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Darum erzählen Angler, dass Welse Hunde fressen

Eben hat er noch im Wasser geplanscht – plötzlich ist der Dackel weg. Was ist dran an solchen Geschichten? Fakt ist, auch in der Weser in Bremen werden die Welse immer größer.

Ein Wels im Wasser
Ganz schön gruselig: In das Maul eines Welses passen auch große Brocken. Bild: Imago | Nature Picture Library

Die Schreckensmeldungen reißen nicht ab. "Monster-Wels frisst kleinen Hund" hieß es kürzlich aus Sachsen-Anhalt. "Zweieinhalb-Meter-Wels frisst sogar Schwäne", berichtete die "Welt" aus München. Und in Niederösterreich soll ein Riesenwels gar ein 14-jähriges Mädchen gepackt und unter Wasser gezogen haben. Kann das auch bei uns in der Weser passieren?

"Ja, ja, so läuft das", sagt dazu Rolf Libertin, Vizepräsident des Landesfischereiverbands Bremen, mit ernster Stimme. Unter Bremens Anglern kursierten ganz ähnliche Geschichten: "Wir verbreiten sie sogar selbst, wenn uns die Hundehalter mit ihren Kleffern am Ufer nerven."

Ja, ja, so läuft das.

Rolf Libertin, Vizepräsident des Landesfischereiverbands Bremen

Denn es mache einen Heidenspaß, Frauchen oder Herrchen dabei zu beobachten, wie sie blitzartig ihre Vierbeiner anleinen, wenn man ihnen erst erzählt habe, dass kürzlich wieder einmal, genau an dieser Stelle des Sees, so ein kleines Hündchen auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe gerissen worden sei. "Aber das ist natürlich Anglerlatein, frei erfunden", betont Libertin.

Wie geschaffen für die Rolle des Monsters

Der Flusswels, auch Waller genannt, sei für die Rolle des Übeltäters geradezu prädestiniert, erklärt er. Denn dieser Raubfisch sehe mit seinem tiefgespaltenen Maul und den langen Tasthaaren nicht nur gruselig aus. Er werde zudem enorm groß, größer als jeder andere räuberische Süßwasserfisch in unseren Gewässern. Tatsächlich werden immer mal wieder Welse mit Längen von zwei Metern und mehr gefangen, zuletzt auffallend häufig.

Die stattlichen Tiere breiten sich immer weiter aus, nicht zuletzt im Großraum Bremen. Denn hier, erklärt Libertin, hätten Angler den Waller schon vor etlichen Jahren in vielen Gewässern ausgesetzt. Der Räuber, so die Idee, sollte die Weißfischbestände regulieren. "Ein fataler Fehler", sagt Libertin rückblickend. Denn die Welse, die sich prächtig vermehrt hätten, seien "wahre Fressmaschinen". Sie hätten manch' Fischbestand eher "überreguliert". Auf Bremens Hundepopulation aber hätten die Raubfische keinerlei Einfluss, fügt Libertin lachend hinzu.

Wels Animation
So wächst der Wels. Quelle: David Ritterbusch (2014): Der Wels in der Elbe - Bestandsentwicklung und Wachstum. Schriften des Instituts für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow, Band 37

Wann ein Wels einen Dackel fressen könnte

Doch nicht nur aufgrund einer fragwürdigen Fischbesatz-Politik durch Angler haben sich die Welse in Deutschland stark vermehrt. Als Hauptgrund gilt die verbesserte Wasserqualität in den Flüssen. So sieht es auch David Ritterbusch vom Institut für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow. Ritterbusch hat die Welsbestände ab 1998 über einen Zeitraum von rund 15 Jahren am Beispiel der Elbe in Sachsen-Anhalt umfassend erforscht. Der Biologe ist sich sicher, dass es nicht nur dort, sondern in ganz Deutschland heute deutlich mehr Welse gibt als noch vor zwanzig Jahren.

Menschen müssen sich nicht vor Welsen fürchten. Sie müssen sich auch keine Sorgen um ihre Hunde machen.

David Ritterbusch, Biologe am Institut für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow

Doch Ritterbusch hat nicht nur die Bestände der Waller untersucht, sondern auch das Verhalten der Tiere. Der Biologe möchte zwar nicht kategorisch ausschließen, dass "ein besonders großer Wels in einer Ausnahmesituation auch schon mal einen ganz, ganz kleinen Dackel verschlingt." Ritterbusch stellt aber auch klar: "Menschen müssen sich nicht vor Welsen fürchten. Sie müssen sich auch keine Sorgen um ihre Hunde machen."

Angriffe auf Menschen

Etwa eine handvoll Angriffe auf Menschen durch Welse sei über mehrere Jahrzehnte belegt, allesamt allerdings ohne gravierende Folgen. "Da hat dann wahrscheinlich ein ausgewachsenes Männchen den Laich vor einem Schwimmer verteidigen wollen", ordnet der Forscher die Angriffe ein. Ohnehin sei das Maul eines Welses gar nicht geschaffen, um ernsthafte Wunden zu reißen. Welse verfügten lediglich über kleine Hechelzähne und hätten Kiefer, die darauf ausgerichtet seien, ein Beutetier am Stück zu verschlingen.

"Welse fressen zu etwa 99 Prozent Fische und Krebse", sagt Ritterbusch. Selten erbeuteten die Tiere auch kleinere Wasservögel. So gebe es Untersuchungen, die zeigten, dass in Seen, in denen Welse leben, weniger Enten vorkämen als in anderen Gewässern.

In der Weser gedeihen Welse prächtig

Zwar hat Thomas Klefoth, Fischereiwissenschaftler des Anglerverbands Niedersachsen, noch nicht die Enten auf der Weser gezählt. Dennoch weiß er, dass sowohl Angler als auch Berufsfischer zuletzt immer mehr Welse in dem Strom gefangen haben. Die meisten dieser Fische seien zwischen 80 Zentimetern und einem Meter lang gewesen, einige aber auch deutlich größer, berichtet er.

Zwei Angler mit einem gefangenen Flusswels.
Ein wahrlich kapitaler Fang: Zwei Angler mit einem Flusswels. Bild: DPA | Zeljko Mrsic/Pixsell

Klefoth glaubt, dass die Welspopulation in der Weser noch weiter wachsen könnte, schränkt allerdings ein: "Es handelt sich um einen reinen Süßwasserfisch, der das Brackwasser meidet." Daher geht er davon aus, dass die Waller nicht weit in die Unterweser vordringen. In Brake, spätestens in Bremerhaven aber, so seine Vermutung, dürfte das Wasser der Weser zu salzig für die Tiere sein.

Doch auch dort, wo der Waller immer zahlreicher wird, sieht Klefoth die Ökosysteme nicht bedroht. Denn die Welse hätten sich nur deswegen so prächtig in den letzten Jahren vermehrt, weil auch das Angebot an Beutefischen in den tendenziell immer saubereren Flüssen größer geworden sei.

Apropos Beute: "Welse schmecken ausgezeichnet", schwärmt der Bremer Angler Rolf Libertin: "Die haben ein schön festes, weißes Fleisch." Auch deshalb seien ihm die großen Räuber sehr willkommen, wenn er die Angel auswerfe. Allemal willkommener als freilaufende Hunde zwischen seinem Angelgeschirr und geschwätzige Hundehalter.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 6. September 2019, 23:30 Uhr