So blühen diese Industrie-Hühner zwischen Bremen und Bremerhaven auf

Audio vom 1. August 2021
Eine Frau und ein Huhn
Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann
Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Klein, mager – anders: Unsere Autorin hat zwei Hühner gerettet. Zwei von 43 Millionen im Jahr, die geschlachtet werden, wenn ihre Legeleistung nachlässt. Ein Verein will das ändern.

Jeder Bundesbürger verzehrt pro Jahr rund 230 Eier. Das besagt eine Statistik der Deutschen Landwirtschafts-Gemeinschaft (DLG). Seit 2010 ist die konventionelle Käfighaltung in Deutschland verboten. Aber die meisten Eier stammen nach wie vor von Hühnern aus der Massentierhaltung. Wenn deren Legeleistung nachlässt, werden sie geschlachtet. Der Verein "Rettet das Huhn" will das verhindern und sucht für die ausgedienten Legehennen ein neues Zuhause. Zwei von ihnen habe ich selbst aufgenommen und päppele sie wieder auf.

"Klein, mager – anders als unsere Hühner zu Hause"

Viele Hühner in einem Massenstall
Das ist das Lebensumfeld von Hühnern, die "Eier aus Bodenhaltung" liefern. Bild: Rettet das Huhn e.V.

Mit unserer Transportbox stehen wir vor einem alten Bauernhaus in Garlstedt zwischen Bremen und Bremerhaven. Durch das offene Scheunentor können wir in die Diele gucken. Viele Hühner warten dort in großen Transportkäfigen darauf, abgeholt zu werden. Eine junge Frau von "Rettet das Huhn" hebt für uns vorsichtig eine kleine braune Henne hoch. Mager, erschöpft und ziemlich zerrupft sieht sie aus, ihr Kamm ist ganz blass – viel heller als bei unseren fünf Hühnern zu Hause. Ein zweites Huhn, genauso klein, mager und auch stellenweise nackt, nehmen wir noch mit.

Das war ein sehr emotionaler Tag. Man hat auch die ganze Zeit an die Tiere gedacht, die wir zurücklassen mussten.

Björn Hellmann, "Rettet das Huhn"

340 Hennen haben Björn Hellmann von "Rettet das Huhn" und seine Frau Britta zusammen mit Helfern an diesem Tag vermittelt, erzählen sie knapp zwei Wochen später. Insgesamt habe der Verein 3.400 Hennen aus einem Betrieb in Schleswig-Holstein retten können – von rund 125.000 Tieren. "Das war ein sehr emotionaler Tag. Man hat auch die ganze Zeit an die Tiere gedacht, die wir zurücklassen mussten. Wir wussten, dass am nächsten Tag die Ausstallungstrupps da ankamen. Da wurden dann die restlichen 122.000 Tiere ausgestallt, die gingen dann nach Polen hin, zum Schlachthof."

Nach 15 bis 18 Monaten legen die Hochleistungshühner weniger Eier, wie Björn Hellmann erklärt. Damit würden sie für die Betriebe unrentabel und in der Regel geschlachtet.

43 Millionen Hennen in Großbetrieben

Zwei Menschen mit Hühnern auf dem Arm
Britta und Björn Hellmann arbeiten bei "Rettet das Huhn e.V." nicht nur mit. Sie haben auch selbst zahlreiche Tiere aufgenommen. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Fast 43 Millionen Legehennen gab es Ende 2020 in deutschen Großbetrieben. Die meisten – knapp 61 Prozent – werden in Bodenhaltung gehalten, rund neun Prozent in Freilandhaltung und rund acht Prozent als Bio-Hennen. Freilandhennen müssen pro Tier außerdem mindestens vier Quadratmeter Auslauffläche haben. Die steht auch Bio-Hennen zu. Hier teilen sich sechs Tiere außerdem einen Quadratmeter Stallfläche. Hennen in Bodenhaltung haben weniger Platz: Hier kommen bis zu neun Tiere auf einen Quadratmeter Stallfläche. Auslauf haben sie nicht.

Die Haltung bedeute für die Hühner ein nicht artgerechtes Leben, erklärt Björn Hellmann – Enge, kein Tageslicht, nur Betonfußboden, kein Stroh. Er zieht sein Handy heraus und zeigt Fotos der letzten Aktion: Verletzte, kahlgepickte und geschwächte Tiere, ein Huhn hat sich in einem Gitter eingeklemmt: "Wir finden verängstigte Tiere vor, die haben Panik. Wir nehmen die sehr behutsam hoch, aber die haben geschrien vor Angst, bis wir sie auf dem Arm hatten und rausgetragen haben und sie zum ersten Mal Tageslicht gesehen hatten. Das war für die eine ganz neue Welt.“

Eine neue Hühnerwelt im privaten Garten

Zwei Hühner mit zersausten hellen Gefieder auf einer Wiese
Werden zutraulich: Die beiden Hennen von Catharina Spethmann und ihrer Familie. Bild: Radio Bremen

Eine neue Welt ist unser Garten auch für die beiden Hennen, die wir aufgenommen haben. Sie haben inzwischen gelernt, wie man Würmer fängt. Und ihnen wachsen langsam neue Federn – ihr Bürzel sieht ein bisschen aus wie schlecht rasiert und die neuen Federn wie kleine Borstenpinsel.

Vor uns haben sie keine Angst mehr, sie kommen angelaufen, sobald sie uns im Garten sehen. Wenn die Terrassentür offensteht, wagen sie auch mal einen Ausflug ins Wohnzimmer. Aber von den alteingesessenen Hühnern halten sie sich lieber noch fern. "Vermutlich hat das mit ihrem Vorleben zu tun", erklärt Björn Hellmann: "Ein Huhn kann sich ungefähr 30 bis 40 Artgenossen merken. Darüber hinaus ist es dann schon zu viel." Die Hühner könnten dann keine Rangordnung aufbauen und müssten sich immer wieder aufs Neue gegeneinander behaupten.

Björn Hellmann kam vor Jahren durch einen Radiobericht zu "Rettet das Huhn". Inzwischen bevölkern 22 Hühner seinen eigenen weitläufigen Garten, die meisten davon gerettet.

Ich würde sagen: Weil andere Tiere quälen, habe ich mich dafür entschieden, Tiere zu retten.

Björn Hellmann
Björn Hellmann von "Rettet das Huhn"

"Weil diese Massentierhaltung: Das ist ein System, das eigentlich nicht existieren darf. Und wir wollen versuchen – einerseits-, diese Tiere zu retten, aber auch, den Verbraucher aufzuklären, wie diese Tiere leben.“ Ihm sei klar, dass er nicht alle Tiere retten könne, sagt er, aber wenigstens so viele wie möglich. Denn natürlich ändere es nicht die Welt, ein Tier zu retten. Aber für das Tier verändere es seine ganze Welt. Federica und Fedora, so heißen unsere noch halbnackten geretteten Hennen, entdecken jeden Tag ein Stück mehr ihrer neuen Welt. Es ist so schön, das zu beobachten.

Autorin

  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, 17. Juli 2021, 15.45 Uhr