Neue Quarantäneregeln an Bremer Schulen und Kitas – alte Probleme?

Eine Schulklasse des Vegesacker Gymnasiums im Klassenraum.
Einheitlichere, lockerere Quarantäneregeln für Schuler und Schülerinnen sind Anfang September bundesweit beschlossen worden. (Symbolbild) Bild: Radio Bremen

Seit Mitte September gelten an Schulen und Kitas der Stadt Bremen neue, lockerere Quarantäneregeln. Einige Eltern kritisieren: Das Gesundheitsamt heble die Regeln aus.

Viele Eltern und Kinder dürften erleichtert aufgeatmet haben, als die Gesundheitsminister der Länder Anfang September neue, einheitliche Quarantäneregeln für Schüler und Schülerinnen beschlossen haben. Das Ziel: Es sollen nicht mehr ganze Klassen in Quarantäne geschickt werden, wenn Corona-Fälle auftreten. So soll so viel Präsenzunterricht wie möglich gesichert sein.

Doch so einheitlich sind die neuen Bestimmungen nicht, denn die Gesundheitsbehörden vor Ort haben am Ende das letzte Wort. Die Stadt Bremen hat beschlossen, dass die Kohorte des positiv getesteten Schülers nicht in Quarantäne muss, sich aber eine Woche lang täglich auf Corona zu testen hat. Anders sieht es bei einem Ausbruch aus, und zwar ab zwei Infizierten pro Kohorte: Hier wird für die gesamte Gruppe eine 14-tägige Quarantäne angeordnet, ohne Möglichkeit der Freitestung.

ZEB: Maßnahmen stehen im Gegensatz zu Ankündigungen

Das beklagen jetzt einige Eltern sowie der Zentralelternbeirat (ZEB) in Bremen. "Wir zweifeln nicht daran, dass in begründeten Ausnahmefällen das jeweils zuständige örtliche Gesundheitsamt eine weitergehende Quarantäne anordnen kann, wenn das Infektionsgeschehen sonst nicht nachvollziehbar ist", steht in einem offenen Brief an die Behörden. Doch die Tatsache, dass bereits ab zwei infizierten Schülern die gesamte Kohorte ohne Freitestung in Quarantäne geschickt werde, durchkreuze de facto die beschlossenen Lockerungen.

Durch diese Maßnahmen konterkariert das Gesundheitsamt Bremen die verkündeten Lockerungsmaßnahmen, die von allen 16 Bundesländern einstimmig angenommen wurden, vollständig.

Offener Brief des ZEB

Für Martin Stoevesandt, ZEB-Vorstandssprecher, sind die Bremer Regelungen zu scharf, er fordert ein Handeln "mit Augenmaß". Nur wenn der Ausbruch komplett unübersichtlich sei, solle man die Kohorte nach Hause schicken mit der Möglichkeit einer Freitestung nach fünf Tagen. Ähnlich wie der ZEB reagieren Eltern einer weiterführenden Bremer Schule, die anonym bleiben möchten. Sie finden, die Regelung zum Ausbruch hebele die angekündigten Lockerungen und die Coronaverordnung aus.

Diese neue Verordnung sollte zum psychischen und körperlichen Wohle der Kinder, zur Freiheit, zum Lernen und als Entlastung der Eltern geschlossen werden. Hier waren sich sowohl Politiker, Ärzte und Eltern einig. Nun sind wir fassungslos und schockiert, dass unsere Kinder nun doch wieder 14 Tage ohne die Möglichkeit einer Freitestung "eingesperrt" werden!

Anonyme Eltern

Zudem kritisieren sie Unklarheiten bei der Feststellung eines Ausbruchs. Dafür müsse festgelegt werden, dass sich die zwei Kinder vermutlich untereinander und nicht extern infiziert haben, fügt Stoevesandt hinzu.

Beschwerde auch wegen Quarantäne an Kitas

Auch zur Quarantäneregelung an Kitas haben buten un binnen Beschwerden von Eltern erreicht. Kritisiert wurde die Tatsache, dass Kinder, in deren Gruppe es einen Ausbruch mit mindestens zwei Corona-Fällen gab, ihre Quarantäne nicht verkürzen dürfen. Kinder, in deren Gruppe es nur einen Fall gab, dürfen dies mit einem negativen Test nach fünf Tagen.

Für mich und zahlreiche andere Eltern ergibt die obige Unterscheidung keinen Sinn, denn: Durch den Ausbruch steigt zwar die Wahrscheinlichkeit von Ansteckungen innerhalb der Gruppe, die Inkubationszeit verändert sich jedoch nicht.

Anonymer Vater

"Mein Kind leidet sehr unter der häuslichen Quarantäne und ich kann ihm keine passende Erklärung dazu geben", sagt ein Vater.

Gesundheitsressort: Gesundheitsamt prüft sorgfältig auf Ausbruch

Das Gesundheitsressort verweist in diesem Zusammenhang auf die Coronaverordnung und das Infektionsschutzgesetz. "In der Coronaverordnung sind die Maßnahmen für einen positiven Einzelfall in einer Kohorte geregelt. Bei einem Positivfall gilt für die gesamte Kohorte der infizierten Person für die folgenden sieben Schultage eine tägliche Testpflicht, sowie eine Maskenpflicht auch im Klassenraum", sagt die Sprecherin, Alicia Bernhardt. Bei mehreren Fällen prüfe das Gesundheitsamt jedes Mal, ob es sich dabei um einen Ausbruch handelt.

Bei zwei oder mehr Positivfällen in einer Kohorte wird von dem Gesundheitsamt sorgfältig geprüft, ob es sich um einen Ausbruch handelt.

Alicia Bernhardt, Sprecherin der Bremer Gesundheitssenatorin

Ein Ausbruch gilt als vorhanden, wenn die Positivfälle "in derselben Kohorte in einem zeitlichen und örtlichen Zusammenhang" stehen. "Dann wird von dem Gesundheitsamt auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes die gesamte Kohorte in Quarantäne geschickt werden, um den Ausbrauch schnell und effektiv einzudämmen", so die Ressortssprecherin. Für geimpfte Kinder gelte dies nicht.

Epidemiologe: Es ist in der Tat ein "defensives" Vorgehen

Einen Ausbruch festzustellen, sei nicht leicht, bestätigt der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb. "Der Beweis, dass sich eine bei der anderen Person angesteckt hat, ist nicht einfach zu führen, wenn Kontakt bestand, geht man davon aus. Ich glaube nicht, dass man von diesem pragmatischen Vorgehen abweichen kann und wird." Die Quarantänebestimmungen an Schulen bewertet der Wissenschaftler jedoch als "defensiv".

Angesichts des deutlich geäußerten Ziels, dass Schüler und Schülerinnen unbedingt wieder in Präsenz unterrichtet werden sollen, auch wegen der vielen unerwünschten Folgen der Nicht-Präsenz, erscheint die jetzige Quarantäneregel mir eher defensiv.

Der Epidemiologe Hajo Zeeb im Interview.
Hajo Zeeb, Epidemiologe

Das Risiko, dass im Winter die Fälle steigen und ganze Klassen wieder in Quarantäne müssen oder gar Schulen schließen, sei nicht ganz von der Hand zu weisen. Für Zeeb wäre es den Aufwand wert, intensiv zu testen statt alle in Quarantäne zu schicken. "Damit lässt sich dann zudem die Dunkelziffer senken."

Bildungssenatorin zu den Quarantäneregeln: "Kinder brauchen Kinder"

Video vom 14. September 2021
Bremens Bildungssenatorin Sascha Aulepp schaut in die Kamera.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. September 2021, 19:30 Uhr