Interview

Psyche und Selbsthilfe in der Pandemie: "Ich hatte Angstschübe"

In Bremerhaven leitet Anja Menge die Selbsthilfegruppe "Angst und Depressionen". Es meldeten sich seit Beginn der Pandemie vor allem junge Menschen.

Gemalte Menschen sitzen in einem Stuhlkreis zusammen
Selbsthilfegruppen im Land Bremen haben mehr Zulauf, weil Menschen durch die Pandemie belastet sind. (Symbolbild) Bild: Imago/ Ikon Images
Frau Menge, wie macht sich die Pandemie in Ihrer Selbsthilfegruppe bemerkbar?
Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind einfach einsamer geworden, ihnen fehlt das soziale Miteinander und viele sind auch wieder in ihre Depression gerutscht. Viele in unserer Gruppe haben Angst oder Panikattacken. Bei denen kam jetzt noch eine weitere Angst dazu: "Wenn ich rausgehe, könnte ich mich anstecken." Also vielen geht es nicht gut. Und wir merken auch, dass uns vermehrt Anfragen erreichen. Seit letztem Jahr ruft im Schnitt zwei- bis dreimal die Woche jemand an und fragt, ob er kommen kann. Man merkt auch, dass es besonders viele junge Leute sind, die sich melden.
Anja Menge
Anja Menge leitet eine Depressions-Selbsthilfegruppe in Bremerhaven. Bild: Privat
Wie geht es Ihnen persönlich in dieser Zeit?
Für mich bedeutet die Pandemie weniger Einschränkungen. Ich bin sowieso gerne und viel zu Hause und gehe ungern weg. Aber auch ich habe in dieser Zeit extreme Angstschübe gehabt. Sehr extreme, die ich schon lange nicht mehr so heftig hatte. Da hatte ich auch Tage, wo es ganz schlecht ging.
Haben Sie auch Angst vor einer Coronaerkrankung?
Angst vor Corona habe ich nicht. Ich war schon so oft krank in meinem Leben und stand so oft schon kurz vor dem Tod. Da war die Angst, jetzt krank zu werden, nicht so schlimm. Wovor genau ich Angst hatte, kann ich gar nicht so genau sagen.
Können Sie noch sagen, wie das bei Ihnen angefangen, dass Sie psychisch krank wurden?
Angefangen hat alles mit einer Bulimie. Also ich habe immer in mich reingefressen und dann alles wieder rausgelassen. Und dann habe ich gemerkt, dass ich antriebslos war, dass ich immer traurig war. Ein Psychologe empfahl mir eine Kur und dort stellte man fest, dass ich an Depressionen leide und die Bulimie habe. Die Bulimie war schnell wieder weg, aber die Depression ist geblieben.
Wie kann man sich ein Leben mit Depressionen vorstellen?
Depressionen können sehr unterschiedlich aussehen. Als es bei mir ganz schlimm war, ging ich nicht mehr aus dem Haus. Ich habe viel geweint, nur auf die Couch gelegen, wollte keinen sehen, nicht telefonieren, mit keinem sprechen. Ich wollte nur für mich sein. Und das war besonders schwierig wegen meiner Kinder. Die waren damals noch klein. Ich konnte denen ja nicht erzählen, ich bin jetzt depressiv, lasst mich in Ruhe. Ich habe dann gesagt, ich habe Schmerzen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, sodass sie das nicht so mitkriegen. Die haben es aber natürlich mitgekriegt, umso älter sie wurden. 2011 habe ich meinen Mann geheiratet, da fing das schauspielern an. Weil man andere nicht belasten möchte. Wenn ich ganz allein zu Hause bin, Mann und Kinder nicht da sind, ist das sehr erleichternd. Weil das Schauspielern ist anstrengend. Ich bin also permanent müde und kaputt, weil das so anstrengend ist.
Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, sich Hilfe in einer Selbsthilfegruppe zu suchen?
Ich habe davon in der Zeitung gelesen und dann gedacht, ich probiere es einfach mal. Seit 30 Jahren habe ich Depressionen und 2011, nachdem ich geheiratet habe, ist es richtig schlimm geworden. Ich habe dann einen Zusammenbruch nach dem anderen gehabt, ich hatte Panikattacken, ich war in Kliniken. Und dann war das aber totaler Zufall, dass ich davon gelesen habe.
Was gibt Ihnen der Austausch in der Selbsthilfegruppe?
Ich gehe dahin, weil ich mit Leuten sprechen kann, die genau das Gleiche haben. Da kann ich Sachen erzählen, die ich in meinem privaten Umfeld gar nicht erzählen mag, weil die da gar nicht mit umgehen können. Und die in der Selbsthilfegruppe können damit umgehen. Die können mir zuhören. Da weiß ich auch, dass es da in der Gruppe bleibt. Und das ist so eine Erleichterung. Da kann ich mich so geben, wie ich bin. Da brauche ich mich nicht verstellen. Da kann ich auch weinen, wenn ich weinen möchte. Und was auch toll ist an der Selbsthilfegruppe: Wir reden nicht immer nur über Krankheiten, wir trinken auch Kaffee oder Tee, essen Süßigkeiten, lachen, reden über private Sachen. Wir gehen auch mal ins Kino oder Theater oder machen eine Grünkohltour. Das ist teilweise auch Angstbewältigung.
Was würden Sie sich wünschen?
Zuallererst brauchen wir mehr Therapieplätze, vor allem in Bremerhaven. Und mit Blick auf die Selbsthilfegruppen bräuchten wir eine Gruppe speziell für junge Leute. Und auch Informationen darüber, wie man solche Gruppen selbst gründet. Was ich auch toll finden würde, wären Häuser mit Notzimmern, wo Leute in einer akuten Krise einfach sofort hingehen können. Wo sie wissen, da kann ich zwei, drei Nächte schlafen, mich erholen, da ist jemand. Bei Kliniken und Praxen gibt es ja immer Wartezeiten. Aber da könnte man sofort hin und einem würde geholfen.

Rückblick: Was macht die Corona-Kontaktbeschränkung mit uns?

Video vom 26. März 2020
Ein älterer Mann steht alleine an seinem Balkon.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Katharina Mild Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Mai 2021, 19:30 Uhr