Porträts der Seele: So macht eine Bremerin aus Corona Kunst

Albträume, Pleite, Fresssucht, Langeweile, Beziehungsprobleme – die Nebenwirkungen von Corona. Eine Bremer Künstlerin bringt seelische Veränderungen unkonventionell auf die Leinwand.

Frau vor buntem Bild
Die Bremer Künstlerin Rabea Melius bei der Arbeit. Bild: Radio Bremen

Das Treffen mit Rabea Melius fühlt sich fast schon ein bisschen verboten an, dabei ist es einfach nur besonders in Zeiten wie diesen. Zweiertreffen mit Abstand sind ja erlaubt aber ungewohnt ist dieses Erlebnis, bei dem eins von mindestens fünfzig "Corona-Seelen-Porträts" entstehen soll, trotzdem. Plötzlich steht man, kontaktverarmt wie viele von uns zurzeit leben, live und in Farbe wirklich in ihrem Gemeinschaftsatelier in der Bremer Neustadt und erlebt Kunst. Echt jetzt? Ja. Und das, obwohl die Kunstszene nun seit einem Jahr schon pandemiebedingt brach liegt, vorsichtshalber ruhig gestellt wurde, zumindest was Erlebnisse mit körperlicher Präsenz betrifft.

Die Corona Krise und die Kontaktbeschränkungen führen bei vielen Menschen dazu, dass sie sich nicht mehr unbefangen verabreden, schon gar nicht mit jemand Unbekanntem. Doch genau dazu motiviert die Bremer Künstlerin Rabea Melius. Kein psychologisches Setting, sondern ein kulturelles Erlebnis will sie schaffen.

Sich einfach mal "auskotzen" zu Forschungszwecken

Trotz und gerade wegen Corona lädt die studierte Kunsttherapeutin also nun seit einigen Tagen schon redselige, redelustige, redebedürftige Menschen in ihr Atelier ein. Der Grund? Es soll was sichtbar werden. Wer sich traut, wird unbekannterweise abstrakt von Rabea Melius porträtiert. Es gibt nicht nur Kaffee oder Bier, es darf auch geraucht werden. Der Termin kostet nichts und die Gastgeberin ist gespannt, welche Geschichten ihr wohl begegnen werden. Vorfreudig sagt sie: "Man kann einfach erzählen, was einem auf der Seele liegt. Es ist auch möglich, sich eine Stunde lang zu beschweren. Auf das echte Erlebnis der Begegnung kommt es mir an, weil es nicht ersetzbar ist", so die 30-Jährige. Sie will sehen und sichtbar werden lassen, was mit den Seelen passiert ist seit Corona regiert.

Ein paar Regeln gibt es schon

Der Rahmen für die Seelenporträtsitzungen ist begrenzt. Das braucht es für beide Seiten, sagt die studierte Kunsttherapeutin. Das Alter und die berufliche Situation der "Studienteilnehmer" spiele keinerlei Rolle. Während der Sitzungen spricht im besten Falle nur der Gast. Die Kommunikation der Künstlerin beschränkt sich im Optimalfall auf die Leinwand. Außerdem unterbricht die Künstlerin nicht – oder nur in seltenen Ausnahmefällen. Der Redefluss der Menschen soll möglichst ungestört bleiben, der Malprozess ebenso. Es gehe nicht darum, eine freundschaftliche Ebene zu schaffen, es handele sich auch nicht um ein Langzeitprojekt. Eine schöne Art zu sagen, dass die Treffen nicht zur Wiederholung gedacht sind. Der Prozess der Begegnung dauert eine Stunde und dann ist das Werk wie es ist. Eine dokumentarische Momentaufnahme.

Video vom 19. Februar 2021
Frau vor Leinwand
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Es muss nicht "schön" werden

Auf das echte Erlebnis, auf eine Begegnung, die nicht digital stattfindet, sondern in voller Präsenz kommt es ihr an. Denn das, was dabei passiert, ist nicht ersetzbar. Gefühle wie Aufregung, Anspannung, Begegnungsvorfreude oder Überraschung wecken die vielen zoom-Meetings, Mails und Skype Schalten der vergangenen Monate einfach nicht. Viele "User" schildern – nach einem Tag voller Digitalkonferenzen – Erschöpfungszustände, die sie früher so nicht kannten. "Vor allem beim ersten Porträt war ich selbst ganz aufgeregt", sagt die Künstlerin. "Ich vermisse echte Begegnung ja nun auch schon eine Weile. Gleich die erste Person, die sich zum Porträt angemeldet hatte, hat Emotionen bei mir ausgelöst, die ich schon ewig nicht mehr hatte. Sie ist nämlich wegen Schnee und Eis nicht erschienen, konnte mich nicht erreichen, denn ich saß ja – bereit mich einzulassen – ohne Handy vor der leeren Leinwand. Aber auch diese Erfahrung, werte ich absolut als Gewinn, denn ich habe dabei etwas empfunden." Auch daraus ist direkt ein Bild geworden. Das erste dieser experimentellen Reihe.

Melius meint …

Digitalkonzerte, Onlineausstellungen, das ist alles gut gemeint, aber das kommt an eine echte Begegnung einfach nicht heran, egal wie gut oder schlecht auch eine zwischenmenschliche Begegnung ablaufen mag oder sich anfühlen kann. Die meisten von uns haben ein wie auch immer geartetes echtes Treffen inzwischen bitternötig und vermissen Kontakt, sagt Melius.

Sie selbst spüre jedenfalls einen Hunger nach Kontakt und Auseinandersetzung. Früher hat sie oft in Kneipen Menschen und Gespräche zeichnerisch dokumentiert, gern mal einem Gespräch am Nachbartisch gelauscht und diese Eindrücke auf sich wirken lassen. Inzwischen sei ihre Sehnsucht nach Begegnung und Spontanität so ausgewachsen das die weit verbreiteten Onlineformate in den Lebensbereichen Kunst, Kultur und Bildung in ihr nur noch Überdruss hinterlassen.

Seelisches Porträt, das klingt so, als könne ich da in jemanden hineinschauen, das kann ich natürlich nicht. Aber ein Porträt malen als solches ist einfach ein intensives Wahrnehmungserlebnis, für den Gast aber ja auch für mich als Künstlerin. Es geht um genaues Hinsehen, Hinspüren, ganz absichtslos.

Rabea Melius

Fünf solche Corona Seelenporträts hat die gebürtige Nordenhamerin inzwischen mit Acrylfarbe auf Leinwände gebracht. Was in den Sitzungen gesagt wird, ist vertraulich. Nur die Leinwand spricht am Ende für sich. "Ich achte am meisten auf Haltung. Das meiste liest man ja gar nicht aus dem Gesagten an sich heraus. Genau dafür brauche ich eben auch die konkrete Begegnung, dass ich mich da reinfühlen kann."

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker

Die Infektionszahlen sind stark im Fokus, weltweit. Die Kollateralschäden als Folge von Gegenmaßnamen zur Pandemiebewältigung finden vergleichsweise wenig Beachtung. Seelisch wirft uns Corona und der Umgang damit auf uns selbst zurück. Viele kommen damit irgendwie klar und viele irgendwie nicht. Rabea Melius hat Verständnis für die pandemiebedingten Verhaltensregeln und hält diese während ihrer Sessions gewissenhaft ein, doch sie spürt eben gleichzeitig, dass die neuen Umstände ihren Preis haben.

Wenn sie grad nicht mit Kunst beschäftigt ist, arbeitet sie in der Krisenintervention bei der Bremer Werkgemeinschaft, einem sozialtherapeutischen Verein. Sie hat dort eine 30- Stunden-Woche und kennt die Nebenwirkungen, die sich im Schatten von Covid-19 zeigen. Vielen Menschen ginge es spürbar schlechter seit fast alle öffentlichen Räume geschlossen bleiben, die früher Begegnung und Austausch möglich gemacht haben. Sie sagt: "Es klingt vielleicht banal – dann kann man halt mal nicht ins Kino oder in die Kneipe. Es hat aber Konsequenzen für unsere Gefühlswelt. Es gibt ja auch immer weniger zwischenmenschliche Zufälle."

Seelen-Porträt Nummer sechs ist fertig

Die Grundschullehrerin, die bei unserem Besuch mit der Kamera von Rabea Melius porträtiert wurde, hat nicht lang um den heißen Brei herum geredet. Sie ist 37 Jahre alt und vom andauernden Ausnahmezustand müde. Sie erzählt zum Beispiel, dass sie sich manchmal fühlt wie eine Zahl. "Jeden Morgen im Radio die gleiche nachrichtliche Zumutung. Zahlen. Genesene, Verstorbene, Neuinfizierte, die Infos verschwimmen." Verliebt sei sie. In jemanden im Ausland, den sie seit Corona-Zeiten nicht mal eben besuchen kann.

Video vom 19. Februar 2021
Frau malt an Tisch
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Zum Mitnehmen sind die Seelenporträts allerdings nicht. Sie verbleiben in den Händen der forschenden Künstlerin weil sie die vielen "dokumentarischen Momentaufnahmen" am Ende zu einem Gesamtwerk zusammenfügen will. Öffentlich zeigen wird sie sie erst, wenn wieder echte Präsenz-Ausstellungen möglich sind. Denn von Online-Ersatzformaten, die eben gar nichts ersetzen können, was die Seele berührt, hält Rabea Melius – wie wir ja nun wissen – wenig.

Autorin

  • Anke Plautz Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Februar 2021, 19:30 Uhr