Intersexualität: "Ich muss nicht mehr in ein Klischee passen"

Mit den Bremer Bädern suchte erstmals in Bremen ein Unternehmen nach Mitarbeitern auch mit dem dritten Geschlecht. Doro Giesche von Rüden ist intersexuell und erzählt, was das bedeutet.

Zeichen für Frauen, dem Dritten Geschlecht und Männern.
Wer sich nicht als männlich oder weiblich versteht, erlebt im Alltag oft Diskriminierung.

Vor drei Jahren hat Doro Giesche von Rüden erfahren, dass sie biologisch weder eindeutig Frau noch Mann ist. Ihre primären Geschlechtsorgane würden zwar auf ein weibliches Geschlecht hindeuten. Ihr Körper weise aber einen für eine Frau ungewöhnlich hohen Testosteronspiegel auf.

Doro Giesche von Rüden ist intersexuell. Eine Erleichterung für die 58-Jährige. Denn bis zu diesem Zeitpunkt litt sie darunter, womöglich nicht weiblich genug zu sein.

Es hat sich für mich geklärt und ich habe mich befreit gefühlt von der zwanghaften Vorstellung, ich muss immer wie eine Frau funktionieren und sein.

Doro Giesche von Rüden

Die Erwartungen der anderen machten Druck

Eine intersexuelle Person lächelt in die Kamera.
Erst vor wenigen Jahren erfuhr Doro Giesche von Rüden, dass sie intersexuell ist. Bild: privat

Bereits mit Anfang 20 fielen Doro Giesche von Rüden die Haare aus. Ihre Monatsblutung kam unregelmäßig, war jedes Mal mit starken Schmerzen verbunden. Später erlitt sie zwei Fehlgeburten. Als junge Studierende war sie ständig mit ein und der selben Frage konfrontiert: "Bist du 'ne Frau oder bist du 'nen Mann?" Dieses ständige Erfragen habe bei ihr einen enormen Druck aufgebaut, so Giesche von Rüden. Mit der Diagnose vor drei Jahren sei er wie ein Schleier von ihr gefallen.

Ich muss nicht mehr in das Klischee passen, ich lebe gut damit.

Doro Giesche von Rüden

Nicht nur für sie selber ist der Druck geringer geworden. Auch in der Öffentlichkeit wird ihr Geschlecht seltener thematisiert – dem Alter sei Dank.

Bis auf die Tatsache, dass ich nur noch wenig Haare habe, ist das inzwischen so, dass ich als alte Frau wahrgenommen werde und überhaupt nicht mehr in Frage gestellt werde.

Doro Giesche von Rüden

Als diverser Mensch leben "dürfen"

Neben Menschen mit Testosteronüberschuss wie Giesche von Rüden gibt es auch intersexuelle Personen, bei denen sich beide Geschlechtsorgane ausbilden. Säuglinge werden dann sowohl mit Schamlippen als auch mit Hoden geboren.

Direkt nach der Geburt entscheiden in den meisten Fällen die Eltern über das zukünftige Geschlecht ihrer Kinder und lassen sie entsprechend operieren – selbst wenn häufig keine medizinische Notwendigkeit eines Eingriffs besteht. Sie erzwingen also eine Eindeutigkeit, die es in der Natur nicht gibt, sagt Doro Giesche von Rüden. Sie findet es wichtig, dass das dritte Geschlecht endlich einen Platz im Personenstandsrecht bekommt – über gesellschaftliche Anerkennung könnten solche Eingriffe vermieden werden.

Ich finde, es gehört zu den Menschenrechten, allen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Option auch sichtbar zu machen und auch anerkannt zu bekommen.

Doro Giesche von Rüden

Deswegen sei der Schritt des Bundesverfassungsgerichtes im November des vergangenen Jahres bereits ein gutes Zeichen gewesen. Die Karlsruher Richter forderten damals, dass es auch intersexuellen Menschen zukünftig möglich sein, ihre geschlechtliche Identität im Geburtenregister "positiv" eintragen zu lassen. Bis Ende 2018 muss der Gesetzgeber nun eine Neuregelung schaffen, etwa in dem neben "männlich" und "weiblich" etwa "inter, "divers", oder eine andere "positive Bezeichnung des Geschlechts" aufgenommen wird.

Leben ohne Eindeutigkeit

Doro Giesche von Rüden aber will nicht länger auf die Umsetzung dieses Gesetzesentwurfes warten: Schon jetzt malt sie sich ein drittes Kästchen auf Formulare, in denen nach dem Geschlecht gefragt wird, und schreibt "divers" daran. Auch ihre Frau will ihr Geschlecht als "divers" anerkennen lassen. Sie ist Transfrau: also als Mann geboren, aber jetzt als Frau lebend. Doro und ihre Frau wissen, dass sie mit dieser Uneindeutigkeit viele Mitmenschen verwirren – doch sie beide bräuchten nicht mehr Eindeutigkeit in ihrem Leben.

Nein, ich habe mein Leben, so wie ich es habe.

Doro Giesche von Rüden
  • Ramona Schlee

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. April 2018, 17:30 Uhr