Abitur-Prüfungen: Bremer Schüler fühlen sich doppelt unfair behandelt

Bremens Abiturienten sind sauer: Trotz des Unterrichtsausfalls wegen der Corona-Pandemie müssen sie sich prüfen lassen. Einige bekommen auch keinen Ausweich-Termin.

Schüler und Schülerinnen während ihrer Abiturprüfung
An Bremer Privatschulen müssen sich Abiturienten noch im April prüfen lassen. Bild: Imago | sepp spiegl

Alleingelassen fühle sie sich, sagt Felina. Nicht wenigen ihrer Mitschüler gehe es ähnlich. Felina besucht die Freie Waldorfschule Bremen Osterholz, wird vom 22. April bis zum 7. Mai das Abitur absolvieren. Genau darin aber liege das Problem, sagt sie: "Uns fehlt einfach Unterricht".

Abitur trotz widriger Umstände

Seit Mitte März sind alle Schulen im Land Bremen aufgrund der Corona-Pandemie dicht. Der Unterricht findet seither vor allem in Form von Videotelefonie und via E-Mail statt. Einen vollwertigen Ersatz, um sich angemessen auf das Abitur vorzubereiten, sieht Felina darin allerdings nicht. "Wir wissen nicht einmal wirklich, wo wir stehen", sagt sie. Auch ihre Mitschülerin Nona spricht von einer "großen psychischen Belastung" aufgrund der widrigen Umstände zum Lernen.

Umso mehr haben sich die beiden Schülerinnen gefreut, als Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) am 31. März erklärte, dass die Bremer Abiturienten zwei alternative Zeitfenster für ihre Abi-Prüfungen zur freien Wahl bekämen: das altbekannte ab dem 22. April sowie ein weiteres ab dem 12. Mai. "Natürlich haben sich ganz viele von uns sofort für den Mai eingetragen", sagt Felina. Denn auf diese Weise gewännen die Schüler einige Wochen Zeit, um den Mangel an Unterricht durch eine gute Vorbereitung daheim zu kompensieren.

Ausweichtermin wie gewonnen, so zerronnen

Doch Felinas und Nonas Freude über den Ausweichtermin währte nicht lang. Am Montag, den 6. April, informierte die Schulbehörde die Abiturienten der sogenannten "nicht anerkannten Ersatzschulen" nachträglich darüber, dass sie sich nun doch bereits im April prüfen lassen müssten. Betroffen hiervon sind nach Angaben des Bildungsressorts 85 von insgesamt 2.470 Abiturienten im Land Bremen – die der drei Waldorfschulen in Schwachhausen, Osterholz und Bremen-Nord, die des Nebelthau-Gymnasiums in Burglesum sowie der Privatschule Mentor in Gröpelingen.

In einem gemeinsamen Brief an das Bildungsressort machen die Abiturienten der drei Bremer Waldorfschulen ihrem Ärger Luft. Sie machten sich Sorgen und seien wütend, schreiben sie. Vor allem aber kritisieren sie eine "fehlende Chancengleichheit" gegenüber den anderen Bremer Schulen und fordern das Bildungsressort dazu auf, "eine bessere, für alle faire Lösung zu finden".

„Auch wir fühlen uns benachteiligt“

Michael Borchers, Leiter der Privatschule Mentor, schließt sich der Kritik der Waldorf-Schüler an. "Auch wir fühlen uns benachteiligt. Natürlich hätten wir gern zwei Wahlmöglichkeiten für unsere Abiturienten gehabt", sagt er. Das Ganze sei, vorsichtig formuliert, "sehr unglücklich".

"Unglücklich" findet auch Bianca Nordhoff, dass die Abiturienten der Privatschulen – anders als zunächst gedacht – nun doch nicht zwischen zwei Prüfungsterminen wählen dürfen. Nordhoff ist zugleich Schulleiterin des Nebelthau-Gymnasiums und Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Schulen in Freier Trägerschaft. Viele Abiturienten privater Schulen und auch viele Eltern seien gerade richtig empört, stellt sie fest. Zumal das Bildungsressort "keine nachvollziehbare Begründung" dafür geliefert habe, dass es für die Schulen in freier Trägerschaft nur einen Abiturprüfungstermin gibt.

Nordhoff betont aber auch: "Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Situation. Das Wichtigste ist, dass die Prüfungen überhaupt geschrieben werden können." Sie werfe der Behörde ausdrücklich kein böses Kalkül vor.

Acht statt vier Abiturprüfungen

Annette Kemp, Sprecherin der Bildungssenatorin, erklärt das Vorgehen ihres Ressorts mit einer Verordnung. Hiernach seien die nicht anerkannten Ersatzschulen nicht berechtigt, Abiturprüfungen abzunehmen. Aus diesem Grund müssten die Abiturienten dieser Schulen ihre Prüfungen als externe Prüflinge an der Erwachsenenschule Bremen ablegen – nicht in vier Fächern, wie die übrigen Abiturienten, sondern in acht. Der Aufwand aber, um für diese acht Prüfungen pro Abiturient zwei Zeitfenster offen zu halten, sei zu groß für die Erwachsenenschule. Die personellen Ressourcen seien begrenzt. 

Felina und Nona fühlen sich dennoch ungerecht behandelt. Sie fürchten, dass sich die widrigen Bedingungen, unter denen die Waldorf-Schüler das Abitur schreiben müssten, negativ auf die Noten auswirken könnten. In letzter Konsequenz hätten sie womöglich gar schlechtere Chancen auf attraktive Studienplätze als andere Bremer Abiturienten . "Einfach unfair", fasst Felina zusammen.

Abi-Prüfungen in Bremen finden trotz Corona statt

Video vom 31. März 2020
Bildungssenatorin Claudia Bogedan und Bürgermeister Andres Bovenschulte in einer Senatspressekonferenz.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, 8. April 2020, 06:10 Uhr