Meinungsmelder

Kritik, Geduld und Vertrauen: Meinungsmelder ziehen Corona-Bilanz

Von wegen coronamüde: Insbesondere die Abstandsregeln und die Maskenpflicht werden weithin akzeptiert. Doch die Befragten vermissen Umarmungen und Handshakes schmerzhaft.

Video vom 16. September 2020
Zwei Frauen stehen sich auf dem Marktplatz gegenüber, eine hält einen Regenschirm in der Hand.
Bild: Radio Bremen

Nach gut einem halben Jahr im Zeichen der Pandemie räumen viele Radio Bremen Meinungsmelder und Meinungsmelderinnen zwar ein, unter den Schutzmaßnahmen zu leiden.

Ich finde, es reicht irgendwann mit dem Abstand halten. Jeder Mensch braucht Nähe, jeder möchte mal gedrückt werden.

Meinungsmelderin Jennifer Lühr, 33, aus Gröpelingen

Den Sinn der bekanntesten Corona-Schutzmaßnahmen stellt allerdings kaum jemand in Abrede. Auch nicht nach über sechs Monaten. Dabei genießen die Abstandsregeln und die Maskenpflicht bei den Befragten die höchste Akzeptanz: 84 beziehungsweise 79 Prozent sehen darin "eine Selbstverständlichkeit zum Schutze aller Menschen", wie es ein 42-jähriger Meinungsmelder aus Bremen stellvertretend formuliert.

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"Distanz heißt das neue Zauberwort"

Die Akzeptanz der Schutzmaßnahmen hindert die Meinungsmelder und Meinungsmelderinnen allerdings nicht daran, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren oder zumindest die Lage zu bedauern. So sagt der 38-jährige Bremer Werner Knappe: "Die sozialen Kontakte wurden weniger. Angst und "Respekt" ist allenthalben zu spüren. Die gewohnte Lockerheit im Alltag ist deutlich geringer geworden." Das neue Zauberwort heiße "Distanz".

Diese Erfahrung haben auch die 68-jährigen Zwillinge Rolf und Joachim Scheu aus Obervieland gemacht: "Man kommt sich in unserem Haus wie im goldenen Käfig vor, weil keine sozialen Kontakte möglich waren", sagen sie.

Passend dazu bedauert die 73-jährige Gundula Thias aus der Östlichen Vorstadt, dass gewohnte Spieletreffs und Gruppensport derzeit ausfielen, und immer noch kaum etwas planbar sei. Auf körperliche Nähe aber möchte sie nicht länger verzichten.

Nach Monaten der "Abstinenz" haben meine Tochter und meine Enkelin und ich beschlossen, dass wir uns endlich einmal wieder in den Arm nehmen.

Meinungsmelderin Gundula Thias

Was Meinungsmelder von Forderungen Demonstrierender halten

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So schwer es vielen Meinungsmelderinnen und Meinungsmeldern auch fällt, insbesondere die Abstandsregeln konsequent einzuhalten, so wenig Verständnis haben die Befragten doch für Demonstrationen gegen Schutzmaßnahmen. 85 Prozent der Befragten fänden es falsch, die Sicherheitsregeln abzuschaffen. Beispielhaft sagt der 63-jährige Detlef Scheer aus Lilienthal dazu: "Den Wunsch: "Mami, Mami! Ich will jetzt aber wieder auf den Spielplatz!", kann ich für Kinder, aber nicht für Erwachsene nachvollziehen."

Analog dazu sagt eine andere Meinungsmelderin: "Die Freiheit des Einzelnen endet an den Grenzen der Anderen. Es gibt kein Recht darauf, andere anzustecken."

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Zwar hat die Mehrheit der Radio Bremen Meinungsmelder nach eigenem Bekunden großes, teilweise sogar sehr großes Vertrauen in die Corona-Politik der Bundesregierung wie der Bremer und der niedersächsischen Landesregierungen. Kritische Stimmen aber gibt es dennoch.

"Viele Informationen sind inzwischen politisch verfärbt. Politiker geben nur Teilinformationen weiter und formulieren sie in ihrem Sinne", sagt etwa ein 63-jähriger Meinungsmelder aus Gröpelingen. Andere werden noch schärfer, werfen der Politik Panikmache vor. Es handele sich bei Corona um eine grippeähnliche Krankheit und nicht um Ebola oder um die Pest, kommentiert ein 51-jähriger Kritiker aus der Östlichen Vorstadt. Eine 36-jährige Meinungsmelderin aus Horn-Lehe wirft der Politik "Aktionismus" und "Machterhaltungstrieb" vor. Sie fordert einen Untersuchungsausschuss.

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. September, 19:30 Uhr