Pro & Contra

Silvester ohne Feuerwerk: geht das?

Silvester ohne Feuerwerk und Böller? Für viele nicht vorstellbar. Für andere ist das Geknalle ein Albtraum. Auch in unserer Redaktion scheiden sich die Geister.

Ein angezündeter Böller sprüht Funken.
Böller und Raketen gehören für viele einfach zu Silvester dazu. Wer es anders sieht, schweigt meist und leidet im Stillen. Bild: DPA | Andreas Franke

Pro

Ich kann einfach nicht aus meiner Haut

Lasst uns das Jahr damit beenden, einmal wirklich ehrlich zu sein: Ist nicht Silvester ohne Feuerwerk wie kochen ohne Fett? Wie Fußball ohne Torwart? Wie Bremen ohne Freimarkt? Würde auch irgendwie gehen, ist aber nicht mal halb so schön! 

In der Tat: Das plumpe Gejaule von Heulern oder Geballer mit Böllern ist in meinen Ohren nichts weiter als eine unnötige Verschwendung von Rohstoffen. Aber ein bunter, von Leuchtkugeln, Raketen und Glitzerdingern verschiedenster Couleur erleuchteter Neujahrshimmel hat doch einfach etwas Ästhetisches, Feierliches. In meiner Vorstellung spielen die Bremer Philharmoniker (meinetwegen auch der örtliche Posaunenchor) dazu Händels Feuerwerksmusik – schon kann ich in glückseligem Taumel das neue Jahr begrüßen. 

Und Dämonen vertreiben! Nicht, dass ich als gläubiger Protestant davon ausgehe, dass es diese Viecher wirklich gibt. Aber so machten es schon unsere Germanischen Vorfahren: Sie glaubten, mit dem Verballern von Schwarzpulver alle schlechten Geister zu vertreiben, die einen Schatten auf das neue Jahr legen könnten. Insofern ist ein solides Silvesterfeuerwerk in letzter Konsequenz nichts als das Wahren uralten Kulturguts. 

Allein der Nervenkitzel, ob die kläglich glimmende Zündschnur der Feuerwerksbatterie – wir Möchtegern-Pyro-Profis sprechen von Verbundfeuerwerken – es vermag, das mehrminütige Spektakel verschiedener, perfekt komponierter Ohh- und Ahh-Effekte zu entfachen, ist die Investition mehrerer Euros in Silvesterfeuerwerk wert. 

Obendrein hat es etwas Kommunikatives: Väter, die vor Mitternacht mit ihren Kindern die Plastikkappen von den Raketenzündschnuren abknibbeln; Menschen, die sich unter dem bunten Himmel in den Armen liegen; Zaungäste, die einander zuflüstern: "Welch ein spektakuläres, völlig übertriebenes, aber durchaus beachtenswert pompöses Höhenfeuerwerk im Garten der Familie Bergholz." 

Nicht zuletzt sei erwähnt, dass einer der ersten Feuerwerksfabrikanten unseres Landes im 19. Jahrhundert den Namen Georg Berckholz trug. Da eine Ähnlichkeit zu meinem Familiennamen wohl nicht zu verleugnen ist, bitte ich alle Feuerwerkskritiker um Nachsicht: Ich kann einfach nicht aus meiner Haut. 


Contra

Laut, stinkig – und noch nicht mal besonders spektakulär

Ich mag Silvester. Auf das vergangene Jahr zurückblicken, sich aufs neue freuen. Mit Freunden abhängen, gut essen, bleigießen, gemeinsam anstoßen. Aber auf das Geböller und die Feuerwerksraketen aus der Nachbarschaft könnte ich gut verzichten.

Eine Zeit lang wohnte ich im Viertel, dem Mekka aller Böllerfreunde. Dort stehen ab 00:05 Uhr die Rauchschwaden so dicht, dass man die Freunde links und rechts von einem nicht mehr erkennt. Ständig werden einem Knaller zwischen die Füße geworfen, nicht alle davon gibt es in Deutschland legal zu kaufen. Man kommt sich vor, als sei man von der Haustür aus in ein Kriegsgebiet gestolpert. Bekannte gingen schon mal mit einem Tinnitus nach Hause, andere mit Brandlöchern in der Jacke. Entspanntes Feiern stelle ich mir anders vor. Ich verstehe es auch einfach nicht: Was ist so toll daran, Leuten diese Knaller um die Ohren zu hauen?

Seit ich Familie habe, nervt mich das Geböllere noch mehr. Kleinkinder sind für laute Explosionen nur mäßig empfänglich. Und da kein Verbot die ganzen Idioten davon abhält, schon tagelang vor Silvester herumzuknallern, bin ich tagelang damit beschäftigt, die Straße nach potenziellen Böller-Werfern abzusuchen und wie ein Kaninchen mit meinem Kind von einem sicheren Ort zum anderen zu hüpfen. Wegen mir könnten Böller gern verboten werden.

Auch das Feuerwerk in der Nachbarschaft gibt mir wenig. Vom Dreck, dem Gestank und der Brandgefahr für die Anlieger will ich gar nicht groß reden. Das ist ja alles hinlänglich bekannt. Ich frage mich einfach: Wozu das Ganze? Wenn es wenigstens etwas hermachen würde. Aber die paar armseligen Raketen hier und die zwei Batterien dort sorgen bei mir für kein seliges Staunen. Man schaut gebannt nach oben in den von Rauchschwaden durchzogenen Nachthimmel –und ist dann doch enttäuscht.

Ich fände es viel sinnvoller und auch schöner, wenn es in jedem Stadtteil ein von der Stadt organisiertes, schön orchestriertes Feuerwerk gäbe. Das sähe zumindest nach etwas aus. Und wenn sich Bremen das nicht leisten kann: Es gibt bestimmt genügend Leute, die Lust hätten, einen Teil des Geldes, das sie jedes Jahr an Silvester am Nachthimmel verpulvern, für ein solches Großfeuerwerk zu spenden.

  • Tanja Krämer
  • Keno Bergholz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Dezember 2017, 19:30 Uhr