Pro & Contra

Streit über Lockerungen an Grundschulen: überfällig oder verfrüht?

Heute gehen die Bremer Kinder in ihrer gewohnten Klassenstärke zurück in die Grundschulen. Endlich, sagt ein Kinderarzt. Sorgen macht sich hingegen eine Lehrerin.

Schülerinnen und Schüler der 1. Klasse einer -Grundschule, sitzen mit Abstand in ihrem Klassenraum.
An den Bremer Grundschulen gehen die Lockerungen vor den Sommerferien weiter. (Symbolbild) Bild: DPA | Marcel Kusch

PRO

Als man im März 2020 die Schulen geschlossen hat, ist man davon ausgegangen, dass sich das neue Coronavirus genauso wie das Grippevirus Influenza verhält. Inzwischen ist jedoch festgestellt worden, dass dies nicht der Fall ist: Anders als bei Influenza haben die Kinder für die Verbreitung des Coronavirus keine besondere Bedeutung. Deswegen kann – und sollte – man jetzt die Grundschulen öffnen.

Die Ausbrüche, die es bundesweit an Grundschulen gegeben hat, sind nicht von Kindern verursacht worden – sondern durch Erwachsene. Wenn man die Schulen nicht öffnet, bestraft man die Kinder für Fehler, die die Erwachsenen gemacht haben.

Familien, die finanziell stärker sind, können ihre Kinder zu Hause unterrichten. Und sie haben größere Wohnungen und Gärten, in denen das Eingeschlossensein auf die Kinder vermutlich nicht so schlimme Auswirkungen hat. Aber diejenigen, die nicht so gut gestellt sind, haben viel größere Probleme. Gerade für sie ist es wichtig, dass die Schule wiederbeginnt. Für Migranten ist es wesentlich, dass ihre Kinder weiter Deutsch lernen und das Bildungsangebot bekommen, das für die Teilhabe an der Gesellschaft später außerordentlich notwendig ist.

Aus mehreren Studien und Mitteilungen der Eltern wissen wir, dass viele Kinder in benachteiligten Familien während des Lockdowns keinen adäquaten Unterricht zu Hause bekommen haben. Und wir wissen, dass es in allen sozialen Schichten Gewalt gegen Kinder gegeben hat. Deswegen ist es so wichtig, dass die Kinder jetzt die Möglichkeit haben, in die Schule zu gehen.

Wir haben aktuell eine kurze Zeit, bevor die langen Sommerferien beginnen. Das ist eine ideale Zeit, damit sich Verwaltung und Pädagogen mit dieser Situation vertraut machen – um nach den großen Ferien tatsächlich so weiterzumachen, dass die Kinder dann wieder ganz normal zur Schule gehen können.


CONTRA

Wie Versuchskaninchen kommen sich viele Lehrkräfte an Grundschulen vor bei dem Gedanken, dass sie ab kommenden Montag den Unterricht in voller Klassenstärke wieder aufnehmen sollen. Auf einmal gilt das Abstandsgebot in Kitas und Grundschulen nicht mehr, das uns doch als wichtigster Schutz vor Ansteckung eingetrichtert wurde – überall sonst bleibt es bestehen.

Am 9. Juni begründet die Bildungsbehörde das so: Es "wird derzeit bundesweit darüber diskutiert, dass Kinder im Alter von null bis zehn Jahren als Überträger des Virus eine untergeordnete Rolle spielen und somit die Abstandsregel vom 1,5 Metern aufgehoben werden kann." Nach heftiger Kritik an dieser Begründung, die nur eine Seite der wissenschaftlichen Debatte wiedergibt, hört sich das am 18. Juni nun so an: "Nach aktuellem Stand der Wissenschaft sind Kinder zumindest keine Treiber des Infektionsgeschehens." Was so viel bedeutet wie: Kinder sind vielleicht nicht weniger ansteckend als andere Altersgruppen, aber wenigstens nicht ansteckender. Na dann ist ja alles gut – Feuer frei!

Übrigens machen sich nicht nur die Beschäftigten Sorgen wegen dieses Öffnungsschrittes. Eine repräsentative Umfrage von Bürgern aus NRW hat ergeben, dass 52 Prozent eine vollständige Öffnung der Grundschulen für verfrüht halten. Die Kinder selbst laufen zwar weniger Gefahr, an dem Virus schwer zu erkranken, aber was ist mit deren Familien? Natürlich sollen die Kinder wieder in die Schule gehen, aber es muss klügere Konzepte geben, die mit Abstand funktionieren und uns über den ganzen Zeitraum der Pandemie bringen, ohne neue Ansteckungsherde zu produzieren. Denn so wie es jetzt geplant ist, kann das sehr schnell wieder in Schließungen enden, wie wir ja in einigen Regionen bereits jetzt sehen.

Laut Senat und Behörde will man aber alles genau beobachten. Lehrkräfte können sich, wenn sie ein Symptom haben oder in ihrer Nähe ein bestätigter Fall aufgetreten ist, auf Wunsch testen lassen. Dafür gibt es derzeit eine Kapazität von fünf Tests für fast 1500 Grundschullehrkräfte pro Tag. Man kann halt nicht alle Kaninchen testen. Für die übrigen heißt es wohl: abwarten und das Beste hoffen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zuletzt. Hoffentlich stirbt sonst niemand.

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Juni 2020, 19:30 Uhr