Das Rätsel um die rosa Siloballen

Es ist Erntezeit und rund um Bremen sieht man vielerorts große, mit rosa Plastikfolie umwickelte Heu- und Silageballen. Ein wahrer Hingucker – mit ernstem Hintergrund.

Video vom 23. September 2020
Mehrere rosa Heuballen liegen auf einem Feld. Daneben graue Heuballen.
Bild: Radio Bremen

Landwirt Frank Kastens in Stuhr sorgt im Spätsommer immer vor und lässt auch jetzt wieder einen Lohnunternehmer seine Silage luftdicht in weiße und grüne Plastikfolie wickeln. Auch als Vorrat für den Winter. Doch vor vier Jahren hat er die Farbpalette erweitert.

Im Moment säumen gut 60 rosa Siloballen seine Hühnerweide direkt am Hof in Bürstel. Und es werden immer mehr. So ein Ballenkolonne ist schon ein echter Hingucker. "Die Leute kommen manchmal mit der Frage auf mich zu, wieso die Siloballen bei uns rosa sind. Das fällt natürlich auf. Genau das wollen wir erreichen", sagt Frank Kastens.

Bunte Ballen für den guten Zweck

Seit 2015 gibt es in Deutschland die Aktion mit den rosa umhüllten Siloballen. Auch Frank Kastens und seine Nachbarn beteiligten sich schnell. Was als gemeinnützige Aktion ursprünglich in Neuseeland startete, hat sich innerhalb kurzer Zeit bis ins Bremer Umland rumgesprochen.

Mit der bunten Folie werden Spenden für den Kampf gegen Brustkrebs gesammelt.

Frank Kastens, Landwirt

Erst ernten, dann spenden

Rosa Siloballen stehen auf einem Feld von Landwirt Frank Kastens bei Stuhr.
Rosarote Erntezeit in Stuhr: Kastens bunte Silageballen stechen ins Auge. Bild: Radio Bremen

Die Firma Trioplast, die die Wickelfolie vertreibt, kooperiert mit Organisationen, die insbesondere Aufklärung zum Thema Krebs betreiben. Von jeder verkauften Rolle werden drei Euro für deren Arbeit gespendet.

"Die pinke Folie kostet zwar etwas mehr als die gängigen Farben, aber damit können wir etwas Gutes tun", so Landwirt Kastens. Seine Nachbarn haben sich schnell der Idee angeschlossen. Und damit etwas thematisiert, was lange eher ein Tabu war – worüber man inzwischen aber redet.

Eine Frau in unserer Nachbarschaft litt vor einigen Jahren immer wiederkehrend an Brustkrebs.

Frank Kastens, Landwirt

Drei Farben, drei Anliegen

Vertrieben wird die Folie über den Landkandel oder die landwirtschaftlichen Genossenschaften. Es gibt sie inzwischen auch noch in anderen Farben: Während die rosa Stretchfolie für das Thema Brustkrebs sensibilisieren soll, wird der Erlös für die blauen für Kampagnen über Prostatakrebs eingesetzt. Und die gelben soll darauf hinweisen, dass auch Kinder an Krebs erkranken können.

Bei der pinken Folie geht das Geld an Pink Ribbon Deutschland, bei der blauen an Blue Ribbon und bei der gelben Folie geht das dann an den Verein Deutsche Kinderkrebsstiftung in Bonn.

Sascha Hagedorn, Trioplast
Aufgereihte, in rosa Strechtfolie gewickelte Siloballen.
Dank der grellen Farbe hat Landwirt Kastens nebenbei auch eine bessere Übersicht über seine Futtervorräte. Bild: Radio Bremen

"Pink ist der Top-Renner", so Hagedorn. Doch es gäbe wohl regionale Unterschiede: "Blau ist in Süddeutschland mehr vertreten als im Norden. Vielleicht bauen die sich auf den Ballen ihre Bayernflagge (lacht)." Alleine durch die rosa Silofolien kommt jährlich ein Erlös von über 12.000 Euro zusammen. Weltweit fuhr die Aktion seit mehreren Jahren nach Angaben von Hagedorn schon über 900.000 Euro ein.

Für Frank Kastens ist die bunte Folie aber sogar ein gutes und praktisches Arbeitsmaterial: "Es ist immer auf einen Blick und gut zu erkennen, welches Futter darunter ist. Die Farbe hebt sich eben ab. Ich weiß immer, wo was ist."

Mögliche Ambivalenz der Aktion

Mit dem Geld wird insbesondere die Kampagnenarbeit von Pink und Blue Ribbon Deutschland unterstützt. Man freue sich über die Aufmerksamkeit, die die Themen dadurch zusätzlich erhalten. Doch deren Sprecherin Christina Kempkes wird durchaus nachdenklich, wenn Sie auf das Thema Greenwashing angesprochen wird. Könnten Landwirte die Aktion für sich nutzen, um davon abzulenken, dass in der Landwirtschaft auch Mittel zum Einsatz kommen, die unter Verdacht stehen, selbst Krebs zu erzeugen? 

Es sei zum einen keine Aktion "der Landwirtschaft", sondern angeschoben habe die Aktion der Folienhersteller – der zuvor explizit beim Interview darum bat, darauf hinzuweisen, wie sehr die Firma daran interessiert sei, dass die Plastikfolien später umweltbewusst recycelt würden.

Oft gehe laut Kemkes der Impuls zur Teilnahme auch von den Frauen in den Betrieben aus, was sie als Zeichen dafür wertet, dass es ihnen wirklich um die Sache gehe.  "Ich habe nicht den Eindruck, dass sich da jemand freikaufen will", sagt sie. Zumal sich quer durch die Bank unterschiedlichste Betriebe beteiligten, vom Biobauern bis zum konventionellen Betrieb.

Hätten man an den hehren Absichten Zweifel, würde man auch die Reißleine ziehen. Für eine Charmeoffensive oder Imagekampagne, die einem anderen als dem ursprünglichen Ziel dienen könnten, sei die Aktion auch schlicht zu klein aus ihrer Sicht: "Es wäre fast vermessen zu meinen, damit könnte jemand etwas anderes vertuschen wollen." Und sie fügt noch hinzu: "Die Frauen, die es betrifft, die haben diesen Respekt verdient."

Autoren

  • Madita Thomas
  • Eva Linke Redakteurin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. September 2020, 19:30 Uhr