Wieder Ramadan in der Pandemie: Harte Zeiten für Bremens Muslime

Zum zweiten Mal fällt die Fastenzeit anders aus als gewohnt. Besonders die Gemeinschaft fehlt den Muslimen. Wie sie das Zuckerfest im Mai feiern können, ist noch völlig unklar.

Sieben Personen sitzen mit Abstand und Maske in einem Stuhlkreis.
Mit Abstand und Maske sind in der Fatih-Moschee in Bremerhaven aktuell Treffen in kleiner Runde erlaubt. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Süleyman Celebi sitzt auf einem Plastikhocker im Gebetsraum der Bremerhavener Fatih-Moschee, der rote Teppichboden schmeichelt den Füßen und an den Wänden blühen dunkelblaue Blumen auf weißen Kacheln. Für Celebi ist dieser Ort viel mehr als nur ein Ort zum Beten, besonders im Ramadan.

Wie schon für Christen zu Ostern oder Juden am Pessachfest heißt es für Muslime das zweite Jahr in Folge im Ramadan: zu Hause bleiben statt in Gemeinschaft zu beten und zu feiern. Ab diesem Dienstag fasten viele Muslime 30 Tage – immer zwischen Sonnenauf- und- untergang. Weder Essen noch Trinken ist tagsüber erlaubt. Nur nachts geht das.

Wichtiges Ritual fällt wieder aus

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl. Er trägt einen Mundschutz.
Das Fastenbrechen in Gemeinschaft fehlt Süleyman Celebi am meisten. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Dann vermisst Celebi ganz besonders die Gemeinschaft. "Wenn wir hier Fastenbrechen gemacht haben, haben wir uns mit unseren Freunden draußen hingesetzt, einen Tee getrunken, und sind danach zum Gebet reingegangen. Das wird mir allgemein fehlen. Das ist schon etwas traurig", sagt er.

Genau das treibt aktuell die meisten Muslime um, sagt Murat Çelik, Vorsitzender der Schura Bremen, einem Dachverband islamischer Gemeinden. Genaue Daten gibt es nicht, aber er schätzt die Zahl der Muslime im Land Bremen auf rund 70.000. Normalerweise treffen sich viele Gemeindemitglieder nach Sonnenuntergang zum Iftar, dem Fastenbrechen. In einigen Gemeinden kämen dazu normalerweise mehrere Hundert Menschen zusammen. "Das fehlt vielen", sagt Çelik. In diesem Jahr sei das abermals nur zu Hause im kleinen Rahmen möglich.

Das ist kein normaler Ramadan. Dass das gemeinsame Fastenbrechen wegfällt, ist wirklich tragisch.

Mann mit dunklen Haaren, Bart und Brille
Murat Çelik, Vorsitzender der Schura Bremen

Andernorts gebe es "Fastenbrechen to go". Die Gemeindemitglieder holen sich also ihr Essen zumindest an der Moschee ab. Das sei seines Wissens nach in Bremen und Bremerhaven nicht geplant, erzählt Çelik. Für Bedürftige und Flüchtlinge wollen die Gemeinden aber Essenspakete packen. Das haben sie auch schon im vergangenen Jahr so gemacht.

Wenn der Imam per Livestream ins Wohnzimmer kommt

Ein Mann und eine Frau mit Mundschutz sitzen nebeneinander.
Hatice Cetin, hier mit ihrem Mann Mevlüt, tauscht sich mit Freundinnen per Videokonferenz aus. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Die Bremerhavenerin Hatice Cetin kann dem Fastenbrechen im kleinen Rahmen aber auch etwas Positives abgewinnen: Der Vorbereitungsstress vor dem großen Essen falle weg. Sie versucht, das Beste aus der Situation zu machen. So schaltet sie sich im Ramadan mit anderen Frauen per Videokonferenz zusammen. "Wir haben Online-Programme, fast jeden Tag", erzählt sie. Das sei zwar nicht dasselbe, aber besser als nichts.

Schon seit Monaten kommen viele Muslime per Videokonferenz zusammen, um ihren Glauben zu leben, berichtet Çelik. Nicht alle Gebete seien per Videocall möglich, einige aber schon. Auch der Islamunterricht für Jugendliche finde seit Monaten online statt. Jetzt im Ramadan werde zudem die traditionelle tägliche Koranlesung im Internet angeboten.

Kindern fehlt Nähe zu Freunden und Verwandten

Eine Frau mit Kopftuch schaut in die Kamera.
Zeynep Bayram leitet die Kindergartengruppe der Fatih-Moschee in Bremerhaven. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Auch für Kinder gibt es Online-Angebote. Für sie sei Ramadan sehr wichtig, sagt Zeynep Bayram, die die Kindergartengruppe der Bremerhavener Fatih-Moschee leitet.

Den Kindern würden insbesondere die Kontakte zu ihren Familien und Freunden fehlen, sagt Murat Çelik. "Ich weiß das noch aus meiner Kindheit: Man freut sich auf das Fastenbrechen und die Gesellschaft", erzählt Çelik. "Das hat schon im letzten Jahr extrem gefehlt." Und auch für Ältere und Alleinstehende sei insbesondere die Zeit jetzt während der Fastenzeit belastend, sagt Çelik.

Die Kinder sind voller Vorfreude. Das, was fehlt, sind die Treffen mit Freunden und Verwandten. Jetzt können sie nur ihre Kernfamilie sehen.

Mann mit dunklen Haaren, Bart und Brille
Murat Çelik, Vorsitzender der Schura Bremen

Moscheen tragen zur Aufklärung in der Pandemie bei

Insgesamt sei die Situation aber besser als zu Beginn der Pandemie, sagt Çelik. Im vergangenen Jahr waren die Moscheen während des Ramadan drei Wochen geschlossen. In diesem Jahr seien in Bremerhaven immerhin Zusammenkünfte mit bis zu 20 und in Bremen sogar mit bis zu 100 Personen erlaubt – natürlich mit Anmeldung und entsprechenden Hygienekonzepten. So können sich zumindest kleine Gruppen treffen. In Bremerhaven muss jedoch aktuell auch das wichtige Freitagsgebet ausfallen. "Das macht keinen Sinn mit 20 Leuten", sagt Çelik.

Er hofft, dass diese Zusammenkünfte in kleinem Rahmen auch weiterhin erlaubt bleiben, nicht nur, um gemeinsam den Glauben auszuleben, sondern auch, um die aktuellen Corona-Regeln zu verbreiten. "Nicht alle verstehen, was gerade erlaubt ist", sagt er. "Wir können die behördlichen Vorgaben in den Gemeinden kommunizieren."

Spendenbereitschaft ist groß

Blick auf ein Gebäude mit Turm.
Hier in der Fatih-Moschee in Bremerhaven dürfen aktuell 20 Personen zusammenkommen. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Wichtiger Teil des Ramadan ist neben der Gemeinschaft und der Familie auch das Sammeln von Spenden. Im vergangenen Jahr hatten einige Gemeinden die Sorge, es würde wegen der Pandemie anschließend an Spenden fehlen. Glücklicherweise sei die Spendenbereitschaft in der Pandemie aber zum Teil sogar gestiegen, berichten die Mitglieder der Bremerhavener Fatih-Moschee. Und auch Murat Çelik bestätigt, dass sich die Pandemie nur in wenigen Gemeinden negativ bemerkbar gemacht habe und sich die Summe an Spenden über das Jahr gesehen ausgeglichen hätte. Die Sammlungen hätten nur anders organisiert werden müssen, da normalerweise in der Moschee gespendet werde.

Pläne fürs Zuckerfest noch offen

"Wir hoffen, dass wir Schritt für Schritt Normalität zurückbekommen", sagt Çelik. Für das Zuckerfest am 13. Mai am Ende des Ramadan hat er aber wenig Hoffnung. Genaue Pläne zum Ablauf des Festes gibt es bisher noch nicht. Die Gemeinden wollen abwarten, was dann erlaubt ist. "Vielleicht geht es unter freiem Himmel, mit Anmeldung und mehreren Terminen", sagt Çelik. Er hofft, dass zumindest das Opferfest, das zwei Monate nach dem Ramadan gefeiert wird, in möglichst gewohntem Rahmen stattfinden kann.

Autoren

  • Sonja Harbers Redakteurin und Autorin
  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 13. April 2021, 7:40 Uhr