Interview

"Die Rentensituation ist keine unbeeinflussbare Naturkatastrophe"

Die Bremer Soziologin Simone Scherger ist Mitglied in der neuen Rentenkomission des Bundes. Im Interview erklärt sie, wie die Rente der Zukunft aussehen könnte.

Die Soziologin Simone Scherger in ihrem Büro beim durchforsten von Akten.
Frau Scherger, Sie sind Mitglied in der Rentenkommission "Verlässlicher Generationenvertrag" der Bundesregierung. Das dürfte einer der schwierigsten Jobs sein, die man derzeit in Deutschland antreten kann. Warum tun Sie sich das an?
Es ist eine spannende Herausforderung, dort mitzuwirken. Ich kann Dinge aus wissenschaftlicher Perspektive einbringen, die bestehenden Positionen und Vorschläge bewerten und dann am Ende auch Einfluss nehmen auf den Bericht, den die Kommission 2020 vorlegen muss. Was damit gemacht wird, liegt dann außerhalb dessen, was die Kommission beeinflussen kann.
Vor welchen Problemen steht das deutsche Rentensystem konkret?
Die zentrale Herausforderung ist sicher die Bewältigung des demographischen Wandels, also die Tatsache, dass ungefähr ab jetzt die Babyboomer in Rente gehen. Das führt dazu, dass in der gesetzlichen Rentenversicherung immer mehr Rentenempfänger auf immer weniger Beitragszahler kommen. Wir hatten und haben bis heute niedrige Geburtenraten. Die bisherige Balance wird also ungünstiger – und man muss sich überlegen, wie man das finanziert.
Kann der Generationenvertrag angesichts der Zahl der Babyboomer überhaupt noch funktionieren?
Das ist tatsächlich umstritten. Man muss sich aber klarmachen, dass es zwar Alternativen gibt wie private Altersvorsorge und Kapitaldeckung, diese aber auch nicht demographieunabhängig sind. Das, was Rentner bekommen, egal aus welchem System, muss immer von den Jüngeren erwirtschaftet werden. Wir kommen um diesen Aspekt nicht herum.

Die Frage ist, welchen Stellenwert in diesem Zusammenhang die gesetzliche Rentenversicherung haben kann. Aber die jetzige Situation ist keine unbeeinflussbare Naturkatastrophe. Da gibt es ein paar Stellschrauben, an denen man drehen kann.
Welche sind das?
Egal wie man es macht, die Belastungen werden tendenziell steigen. Die Frage ist, wie man diese Belastungen verteilt und gestaltet. Hierfür gibt es mindestens vier zentrale Stellschrauben: Beitragssatz und Rentenniveau etwa. Diskutiert wird auch immer wieder der Anstieg des Rentenalters. Das finde ich schwierig. Wir sind ja gerade beim Übergang von 65 auf 67 Jahre. Da müsste man erst einmal dafür sorgen, dass das überhaupt alle schaffen. Das ist ja nicht der Fall. Es braucht dann zudem auch alternsgerechte Arbeitsplätze.

Eine vierte Stellschraube ist, mehr Menschen in die Rentenversicherung einzahlen zu lassen. Etwa indem man die Erwerbsquote erhöht, zum Beispiel bei den Frauen, und indem man zusätzlich auch Selbständige und Mini-Jobs mit einbezieht.
Vier Renter sitzen auf einer Parkbank
Wie wird die Rente der Zukunft aussehen? Ideen hierzu soll die neu geschaffene Rentenkommission der Bundesregierung entwickeln. Bild: Imago | teutopress
Sprechen Sie in diesem Zusammenhang auch von Beamten?
Theoretisch schon. Auf lange Sicht halte ich das durchaus für sinnvoll. Politisch ist das wahrscheinlich nicht so schnell durchsetzbar.
Kann man das bestehende System reformieren oder muss Rente ganz neu gedacht werden?
Die gesetzliche Rentenversicherung ist, wenn man sie denn richtig gestaltet, besser als ihr Ruf. Zumal die Erfahrungen aus den vergangenen 15 Jahren mit der privaten Altersvorsorge gezeigt haben, dass dieses System so richtig super auch nicht funktioniert: Die, die eine Zusatzrente bräuchten, können sich die Zahlungen oft nicht leisten, und die Rendite der Anlagen etwa bei der Riester-Rente ist deutlich unter den Erwartungen geblieben. Außerdem fühlen sich sicherlich manche Menschen auch überfordert mit etwas so komplexem wie einer privaten Altersvorsorge.

Der Blick in Länder wie Großbritannien und die USA, die viel mehr über die private Altersvorsorge gehen, zeigt zudem, dass es dort tendenziell höhere Altersarmut und mehr soziale Ungleichheit im Alter gibt.
Das klingt wie ein Plädoyer für die gesetzliche Rentenversicherung…
Letztendlich ist es eine politische Entscheidung, wie man Alterssicherung gestaltet. In der Politik findet eine Auseinandersetzung über verschiedene Ziele der Alterssicherung statt, zum Beispiel wie man Armut verhindert und den individuellen Lebensstandard sichert. Und je nachdem, wie diese gewichtet werden, sehen die Entscheidungen unterschiedlich aus. Nach allem, was wir wissen, bietet die gesetzliche Rentenversicherung dem Staat aber immer noch die meisten Möglichkeiten, zu agieren, auch bei Risiken, die in der privaten Vorsorge nicht abgesichert sind: etwa mit einer Hinterbliebenenrente, einer Erwerbsminderungsrente – oder der Möglichkeit, umzuverteilen. Das ist in der betrieblichen und privaten Vorsorge nicht so einfach möglich.
Was sagen Sie Bürgern, die sich um ihre Rente im Alter sorgen?
Katastrophenszenarien sind wahrscheinlich unbegründet. Wir leben in einer wohlhabenden Gesellschaft und ich glaube, dass der Wandel gestaltbar ist. Es ist wichtig, ein gewisses Vertrauen in die gesetzliche Rentenversicherung sicherzustellen. Das ist auch ein Teil der Aufgaben der ehrenamtlichen Rentenkommission: Lösungen zu erarbeiten, die für viele Menschen gut und tragbar sind. Auch der oft an die Wand gemalte Generationenkonflikt scheint stark übertrieben. Es gibt immer noch mehr Ungleichheit innerhalb der Generationen als zwischen den Generationen.
  • Tanja Krämer

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. Juni 2018, 19:30 Uhr