Pro & Contra

Barfuß ins Watt: Ekelig oder Freiheit?

Ein Tag im Watt — für viele ein wahrer Kurzurlaub und Erholung pur. Sind Sie Team Gummistiefel oder Team Barfuß? Unsere Autorinnen sind sich nicht einig.

Zwei Füße, die im Watt einsinken.
Manche lieben es, andere finden es einfach nur eklig: Barfuß im Watt-Matsch. Bild: Imago | Thomas Imo

Pro

Kinder bekommen mit Feuchttüchern noch den kleinsten Rest Schokoladeneis aus dem Mundwinkel gewienert. Die Bluse im Büro ist blütenweiß gewaschen, gebügelt, gestärkt. Das Schneidebrettchen in der Küche wird nach dem Abwasch noch eben desinfiziert. Wir leben in einer sauberen, ja fast sterilen Welt. Schmutz gehört verbannt, ist als Gefahr für die Gesundheit verpönt. Gehwege und sogar Straßen werden mit großen Kehrwägen einmal die Woche gebürstet. Und klar, des deutschen liebstes Kind gehört von Lindenblütennektar, der stetig auf das Autodach tröpfelt, im Schongang in der Waschstraße befreit.

Ein Spaziergang durch Modder mutet in diesem angestrengt, blitzblank geputzten Alltag schon fast archaisch an. Doch wie wunderbar ist es, den Matsch zu spüren, wie er sich glitschig, kühl durch die nackten Zehen schiebt. Schmatzgeräusche begleiten jeden Schritt. Ab und zu pikst eine zerbrochene Muschelschale in die Fußsohle und plötzlich gibt der sonst verlässlich tragende Erdboden nach – man steht bis zu den Knien, ja, im Dreck. Der Hosensaum färbt sich dunkelgrau, denn er wurde nicht hoch genug geschoben.

Und diese Weite – die Gedanken haben Platz. Der Küstenstreifen, dort wo die Zivilisation mit ihren betonierten Gehwegen und Bettenburgen beginnt, ist nur noch als schmaler Streifen zu erkennen. Ein Tag barfuß im Watt ist Erholung pur. Selbstvergessen schlendern, hopsen, im Schlamm versinken – ohne Rücksicht darauf, dass der Dreck unter den Fußnägeln noch ein paar Tage kaum wegzuschrubben ist. Und wer das nun eklig oder gar unzivilisiert findet, dem sei gesagt: Ist nicht so. Dieser Dreck ist nämlich Weltkulturerbe. Und das ist festgelegt nach sauberen, ordentlichen Kriterien. Also los, ab ins Watt: nirgendwo sonst können Sie sich so kultiviert schmutzig machen.


Contra

Wat(t) soll dat? Beim Gedanken, barfuß ins Watt zu gehen, schlägt gleich mein Gelsenkirchener Subslang durch. Keine Faser meines Körpers zieht es auf den matschigen Grund. Im Norden scheine ich mit dieser Haltung gegen die menschliche Ordnung zu verstoßen. Wer das Watt nicht fühlen will, der hat gleich ganz den Kontakt zur Natur verloren. Das scheinen die überraschten Augen zu sagen, wenn ich zugebe, dass ich Watt eklig finde. Warum? Keine Ahnung. Wegen meiner kindlichen Ruhrgebietssozialisation vielleicht? Da könnte der Wattwurm begraben liegen.

In den 70-er Jahren fiel im Pott zwar kein Ruß mehr vom Himmel. Aber ländlich strukturiert war die Region bekanntlich auch nicht gerade. Deshalb sollte das Kind mal raus aus dem Grau, dachten sich wohl meine Eltern und schickten mich in den Ferien nach Sylt. Die Wattwanderung war natürlich inklusive. Und barfuß? War Pflicht! Als 6-jährigem Stadtkind erschloss sich mir diese Ansage nicht. Das Unverständnis wuchs noch, als uns der Wattführer von der Artenvielfalt erzählte.

Den Wattwurm hielt er uns zum Beweis unter die Nase, an die Spaghettihäuflein sollten wir ganz nah rangehen, um dann zu erfahren, dass es Ausscheidungen sind. Wattwurmkacke. Und die war überall. Fortan versuchte ich vergeblich, die Haufen zu umlaufen – und beobachtete wie die mutmaßlichen Exkremente zwischen meinen Zehen durchquollen und schmatzende Geräusche machten. Ich war raus.

Inzwischen weiß ich, dass die Ausscheidungen besonders sauber sind, gefiltert vom Wattwurm. Und trotzdem: Ich erlebe Matsch erlebe lieber in Gummistiefeln oder aus der Ferne. Auch so fühle ich mich der Natur verbunden. Nirgendwo sonst wie an der See.

Denn wenn ich aufs Meer schaue, bekomme ich mehr Luft als in der Stadt. Ich rieche das Salz, spüre den Wind auf der Haut. Die Gedanken stolpern, mein Gehirn spielt ein bisschen verrückt – es muss sich erst einmal an diese Weite gewöhnen. Aber es dauert nicht lange, dann merke ich: Ich fühle mich frei — und brauche dafür kein Schlick an den Füßen.

  • Ramona Schlee
  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Juni 2018, 19:30 Uhr