Fotoshooting mit dem Kaiser: So begann der Kreuzfahrt-Boom

Schnappschüsse von der Kreuzfahrt? Das klingt neu. Doch das gab es schon vor 130 Jahren. Eine Historikerin erforscht in Bremerhaven die Geschichte der Reisefotografie.

Video vom 24. Januar 2020
Eine alte Reisefotografie aus der Kaiserzeit, welche Matrosen mir Eingeborenen zeigt

Von außen sieht das Reisealbum der "SMS Bussard" von 1897 eher unscheinbar aus. Aber gleich das erste Foto hat es in sich: "Eine Ermordung auf den Fidji-Inseln" steht in Schnörkelschrift unter dem Bild einer Gruppe zottelhaariger Eingeborener im Lendenschurz, die einen Mann mitschleifen.

Doch vielleicht war in Wahrheit alles ganz anders, gibt Gisela Parak zu bedenken: "Was inszeniert ist, ist natürlich das Klischee, dass die Fidschi-Indianer immer noch den Kannibalismus pflegen", erklärt die Historikerin vom Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM) Bremerhaven. "Und auf diesem Bild hat der Fotograf eben einen Akt des Kannibalismus bildlich inszeniert, also: Die Gruppe schleppt ihr Menschenopfer gerade mit sich fort, um es zu grillen und zu verspeisen."

Wilhelm II. war der Reise-Prototyp

Parak erforscht Reisealben – sie bedienten früher das Bedürfnis nach Südsee-Exotik. Mehr als 1.000 solcher und ähnlicher Alben hat das Museum in 30 Jahren gesammelt. Darunter ist auch ein großformatiger Prachtband mit Jugendstil-Cover in Goldprägung, ein aufwändig produziertes Buch für Reisende, die mit den Schiffen der Hamburger Großreederei Hapag auf den Spuren Kaiser Wilhelms II. unterwegs waren. Er fuhr alljährlich auf seiner Yacht "Hohenzollern" nach Norwegen und ließ sich von mitfahrenden Fotografen dabei ablichten. Das zeigte Wirkung: Zahlreiche Bürgerliche machten es seiner Hoheit nach und bildeten die erste Vorhut der Kreuzfahrt-Massenbewegung.

Und so anders als heute haben Natur und Schifffahrt auf die Menschen gar nicht gewirkt, glaubt Gisela Parak: "Die Kreuzschifffahrt in die Arktis ist natürlich ein Teil der Faszination: Dass man die Gletschermassen sieht, die wunderbare Natur – und eben die Arktis und das Eis." Sie zeigt auf einen Bildband von 1894: Genau diese Bildlichkeit sei damals schon ausgeprägt gewesen.

Kreuzfahrten, um die Schiffe auszulasten

Eine Frau hinter einem Archivregal.
GIsela Parak vom Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven beforscht historische Reisebilder.

Die damals aufkommende Kreuzfahrerei war eine Idee des späteren Hapag-Chefs Albert Ballin. Er hatte sich das Konzept ausgedacht, um seine Schiffe außerhalb der Atlantiksaison in Fahrt zu halten. An den Alben lassen sich daher auch die ersten Auswirkungen des Massentourismus ablesen, sagt Gisela Parak: "Es ist natürlich eine Attraktion, die Lappen oder die Samen zu fotografieren."

Diese Bevölkerung beginnt jetzt in den Sommermonaten, weiter in den Süden zu ziehen und da ihre eigentliche Kultur zu inszenieren, damit die Touristen halt schöne Motive zum Fotografieren haben.

Gisela Parak, Historikern

Die Reisealben erlebten ihre Blütezeit ab 1890. Schon zehn Jahre zuvor hatte Kodak eine handliche Boxenkamera auf den Markt gebracht. Passagiere und Seeleute auf Handels- und Marineschiffen konnten nun Fotos von ihren Reisen machen. Auf den Spuren der Schiffsreisen habe um die Jahrhundertwende die Medialisierung der Welt eingesetzt, sagt Gisela Parak. Jeder – ob Tourist, Wissenschaftler oder Seemann – fotografierte und brachten die Bilder von der Welt nach Hause.

In diesem Jahr soll es im Bremerhavener Schifffahrtsmuseum eine Ausstellung mit Reisebildern geben. Der Termin ist noch nicht bekannt.

Autoren

  • Boris Hellmers
  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 12. Dezember 2019, 16:10 Uhr