Wie Seehundjäger an der Nordsee heute Robben beschützen

"Die legen ihre Jungen nicht mit Absicht in die Badezonen" – Toni Thurm

Viele Seehunde liegen an einem Strand.
Bild: DPA | Jochen Tack
Bild: DPA | Jochen Tack

Früher ging man noch auf die Robbenjagd. Doch seit Jahrzehnten stehen die Tiere unter Schutz. Seehundjäger gibt es aber bis heute. Bremen Zwei hat einen begleitet.

Den Beruf des Seehund- oder Robbenjägers gibt es nur in Schleswig-Holstein. "Früher ist man wirklich auf Seehundjagd gegangen in St. Peter-Ording und hat das Fell verkauft und vermarktet, das Fleisch und auch den Speck. Irgendwann sind die Seehunde in den Sechzigern unter ganzjährigen Schutz gestellt worden und somit sind sie vom Jagdrecht ausgenommen. Die Jäger sind aber immer noch für sie zuständig", erzählt Toni Thurm.

Es geht um keine aktive Bestandsregulierung, sondern darum, den Strand "aufzuräumen".

Toni Thurm über seine Aufgabe als Robbenjäger

Die Seehundjäger, die alle einen Jagdschein haben, wurden zu Schützern der Meeressäuger umgeschult und kümmern sich nun um das Wohl der Seehunde, Kegelrobben, Schweinswale und das der anderen Tiere, die gestrandet aufgefunden werden: "Es geht um keine aktive Bestandsregulierung, sondern darum, den Strand 'aufzuräumen'", erklärt Thurm.

Eine Robbe liegt in einem Plastikbehälter und schaut in die Kamera
Weil diese kleine Robbe gesund ist, wird sie mitgenommen und bis zur Auswilderung aufgepäppelt. Bild: Radio Bremen | Hilke Theessen

Im Juni und Juli ist Hochsaison bei den Seehundgeburten. Dann kommen auch vermehrt Heuler am Strand von St. Peter-Ording an – und dann hat Toni Thurm alle Hände voll zu tun. Touristen und Spaziergänger melden dann immer wieder gestrandete Tiere. Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei oder die Seehundstation geben dann wiederum den ehrenamtlich tätigen Seehundjägern Bescheid.

Die sind in den ersten Tagen noch sehr niedlich und freundlich, aber das springt ganz schnell um – bis sie dann sehr bissig werden.

Toni Thurm über die Heuler, die er am Strand aufliest

Hauptberuflich ist Toni Thurm eigentlich Parkinspektor im Westküstenpark – bekommt er einen Anruf, weil eine Robbe gestrandet ist, muss er sich kurzfristig Zeit freischaufeln.

Toni Thurm ist Robbenjäger in St. Peter-Ording
Nach einem kurzen Gesundheitscheck entscheidet Thurm, was er mit dem Heuler macht. Bild: Radio Bremen | Hilke Theessen

Ist er dann auf dem Weg, ist er auf eine möglichst genaue Ortsangabe angewiesen, denn der Strand von St. Peter-Ording ist zwölf Kilometer lang und fast zwei Kilometer breit. Verendete Tiere werden eingesammelt. Wenn ein Seehund verletzt ist und ihm nicht mehr geholfen werden kann, muss er getötet werden. Alle anderen Tiere werden in die Seehundstation in Friedrichskoog gebracht. Meistens handelt es sich um Jungtiere, die von ihrer Mutter getrennt wurden. Sie werden aufgepäppelt und schließlich wieder ausgewildert: "Die sind in den ersten Tagen noch sehr niedlich und auch freundlich, aber das springt ganz schnell um, bis sie dann sehr bissig werden", warnt der 34-Jährige.

Selbstständige Jungtiere brauchen Ruhe

Oftmals brauchen junge Seehunde weder die Mutter, noch menschliche Hilfe, dafür aber Ruhe – und die finden sie an vollen Stränden nicht: "Gerade bei den wärmeren Temperaturen nutzt der Mensch das sehr gerne, um sich an den Strand zu legen und sich zu sonnen – und das tut so ein Seehund auch sehr gerne. Er lebt nämlich nicht nur im Wasser, sondern geht auch ganz gerne an Land, legt sich in so einer leichten Bananenhaltung auf die Seite, eine Flosse nach oben, und brutzelt dann in der Sonne." Der Weg zurück Richtung Meer ist im Hochsommer oft von Menschen versperrt, daher nimmt Toni Thurm die jungen Tiere mit. Die Robben, die in Friedrichskoog aufgepäppelt werden, werden ab einem Gewicht von 30 Kilogramm in der Nähe der Seehundbänke wieder freigelassen.

Ich finde schon, dass es mit dazu gehört, dass man sich engagiert für den Ort.

Toni Thurm über sein kommunalpolitisches Engagement
Toni Thurm ist Robbenjäger in St. Peter-Ording
Im Hauptjob Tierpark-Inspektorin St. Peter-Ording: Toni Thurm. Bild: Radio Bremen | Hilke Theessen

Toni Thurm lebt seit rund 16 Jahren in St. Peter-Ording. Als Schüler jobbte er schon im Tierpark "Westküstenpark", in dem er schließlich auch seine Ausbildung als Zootierpfleger machte. Über einen Robbensammler, der verendete Tiere nur einsammeln, aber nicht töten darf, kam er zu seinem Ehrenamt. Mit Zusatzausbildungen und Schulungen hat er sich sein Wissen als Robbenjäger angeeignet: "Ein Seehundjäger arbeitet auch nicht alleine und hat immer Möglichkeiten, Rücksprache zu halten und andere Seehundjäger zu kontaktieren." Als Parkinspektor kümmert er sich um Gehege und Gebäude und ist für viele Vogelarten, Esel, Schafe und auch Robben verantwortlich. Thurm engagiert sich auch kommunalpolitisch, weil er sich Ort und Region stark verbunden fühlt: "Wir sind ein relativ kleiner Ort mit 4.000 Einwohnern und da finde ich schon, dass es mit dazu gehört, dass man sich engagiert für den Ort."

Autorin

  • Hilke Theessen Moderatorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 02.07.2021, 18:05 Uhr