Interview

Neue Radio-Bremen-Intendantin: "Man muss auch mal klare Kante zeigen"

Yvette Gerner hat heute ihren ersten Arbeitstag als Intendantin von Radio Bremen. Hier spricht sie über die Herausforderungen und warum Bremen eine eigene Rundfunkanstalt braucht.

Neue Intendantin sitzt auf dem Loriot-Sofa vor dem Radiobremen-Sendehaus
Yvette Gerner ist die erste Frau an der Spitze von Radio Bremen.
Frau Gerner, sind Sie gut in Bremen angekommen?
Ja, ich bin jetzt schon seit vier Wochen da. Seitdem bin ich immer schon mit dem Fahrrad unterwegs und erkunde Bremen und umzu. Ich war schon in Bremerhaven – da noch nicht mit dem Fahrrad. Ich finde es wirklich angenehm hier. Ich habe einen Hund, da kommt man immer ins Gespräch. Das finde ich wirklich schön. Ich bin neugierig, war schon in vielen Museen und erschließe mir die Stadt und das Umland langsam. Bremen ist eine lebendige Stadt mit so viel Kultur und Angebot, viel Wissenschaft, Technologie-Standort, das finde ich faszinierend. Ich freue mich darauf, das noch weiter kennenzulernen.  
Was hat Sie gereizt, sich nach Bremen zu bewerben?
Ich finde Radio Bremen einfach einen großartigen Sender. Radio Bremen ist klein, aber fein, und trotzdem Teil eines großen Ganzen in der ARD-Familie. Ich finde es eine tolle Chance, dass man hier ganz nah an den Menschen sein kann, für die man Programm macht. Das Motto der ARD, "Wir sind deins" kann man bei Radio Bremen wirklich gut umsetzen: Wenn Sie früh genug aufstehen, werden Sie mich morgens mit dem Hund unterwegs in Sportklamotten sehen.
Was muss man sonst noch über Sie wissen? 
Ich bin kommunikativ, interessiere mich für Menschen und treffe sie gerne. Als Journalistin bin ich schrecklich neugierig und gegenüber Neuem aufgeschlossen. Als Managerin bin ich strukturiert und digital unterwegs.  
Sie haben bereits für das Amt der Oberbürgermeisterin in Speyer kandidiert und haben auch ein SPD-Parteibuch. Haben Sie darüber nachgedacht, es abzugeben, jetzt da Sie an der Spitze von Radio Bremen stehen?  
Ich bin nicht aktiv. Das ist Teil meiner privaten Biografie. Als Journalistin war und bin ich immer kritisch und unabhängig gewesen und als Intendantin bin ich das auch. Durch das Radio-Bremen-Gesetz bin ich allen demokratischen Strömungen sowie deren Vertreterinnen und Vertretern verpflichtet. Ich glaube, dass man sich als Journalist immer bewusst machen muss, wofür man steht, und das hinterfragen muss. Jeder von uns ist Mitglied von irgendetwas und steht für irgendetwas. Immer mal die Gegenposition einnehmen, das schadet nicht. 
Neue Intendantin von Radio Bremen beim Interview im Profil
Journalisten sollten die eigenen Stereotype hinterfragen, findet Yvette Gerner.
Was wird in fünf Jahren bei Radio Bremen anders sein als heute? 
Das möchte ich nicht allein vorgeben. Ich habe Vorstellungen und Ideen, aber ich bin der Überzeugung, dass man das nur zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen entwickeln kann. Als Einzige voranzugehen und zu sagen, "Mir nach", das ist nicht mein Stil. Ich glaube, Radio Bremen hat schon gute Akzente gesetzt und ist schon sehr zukunftsoffen aufgestellt. Die Fragen sind: Was ist noch wichtig, was können wir für die Menschen hier vor Ort noch anbieten an Programmen? Auf welchen Plattformen müssen wir unterwegs sein, um alle zu erreichen? Darüber müssen wir in den nächsten Tagen und Wochen und den nächsten fünf Jahren reden. Momentan lassen sich nur Trends erkennen, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Wo es in fünf Jahren hin geht – wer weiß. Wir müssen es schaffen, dass die ARD-Mediathek und -Audiothek als gute Angebote von allen genutzt werden.
Sie haben eben schon die Digitalisierung angesprochen. Unser Alltag wird immer digitaler. Wie wird sich das für Radio Bremen auswirken?
Radio Bremen macht mit Bremen NEXT und den funk-Formaten schon gute Angebote in der digitalen Welt. Alle Radiowellen und buten un binnen sind digital unterwegs. In einer sich ausdifferenzierenden digitalen Welt müssen wir auch über Online-only-Angebote nachdenken, wenn wir sie denn finanzieren können. 
Kontakt zu Usern, Hörern und Zuschauern ist sehr wichtig, sagen Sie. Haben Sie konkrete Ideen, wie man diesen Austausch in Zukunft weiter vorantreiben kann? 
Ich finde den Austausch im Digitalen sehr wichtig und halte das für eine der großen Stärken in diesem Bereich. Das hat natürlich auch ein paar Nachteile, weil man in diese Echokammern mit hereinkommt. Journalismus ist Dialog, ein ständiger Austausch mit den Menschen, für die wir das Programm machen. Da ist digital eine Chance, vor Ort sein, ganz direkt reden, eine ganz klassische Zweite. 
Sie haben gerade schon die Echokammern angesprochen. Was kann man tun, damit eine positive Debattenkultur stattfindet? 
Es ist ganz wichtig, dass wir unsere eigene Haltung reflektieren: Wie konstruktiv sind wir unterwegs? Das heißt nicht, dass wir unkritisch sein müssen, aber dass wir durchaus auch die eigenen Stereotype und Reflexe als Journalisten hinterfragen. Journalisten sind ja oft kritisch unterwegs. Ich finde, man kann durchaus auch mal überlegen: Gibt es einen konstruktiven Ansatz, um sich einem Problem zu nähern? Ich glaube, das Vorleben ist da ganz wichtig und auch, in welcher Gesprächshaltung wir miteinander unterwegs sind. Aber: Wenn es darauf ankommt, muss man auch mal klare Kante zeigen und sagen: So geht es gar nicht.  
Eine blonde Frau lächerlt in die Kamera
Yvette Gerner fühlt sich vor allem dem Publikum verpflichtet.
Am öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Institution gibt es verstärkt Kritik. Was sagen Sie Menschen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen wollen?  
Es kommt immer darauf an, wen man da als sein Gegenüber hat. Zunächst mal würde ich sagen: "Wir sind deins." Das Motto der ARD ist nicht nur ein Motto, sondern eine Grundüberzeugung, die DNA des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es muss uns gelingen, das klarer zu machen. Wir sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Wir sind Stimme für die Menschen, um ihre Themen und das, was sie bewegt, aufzugreifen. Wir haben eine wichtige Funktion, Dinge zu hinterfragen, Geschichten zu vermitteln und zu erklären, und über eine Fülle von Dingen zu informieren, und sind da ein verlässlicher Anlaufpunkt. Ein Ankerpunkt in einem Meer von Information, Ungeordnetheit, Globalisierung. Und ansonsten würde ich immer direkt fragen: Was stört die Leute? Was können wir besser machen? Offen sein für Kritik. 

Man kann sich ja im Ausland wie den USA anschauen, wie Fernseh- und Hörfunkangebote in einem System ohne ein öffentliches Angebot wie ARD und ZDF aussehen. Das ist dann sehr viel polarisierter und auf Sensation ausgerichtet. Wir machen viele Angebote für alle Zielgruppen und geben uns größte Mühe, alle mit einem umfassenden Informations-, Sport-, Kultur- und Unterhaltungsangebot zu erreichen, von Jung bis Alt. Das ist auf verschiedenen Plattformen zunehmend schwieriger, aber dieser Herausforderung muss man sich heute als Journalist stellen.  
Bei Radio Bremen und auch im Land Bremen gibt es immer wieder knappe Kassen. Warum leistet sich Bremen eine eigene Rundfunkanstalt? 
Man könnte auch fragen: Wozu braucht es das Land Bremen? Ich finde, die eine Frage erübrigt sich wie die andere. Radio Bremen ist ein Teil von Bremen und ein wichtiger Teil auch der Kultur dieses Bundeslandes und für Menschen hier ein Teil der Identität. Wir geben uns große Mühe, das zu erhalten und da auch einen hohen Standard und eine hohe Qualität zu liefern. Die Akzeptanz zeigt, dass die Menschen das auch gut finden.
Manchmal hört man Sätze wie "Könnte das nicht effizienter in einer größeren Einheit organisiert sein?"
Ich frage mich, ob Effizienz das einzig wahre Kriterium ist und ob es nicht auch etwas blauäugig ist, zu glauben, dass man wirklich so viel spart dabei. Und ob die Verluste an Qualität, an Vor-Ort-Präsenz, an Identifikation und dem Aufnehmen der Probleme, die hier vor Ort sind, das bisschen, was man vielleicht spart, nicht wettmachen. Radio Bremen ist smart aufgestellt, hat viel gespart, viele Strukturreformen in den letzten Jahren schon vorweggenommen, kooperiert schon in vielen Bereichen. Weitere Prozesse sind innerhalb der ARD im Gange. Da kann ich nur einladen, mal vorbeizukommen und sich die Redaktionen anzuschauen. Bei Radio Bremen wird sehr kostenbewusst mit dem Geld der Gebührenzahler umgegangen.

Autorin

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. August 2019, 19:30 Uhr