Infografik

Unter diesem Druck müssen Pflegeeinrichtungen Besuche ermöglichen

Seit Mitte Mai sind Besuche in Bremens Pflegeheimen wieder erlaubt. Ab Montag muss die Umsetzung gewährleistet werden. Doch die bringt erhebliche Probleme mit sich.

Zwei Angehörige besuchen in einem Pflegeheim ihre Mutter, die im Rollstuhl sitzt. Alle sitzen um einen Tisch herum und tragen Atemschutzmasken.
Die Corona-Maßnehme sind eine Herausforderung für Bremens Pflegeheime. (Symbolbild) Bild: DPA | Jonas Güttler

Es ist für viele Angehörige ein ersehntes Wiedersehen: der Augenblick, an dem sie sich nach einer zweimonatigen Trennung mit ihren Senioren wieder persönlich unterhalten können. Selbst, wenn die Auflagen noch sehr strikt sind und die Besuchszeit kurz, wie manch ein Angehöriger buten un binnen erzählt hat.

Die Lockerung des Besuchsverbots hat die Pflegeheime vor große Herausforderungen gestellt. Viele werden noch einige Tage brauchen, um ihr Hygienekonzept zu vervollkommnen. Andere haben immer noch mit den Folgen eines Corona-Ausbruchs zu kämpfen. In vier Einrichtungen waren am Mittwochabend noch Corona-Fälle gemeldet.

20 Corona-Fälle aktuell unter Bewohnern einer Bremer Einrichtung

Den letzten Ausbruch gab es in einem Osterholzer Seniorenheim für demente und geistig erkrankte Patienten. Gegen die Einrichtung hat die Staatsanwaltschaft kürzlich Ermittlungen aufgenommen – wegen Verdachts auf Versäumnisse und Hygienemängel. Der Betreiber teilte dazu mit, man habe umgehend gehandelt. buten un binnen konnte mit einem Pflegedienstbetreiber, der dort Mitarbeiter beschäftigt, und einer Fachkraft sprechen. Beide möchten anonym bleiben.

Keiner von beiden hatte etwas Schlechtes über die Einrichtung zu berichten. Die Mitarbeiterin betonte, ihrer Meinung nach habe das Haus "nicht wirklich viel versäumt". Allerdings wiesen beide auf einige allgemeine Probleme für Pflegeheime hin, vor denen auch andere Einrichtungen in der Corona-Zeit stehen könnten. Zum Beispiel Einrichtungen, die ausschließlich demente Patienten betreuen. Es sei für solche Bewohner schwierig, sich an die Corona-Auflagen zu halten. "Bei einigen kommt das einfach nicht an", erzählt die Mitarbeiterin. Manche würden trotz der Anweisungen aus dem Zimmer gehen. Das Risiko, dass sie unwissend das Virus in andere Bereiche tragen, sei dann hoch.

So war der Besuch im Altersheim nach langer Quarantäne

Video vom 20. Mai 2020
Armin Gartelmann sitzt bei einem Besuch im Altenheim seiner Mutter mit einem Mund und Nasenschutz gegenüber.
Bild: Radio Bremen

Betreuer von dementen Patienten stehen vor besonderen Schwierigkeiten

Das Problem ist schon lange bekannt. Ob es besser sei, demente Patienten zentral in einer gemeinsamen Einrichtung oder lieber verteilt auf mehrere Häuser zusammen mit geistig fitten Bewohnern zu betreuen, sei nicht leicht zu beantworten, sagt der Bremer Pflegeforscher Heinz Rothgang. "In der Corona-Krise stellt sich die Frage der Unterbringung ganz anders als im Normalfall. Und zwar: Wie kann ich am besten die Infektion verhindern, wenn ich Menschen habe, die sich nicht an die Regeln halten?" Dass es Einrichtungen mit vielen solcher Patienten schwierig haben, sei klar. Allerdings sei es nicht unbedingt vorteilhafter, wenn wenige Bewohner in vielen gemischten Einrichtungen "den ganzen Laden aufmischen" würden, fügt er hinzu.

Die Versorgungsstrukturen waren nicht auf Corona optimiert. Da hatte keiner daran gedacht.

Prof. Dr. Heinz Rothgang
Heinz Rothgang, Professor an der Universität Bremen

Eine weitere Schwierigkeit sei für viele Pflegeheime die hohe Fluktuation an Personal, die durch die Anstellung vieler Leiharbeiter entstehe, sagt die Fachkraft. Dadurch erhöhe sich das Risiko, dass ein Mitarbeiter das Virus ins Heim schleppe. Das Problem wird durch den Personalmangel, der schon vor der Corona-Krise in deutschen Pflegeheimen herrschte, offenbar befeuert.

Personalmangel in deutschen Heimen bereits in der Zeit vor Corona

Bereits in der Vor-Corona-Zeit habe man deutschlandweit etwa ein Drittel mehr Pflegekräfte gebraucht, erzählt Rothgang. Nicht nur sei die Stellenzahl zu gering gewesen, sondern auch die Zahl der Bewerber. Etwa eins zu fünf war das Verhältnis zwischen jobsuchenden Fachkräften und freien Plätzen. Das weiß ebenfalls der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Nordwest. "Es gab schon vor Corona einen Mangel an Personal, der nicht beseitigt worden ist", sagt der Geschäftsführer, Burkhardt Zieger. So zu tun, als ob man jetzt einfach zu einem normalen Zustand kommen könnte, sei problematisch.

Der anonyme Betreiber weist zudem darauf hin, dass die temporäre Aussetzung des Personalschlüssels in der Pflege – sowie die eingeschränkten Kontrollen – in diesem Zusammenhang ebenfalls problematisch werden könnte. Allerdings sei in Bremen die Zustimmung der Wohn- und Betreuungsaufsicht notwendig, um den Pflegeschlüssel in einer Einrichtung aufzuheben, erzählt Heidrun Pundt vom Pflegerat. "Das ist eine sehr hohe Hürde, um davon abzuweichen." Und in der Tat hat kein Betreiber in Bremen einen entsprechenden Antrag gestellt, wie das Sozialressort bestätigt.

Mit der vorläufigen Aussetzung des Pflege-Personalschlüssels wollte der Gesetzgeber die Möglichkeit der Betreuung aufrechterhalten, sollten weniger Fachkräfte coronabedingt in den Einrichtungen zur Verfügung stehen, erläutert Rothgang. "Der Gedanke war: Wir setzten die Standards für einen Moment aus. Wir halten die Versorgung aufrecht. Besser, als dass die Versorgung komplett zusammenbricht." Anfangs, angesichts der Bilder aus Italien, sei die Maßnahme sinnvoll gewesen.

Bald neues Verfahren zur Ermittlung des Personalbedarfs

"Inzwischen, wo wir jetzt bei niedrigeren Infektionszahlen sind, sollte sich das Problem langsam gelöst haben", sagt er. Wenn sich der Krankheitsstand wieder normalisiere, sei sinnvoll, einen Schlüssel wieder einzuführen. Ende Juni soll die Universität Bremen im Auftrag des Bundes ein neues Verfahren für die Bemessung des Personalbedarfs in der Pflege vorstellen.

Momentan liegt die Zahl der mit Corona infizierten Mitarbeiter in den Bremer Pflegeeinrichtungen bei acht. Zu Spitzenzeiten lag dieser Wert bei über 30. Insgesamt sind 44 Menschen unter dem Personal seit Beginn der Pandemie erkrankt. Zwölf Einrichtungen waren insgesamt vom Virus betroffen, acht sind inzwischen rehabilitiert.

Sozialressort: Die meisten Einrichtungen hatten bislang keine Corona-Fälle

"Die meisten Bremer Einrichtungen hatten keine Corona-Fälle", sagt der Sprecher des Sozialressorts, Bernd Schneider. "Bislang zumindest – man darf sich nicht in falscher Sicherheit wiegen", fügt er hinzu. Die jüngste Besuchserlaubnis sei ein Kompromiss zwischen dem Schutz der Bewohner und deren Bedürfnis nach sozialen, menschlichen Kontakten.

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Gerade sind in Bremen laut Gesundheitsressort 26 Bewohner mit Corona infiziert. 21 sind seit Beginn der Epidemie verstorben, 36 genesen. Die erste Krankheitswelle scheint also abgeebbt zu sein. Wie wird sich die Lockerung des Besuchsverbots darauf auswirken? Rothgang sagt, es sei klar, dass man die Einrichtungen nicht ewig schließen und die Bewohner nicht endlos isolieren könne. Es ist jetzt laut dem Wissenschaftler an den Heimen, mit der neuen Situation verantwortungsvoll umzugehen.

Wir sind letztlich in einem Dilemma: Heimbewohner gehören zu den vulnerabelsten Gruppen, die es gibt. Gleichzeitig ist das eine Gruppe, die alleine nicht klarkommt. Besucher können natürlich Virenträger sein. Auf der anderen Seite sind gerade ältere Menschen auf Kontakte angewiesen. Soziale Isolation führt zu Vereinsamung, Depression, das führt auch zu Todesfällen.

Prof. Dr. Heinz Rothgang
Heinz Rothgang, Professor an der Universität Bremen

Die Pflegeverbände weisen ihrerseits darauf hin, dass die Anforderungen durch Hygienekonzepte hoch seien. "Die eine oder andere Einrichtung wird viele Mühen auf sich nehmen müssen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Und es entstehen Mehraufwände, die geleistet werden müssen. Hierfür bräuchte man mehr Personal, das nicht zur Verfügung steht", sagt Pundt vom Pflegerat. Zieger vom DBfK sieht das ähnlich. Vor allem Einrichtungen mit dementen Patienten könnten überfordert sein. Und es seien dann wieder die Pflegenden, die an ihre Grenzen kämen.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Mai 2020, 19:30 Uhr