Kann das schmecken? Röhrkohl ist das Gemüse aus dem Watt

Sieht aus wie Schnittlauch. Aber Röhrkohl wächst auf Salzwiesen im Watt. Das Gemüse gilt als gefährdete Art. Ernten dürfen die Pflanze nur wenige, erlesene Menschen.

Eine Frau ernten grüne Röhrkohl-Halme auf einer Salzwiese im Watt.
Renate Grützner geht gerne zum Röhrkohlstechen an die frische Luft ins Watt.

"Na das sieht doch gut aus! Weil der noch nicht sehr blüht. Wenn er blüht, dann kannst du ihn schon fast vergessen, dann wird er zäh", sagt Renate Grützner. Sie hockt auf dem Boden, hat ein Messer in der Hand und erntet Röhrkohl. Einen Stängel nach dem anderen schneidet sie ab.

Unten dieser wurzelnahe Bereich, der ist am zartesten. Das ist so wie beim Lauch auch. Da ist es ja auch unten zart und oben das Grüne wird immer zäher.

Eine Frau ernten grüne Röhrkohl-Halme auf einer Salzwiese im Watt.
Renate Grützner

Sie sticht mit dem Messer möglichst tief in den sandigen Boden ein. Daher kommt auch die Formulierung Grünkohl stechen. Roh schmecken die grünen Stängel ein wenig nach Chlor, "so ein bisschen herb. Das geht aber beim Kochen weg“, sagt Grützner. Man kann den Röhrkohl als Gemüse zubereiten – wie Grünkohl. So isst ihn die pensionierte Kinderärztin am liebsten zu Tafelspitz. "Das ist echt lecker. Und dann kann man natürlich, wie man das bei Tafelspitz gerne macht, mit Meerrettichsoße dazu und Kartoffeln."

Ein Gesetz aus dem Mittelalter

Röhrkohl ist eine Spezialität, die vor allem im Wattenmeer wächst. Sie gilt aber als gefährdete Pflanzenart, deshalb dürfen nur Einheimische sie ernten. Grützner: "Das ist ein verbrieftes Recht, das aus dem Mittelalter stammt. Und das wurde erst bei Verabschiedung der Nationalparkverordnung und dann per Nationalparkgesetz fixiert. Dass wir das hier dürfen – nur wir. Wir dürfen auch nicht damit handeln. Das darf also nicht verkauft werden." Es gibt aber auch Kritik daran, dass überhaupt jemand den Röhrkohl erntet.

Detailaufnahme von einer Salzwiese, im Vordergrund sieht man eine grüne Blüte eines Röhrkohls.
Die Blüte wird beim Röhrkohl zwar nicht mitgegessen, aber an ihr lässt sich die Pflanze gut erkennen.

Waltraud Menger ist Biologin, und sie sorgt sich um die Vögel, die dort brüten. "Wir haben es hier nur mit Bodenbrütern zu tun und die verlassen klammheimlich ihr Nest, sodass man das nicht mitbekommt. Und zu lange dürfen die halt nicht vom Nest fern sein. Es gibt bestimmte Wetterlagen, da ist das maximal 20 Minuten." Bei kühlem Wetter und Regen sterben die Küken in ihren Eiern, wenn die Elterntiere sie nicht wärmen. Und das im Wattenmeer wohlgemerkt, das unter Naturschutz steht.

Vögel in Gefahr

Die Biologin ist deshalb hin- und hergerissen. Einerseits hat das Röhrkohlstechen eine lange Tradition an der Küste. "Und das ist auch wichtig", sagt sie. Andererseits sieht sie die Vögel in Gefahr. Deshalb – so ihr Appell – sollten Wurster nur bei warmem Wetter losziehen. Und sie sollten vermeiden, zu lange an einer Stelle zu bleiben. Besser sei es, sich möglichst zügig beim Ernten vorwärts zu bewegen. Dann stehen die Chancen am besten, dass die Nester und die empfindlichen Eier darin nicht zu lange alleine gelassen werden.

Renate Grützner hatte von dem Vogelschutz noch nicht gehört. Lange hat sie den Röhrkohl nur im Restaurant gegessen – ein einziges Lokal an der Wurster Nordseeeküste darf die Pflanze nämlich anbieten. Doch seit die Kinderärztin in Rente ist, hat sie ein bisschen mehr Zeit. Und sie hatte Lust, das Gemüse selbst im Watt zu ernten. Sie geht ein- bis zweimal in der Saison los und sammelt ein paar Hände voll Röhrkohl. Dann sieht man sie mit ihrem Korb unterm Arm aus dem Wattenmeer kommen. "Ich finde das schön, man ist an der frischen Luft und hat hinterher was zu Essen, 'ne?"

  • Dörthe Schmidt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 16. Juni 2019, 12 Uhr