Fragen & Antworten

So spektakulär wird die "Mosaic"-Expedition der Polarstern

Der Eisbrecher Polarstern startet eine einmalige Expedition – unter Bremerhavener Leitung. Wissenschaftler lassen in der Arktis einfrieren. Das sind die Herausforderungen.

Forscher stehen vor dem Forschungseisbrecher Polarstern im Eis.
Lange hat sich die Crew der Polarstern auf die Mosaic-Expedition vorbereitet, im ewigen Eis kann dennoch viel Ungewisses passieren. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Stefan Hendricks

Nie zuvor hat es eine größere Expedition im Herzen der Arktis gegeben. Fern jeder Zivilisation soll die Polarstern ein Jahr eingefroren im Eis durch das Nordpolarmeer driften. An der sogenannten Mosaic-Mission sind 19 Nationen beteiligt, geleitet wird sie vom Alfred Wegener Institut – kurz AWI – in Bremerhaven. Los geht es am 20. September vom norwegischen Tromsø aus. Die Wissenschaftler wollten Daten sammeln und erhoffen sich, einen Meilenstein für die Klimaforschung gehen zu können. Doch das Vorhaben steht vor extremen Herausforderungen.

Wozu der ganze Aufwand?
Die Arktis gilt als Frühwarnsystem für den Klimawandel, kaum eine Region hat sich in den letzten Jahrzehnten derart stark erwärmt. Bei der Mosaic-Expedition wird sie im Jahresverlauf erforscht. Dabei überwintern die Wissenschaftler in Regionen, die zu der Zeit nahezu unerreichbar ist. Gesammelt werden dabei Daten, die für Generationen wichtig sind – laut Expeditionsleiter Markus Rex über das gesamte arktische Klimasystem, zu dem Ozean, Eis, Atmosphäre, Ökosystem und Bio-Geo-Chemie gehört. "Wir haben diese einmalige Chance, dass wir mit einer Scholle durch das ganze Jahr treiben", sagt Marcel Nicolaus, Meeresphysiker am AWI. "Diesmal können wir die ganzen Prozesse auf einmal verstehen, wir haben wirklich alle Teams zusammen."
Forscher stemmen sich im Schneegestöber gegen den Wind.
In der Arktis erwarten die Forscher raue Temperaturen. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Stefan Hendricks
Die Mosaic-Expedition in Zahlen
Die Polarstern befindet sich 350 Tage im Eis, dabei werden im Winter Temperaturen von Minus 45 Grad erwartet. Sechs Mal 100 Menschen wechseln sich an Bord ab, im Hintergrund arbeiten etwa 300 Menschen an der Realisierung mit. In 35.000 Metern Höhe wird die höchste Messung stattfinden, in 4.000 Metern Tiefe die tiefste.
Ein Mann steht an der Reling der "Polarstern" und lächelt in die Kamera.
Marcel Nicolaus ist Meeresphysiker am AWI und Gruppenleiter bei der Mosaic-Expedition.
Wie bewegt sich die Polarstern fort?
Insgesamt wird der Eisbrecher 2.500 Kilometer zurücklegen und sich dabei bis zu 1.000 Kilometer vom Festland entfernen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Eisdrift liegt bei etwa sieben Kilometern pro Tag. "Wo wir eingefroren werden, haben wir simuliert, den theoretisch besten Platz kennen wir", sagt Marcel Nicolaus. Am Ende werde es dennoch darum gehen, in die Region zu fahren und nach der besten Scholle Ausschau zu halten. "Wo uns die Scholle hinträgt, dazu gibt es natürlich Abschätzungen. Aber wo die exakte Drift langgeht, das wissen wir definitiv nicht vorher." Kurskorrekturen sind im Sinne des Experiments nicht erwünscht, möglich sind sie nur in Notfallsituationen mit Hilfe externer Eisbrecher. Ziel ist es mit dem Eis die Reise durch die Antarktis zu machen, die es auch ohne das Schiff machen würde.
Eine Frau lächelt in die Kamera.
Verena Mohaupt ist die logistische Koordinatorin der Expedition.
Wie werden die Forscher versorgt?
Während der Expedition wird die Polarstern von vier Eisbrechern aus Russland, Schweden und China mit Lebensmitteln und Treibstoff versorgt. Außerdem sind mehrere Flugzeuge und Hubschrauber im Einsatz. Die eigens eingerichtete Landebahn muss mindestens 1.100 Meter auf dem Meereis lang sein. "Die größte Herausforderung ist der Zeitraum von einem Jahr", sagt Verena Mohaupt, logistische Koordinatorin der Expedition. "Was nicht zwischendurch gebracht werden kann, muss im September schon mit an Bord, auch wenn es erst im Juli gebraucht wird." Expeditionsleiter Markus Rex ergänzt: "Es ist eine riesige logistische Herausforderung, nur die gewaltige Erfahrung des AWI erlaubt uns das überhaupt. Unsere internationalen Partner sind neidisch, dass wir das können und uns das trauen."
Ein Mann steht auf der Brücke des Forschungsschiffes "Polarstern".
Markus Rex ist Expeditionsleiter der Mosaic-Mission.
Klimaforschung mit einem Klimasünder, macht das Sinn?
Für die Expedition benötigt der Eisbrecher allein 6.000 Tonnen Treibstoff. Dass ständig eine Maschine des Schiffs laufen muss, um Energie zu erzeugen, verursacht Abgase in der Arktis. Ist die Klimaforschung mit einem solchen Klimasünder kein Widerspruch? "Es geht leider nicht anders, wir werden CO2 und Ruß freisetzen", sagt Expeditionsleiter Markus Rex. "Wir haben uns das gut überlegt. Da man in diesem Bereich anders keine Forschung machen kann, halten wir es für gerechtfertigt, das zu tun." Die CO2-Emissionen sollen demnach ausgeglichen werden. "Die Ruß-Emissionen gehören zum Forschungsprojekt, denn mit der zunehmend eisfrei werdenden Arktis wird in der Zukunft eine ganze Flotte von Containerschiffen durch die Arktis fahren und sehr viel Ruß hinterlassen", sagt Rex. Laut Marcel Nicolaus wiegt der Erkenntnisgewinn wesentlich stärker als der Umwelteinfluss des Schiffes.
Das Forschungsschiff Polarstern ist aus dem Cockpit eines Hubschraubers aus der Luft im Eis zu sehen.
Das Forschungsschiff Polarstern ist während der Mosaic-Expedition aus der Luft erreichbar. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Stefan Hendricks
Was tut die Besatzung in einem Notfall?
Sollten bei der Expedition Notfälle eintreten, sind Vorkehrungen getroffen. "Wir sind über Satellit mit der Reederei und mit dem AWI in Kontakt. Dort kann eine Notfall-Zentrale eingerichtet werden", sagt Stefan Schwarze, seit 27 Jahren Kapitän der Polarstern. "Das muss man sich so wie Houston vorstellen, mit vielen Bildschirmen. Dort wird die Hilfe dann koordiniert." Für medizinische Notfälle ist laut der logistischen Koordinatorin Verena Mohaupt ein Arzt und ein Hospital an Bord. "Ansonsten haben wir die Unterstützung von dem Krankenhaus in Bremerhaven. Es gibt die Möglichkeit, dass die Ärzte über die Entfernung mit beraten." In kritischen Fällen müsse eine Person evakuiert werden. Übrigens werden mindestens sechs Personen als "Eisbärwache" eingeteilt, um für die Sicherheit der Wissenschaftler zu sorgen.
Was kostet das alles und wer bezahlt?
Die Mosaic-Expedition hat ein Budget von 140 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte kommt von deutscher Seite, also dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Der Rest ergibt sich aus verschiedensten Beiträgen der anderen Nationen. Bei etwa 200.000 Euro liegen allein die Betriebskosten der Expedition pro Tag, Instrumente und Wissenschaftler sind darin nicht enthalten.
  • Joschka Schmitt