonzepte und Bauantrag müssen nach zwölf Jahren vorliegen.
Wie ist der Kompromiss des Bundesrates angekommen?
Sehr gemischt. Befürworter freuen sich über das Aus der Kastenstände. Trotz der langen Übergangszeiten sei es ein Gewinn für mehr Tierschutz. Andere Tierschützer kritisieren die sehr lange Übergangszeit, und auch, dass die Sauen im Abferkelbereich später zumindest noch einige Tage eingesperrt werden dürfen.
CDU und CSU hätten gern längere Übergangszeiten gehabt, die Grünen kürzere. Bremen hat als eines von drei Bundesländern dem Kompromiss nicht zugestimmt, weil sich die Grünen dagegen gewehrt haben.
Die Landwirte hingegen sorgen sich, den Umstieg trotz finanzieller Hilfen der Politik nicht zu schaffen und im weltweiten Wettbewerb unterzugehen.
Was sind die Argumente der Landwirte?
Die Landwirte befürchten, dass viele kleine und mittlere Betriebe die Umstellung nicht finanzieren können. Der Stall muss umgebaut, das Management verändert werden. Auch seien sie durch die dann höheren Kosten nicht mehr wettbewerbsfähig und die Ferkelproduktion werde sich ins Ausland verlagern. So exportiere man das schlechte Gewissen. Später würden dann Schweine nach Deutschland importiert, die unter noch schlechteren Bedingungen gezüchtet wurden. Das habe man auch in Ländern beobachtet, in denen die Sauenkäfige schon verboten seien.
Außerdem sorgen sich die Landwirte, dass sich freilaufende Sauen in der so genannten Rausche, der Paarungszeit, gegenseitig bespringen und schwer verletzten würden.
Im Abferkelbereich befürchten sie, dass die Ferkelsterblichkeit größer wird. Wenn die Sau sich freier bewegen kann, würde sie mehr Ferkel erdrücken.
Und was sagen die Tierschützer?
Die Tierschützer fordern eine schnellere und komplette Abschaffung der Kastenstände, vor allem im Abferkelbereich. Wirtschaftliche Erwägungen dürften nicht über dem Tierschutz stehen. In solch einer Haltung könnten die Schweine ihren natürlichen Verhaltensweisen ins keinster Weise nachkommen. Schweine sind sehr soziale und intelligente Tiere. Sie haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, leben in der Herde, sind neugierig und wühlen im Untergrund. In Freiheit würden sie Nester graben, um ihre Ferkel zu gebären. Die derzeitige Kastenstandhaltung sei Tierquälerei. Muttersau und Ferkel könnten keine natürliche Verbindung aufbauen.
Beispiele aus anderen EU-Ländern und Studien würden zeigen, dass es in beiden Bereichen ohne Kastenstand gehe. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz beispielsweise spricht sich dafür aus, sofort schrittweise mit dem Ausstieg zu beginnen, anstatt die Nutztierhaltungsverordnung alle paar Jahre zu novellieren. Alle zwei Jahre müsse geschaut werden, ob das Zwischenziel erreicht wurde, so Thomas Blaha, Stellvertrender Vorsitzender. "Dann muss man gezielt auch alle zwei Jahre die Förderinstrumente anpassen." Die Landwirte müssten für den Mehraufwand entschädigt werden.
Wie machen es denn andere Länder in Europa?
Das ist unterschiedlich. In vielen Ländern sind Kastenstände ebenfalls die Norm. Es gibt aber auch Länder, die bereits ausgestiegen sind. In Großbritannien sind Kastenstände im Deckzentrum schon seit 1999 komplett verboten. In Schweden und Norwegen ist die Fixierung der Sauen seit 1988 verboten, sowohl im Deckzentrum als auch im Abferkelbereich. Nur während der Besamung selbst darf die Sau eingesperrt werden. In der Schweiz dürfen die Tiere im Deckzentrum für zehn Tage eingesperrt werden, beim Abferkeln aber ist der "Schutzkorb" verboten.
Wieviele Sauen in Deutschland betrifft das?
Laut Statistischem Bundesamt lebten 2019 rund 1,2 Millionen trächtige Sauen in Deutschland. Zirka 90 Prozent aller Sauen im Deckzentrum und noch mehr im Abferkelbereich würden in Kastenständen gehalten. Davon geht das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) aus. Diese systematische Einzel-Haltung in diesen Bereichen habe die Grundlage für Schweineproduktion in industrieller Form geschaffen, heißt es zum Beispiel in einem Offenen Brief diverser Gegner. Anlagen mit 5.000 und mehr Sauen seien so erst ermöglicht worden.

Schweineproduktion: Ein durchgetaktetes System

Video vom 27. Juli 2020
Grafikbild Lebenszyklus Schlachtschwein
Bild: ARD / Radio Bremen

Autorin

  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. August 2020, 19:30 Uhr