Geraubte Kunst in Bremens Museen? So werden die Werke gecheckt

Viele Museen bemühen sich, die Herkunft ihrer Ausstellungsstücke lückenlos zu erforschen. Eine Detektivarbeit, die wichtig – aber kaum jemals abgeschlossen ist.

Kathrin Kleibl, Provenienzforschung Deutschen Schifffahrtsmuseum, schaut sich die Grafik "Netzflickerin" von Max Liebermann mit einer Lupe an.
Kathrin Kleibl vom Deutschen Schifffahrtsmuseum prüft die Herkunft der Sammlung in Bremerhaven. Bild: DPA | Carmen Jaspersen

Woher kommen eigentlich all die Gemälde, Zeichnungen, Gebeine oder gleich komplette Pfahlhäuser, die in den Museen in Bremerhaven und Bremen zu sehen sind? Das hat buten un binnen diese Woche gefragt – und die Geschichten einzelner Ausstellungsstücke erzählt. Sie stehen beispielhaft für eine große Aufgabe, die die Museen im Land zurzeit bewältigen: Sie untersuchen viele Teile ihrer Sammlungen darauf, woher sie kommen – und ob alle Ausstellungsstücke auch rechtmäßig im Museum gelandet sind. Das Augenmerk liegt dabei auf verschiedenen Aspekten, je nachdem, auf was das Museum spezialisiert ist.

Käufe aus der Nazizeit

Kunstmuseen schauen mit besonderer Sorgfalt auf diejenigen Werke, die vor 1945 entstanden sind und nach 1933 ins Haus kamen. Denn viele jüdische Sammlerinnen und Sammler wurden in der Nazizeit enteignet, ihr Besitz wurde gestohlen oder bei Zwangsauktionen unter Wert verkauft. Sammlungen wie die Weserburg oder die Gesellschaft für aktuelle Kunst (GAK) sind deshalb nicht von diesen Nachforschungen betroffen – ihre Werke entstanden allesamt erst nach 1960.

Ein goldverziertes Relief der Krönung Marias
Das Alabaster-Relief "Marienkrönung" aus dem 15. Jahrhundert wurde den rechtmäßigen Erben zurückgegeben – und dann vom Museum wieder angekauft. Bild: Museen Böttcherstraße | Ludwig Roselius Museum

Die komplette Sammlung zu überprüfen kann schwierig sein, jedenfalls wenn sie ziemlich groß ist. Die Kunsthalle Bremen hat beispielsweise schon mehr als 500 Gemälde überprüft. Aktuell sind mehr als 600 Grafiken dran – und das ist noch immer erst der Anfang. Hinzu kommt, dass bei 60 bis 80 Prozent die Herkunft trotzdem offen bleibe, so Brigitte Reuter, Kunsthistorikerin an der Kunsthalle Bremen. Sie sagt: "Wir haben eine Verpflichtung so genau wie möglich zu dokumentieren." Denn immer wieder kämen neue Informationen über Datenbanken oder andere Forscherinnen und Forscher, die schließlich doch ans Ziel führen könnten.

[Die Herkunft zu klären] ist keine Nebensache, sondern eine Kernfrage der musealen Sammlungspolitik.

Arie Hartog, Direktor Gerhard-Marcks-Haus

Kleinere Häuser haben es da leichter. So konnte die Herkunft der Werke im Gerhard-Marcks-Haus lückenlos geklärt werden, sagt Direktor Arie Hartog. Marcks galt in der Nazizeit als "entartet" und wurde in den 1920er- und 30er-Jahren vor allem von jüdischen Sammlern gekauft. Für Hartog war es deshalb sehr wichtig, die Herkunft der Ausstellungsstücken zu prüfen. Er sagt: "Es ist keine Nebensache, sondern eine Kernfrage der musealen Sammlungspolitik." Diese Haltung hat sich mittlerweile in der deutschen Museumslandschaft etabliert, bestätigt auch Lena Grundhuber vom "Deutschen Zentrum Kulturgutverluste". Es gebe in diesem Bereich keinerlei Vorbehalte mehr – anders als noch vor 15 bis 20 Jahren.

Falls ein Gemälde oder eine Zeichnung unrechtmäßig im Museum gelandet ist, kommt der nächste Schritt: Die Erben finden – und eine gerechte Lösung. Aus dem Ludwig Roselius Museum wurden beispielsweise einige Werke zurückgegeben, aber dann für das Museum zurückgekauft.

Kulturgegenstände ohne Herkunftsnachweis

Besonders schwierig ist es herauszufinden, wo Stücke der angewandten Kunst herkommen. Diese Gegenstände des täglichen Lebens wie Gläser oder Porzellan, die im Focke-Museum ausgestellt sind, haben meist keine Stempel oder Inventarnummern wie sie Gemälde auf der Rückseite tragen.

Im Kunsthandel sei es auch nicht üblich, die Quellen solcher Gegenstände offenzulegen, sagt Uta Bernsmeier, die lange Zeit im Focke-Museum dafür zuständig war. Alle Ankäufe des Museums zwischen 1933 und 1945 hat sie zumindest einmal händisch überprüft – und so dafür gesorgt, dass das Museum 2010 ein Wappenkissen wieder an die Erben der rechtmäßigen Besitzer zurückgab.

Wenn wir nicht der rechtmäßige Besitzer sind, hat es im Focke-Museum nichts zu suchen.

Uta Bernsmeier, Focke-Museum

Auch wenn sich jetzt neue Informationen zu Gegenständen ergäben, würde das Museum nicht zögern, Ausstellungsstücke zurückzugeben, sagt Bernsmeier: "Es ist selbstverständlich, dass es in einem öffentlichen Museum dann keinen Platz mehr hat. Wenn wir nicht der rechtmäßige Besitzer sind, hat es im Focke-Museum nichts zu suchen."

Manchmal kann ein Objekt dabei helfen, die Familie wieder mit der eigenen Geschichte zu verbinden.

Kathrin Kleibl, Deutsches Schifffahrtsmuseum Bremerhaven

In Bremerhaven ist das Thema besonders für das Deutsche Schifffahrtsmuseum wichtig. Als einer der beiden größten Auswandererhäfen wurden in Bremerhaven viele Umzugskisten jüdischer Emigranten versteigert, die diese zwangsweise zurücklassen mussten. Ein Forschungsprojekt zu diesen Nachlässen läuft dort noch. Einen Motor aus jüdischem Besitz, der weiterhin in der Ausstellung zu sehen ist, hat das Schifffahrtsmuseum bereits den Erben zurückgegeben. Die studierte Archäologin Kathrin Kleibl hat dafür in vielen Archiven gewühlt. Sie mag diese "Puzzlearbeit" und sagt: "Manchmal kann ein Objekt dabei helfen, die Familie wieder mit der eigenen Geschichte zu verbinden." Denn oft wüssten die Erben nichts von den geraubten Gegenständen. Sie bekämen so auch einen Teil ihrer Familiengeschichte zurück.

Artefakte aus ehemaligen Kolonien

Im Übersee-Museum ist die Thematik eine andere: Hier sind viele Ausstellungsstücke schon ziemlich lange im Besitz des Museums. Schließlich feierte das Haus gerade seinen 125. Geburtstag. Doch in der Gründungszeit gab es noch Kolonien – und von dort kamen die meisten Exponate. Zum Ende des 20. Jahrhunderts herrschte eine Art von "Sammelwut", sagt Übersee-Direktorin Wiebke Ahrndt. Viele Museen bemühten sich, originale Kulturgegenstände indigener Bevölkerungen zu bekommen. Auf die kulturellen Hintergründe oder einen fairen Tausch nahmen diejenigen, die diese Artefakte einsammelten, oft keine Rücksicht.

Ein Pfahlhaus aus Ozeanien als Ausstellungsstück im Übersee Museum.
Dieses Pfahlhaus wurde eigens für das Übersee-Museum angefertigt – und nach aktuellen Erkenntissen des Museums mit einem angemessenen Tauschgeschäft bezahlt. Bild: Radio Bremen

In der riesigen Sammlung des Übersee-Museums wird trotzdem nicht jede Pfeilspitze einzeln überprüft – das wäre zu viel Arbeit. Allein in der Afrikasammlung gibt es beispielsweise 17.000 Stücke. Sobald es aber um menschliche Überreste geht, nimmt man es im Übersee-Museum sehr genau. 125 Ahnen- und Trophäenschädel aus Neuginea werden zurzeit überprüft, ein Schädel aus Neuseeland wurde bereits zurückgegeben.

Jede Generation guckt nochmal neu und geht nochmal anders an das Thema ran.

Wiebke Ahrndt, Direktorin Übersee-Museum

Meist beginnt die Suche bei demjenigen, der das Stück ins Museum gebracht hat. Führt das nicht zu einer eindeutigen Klärung, brauchen die Nachforschenden Geduld. Gerade im naturwissenschaftlichen Bereich gebe es aber eine Revolution nach der anderen, sagt Wiebke Ahrndt: "Jede Generation guckt nochmal neu und geht nochmal anders an das Thema ran." Zuletzt hätten DNA-Untersuchungen zu manch unerwarteten Durchbruch geführt.

Käufe aus der DDR

Noch in den Anfängen steckt die Forschung zu Käufen aus dem ehemaligen sowjetischen Besatzungsgebiet und später der DDR. In Bremerhaven gibt es dazu ein prominentes Beispiel: Im Besitz des Deutschen Schifffahrtsmuseums ist ein Bild des niederländischen Künstlers Willem Gruyter von 1868. In den 1970er-Jahren kam es aus dem Schifffahrtsmuseum in Rostock nach Bremerhaven – für den Preis von zwei Kugelkopf-Schreibmaschinen und eines Diaprojektors.

Ein Gemälde des niederländischen Künstlers Willem Gruyter, auf dem mehrere Schiffe vor Bremerhaven zu sehen sind
Das Gemälde von Willem Gruyter zeigt die Mündung der Geeste in die Nordsee. Bild: Imago Images

Kathrin Kleibl entdeckte bei dem Bild Ungereimtheiten, als sie es auf eine mögliche Nazivergangenheit überprüfte. Ein Anruf bei den Kolleginnen und Kollegen in Rostock zeigte: Auch dort hatte es schon Nachforschungen gegeben. Es habe sich wohl um eine Art kollegialen Austausch gehandelt, erzählt Kleibl.

Gruyter selbst hatte das Bild ursprünglich ans Kunstmuseum Rostock verkauft. Dieses gab es später ans Schifffahrtsmuseum Rostock weiter, die den Kontakt zu Bremerhaven herstellten. Bremerhaven hatte ein Interesse an dem Bild – und Rostock an praktischen Alltagsgegenständen, die in der DDR damals schwer zu beschaffen waren. Zwei verschiedene Gutachten kamen zu dem Schluss, dass dieser Tauschhandel – Kugelkopf-Schreibmaschinen und Diaprojektor gegen Gemälde – vielleicht aus heutiger Sicht ungewöhnlich, aber sachlich in Ordnung war.

Wie ein Pfahlhaus 1909 den Weg von Neuguinea nach Bremen fand

Video vom 26. Januar 2021
Ein Pfahlhaus aus Ozeanien als Ausstellungsstück im Übersee Museum.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Januar 2021, 19:30 Uhr