Wie Bremer Kinder Erste Hilfe lernen und ihren "Pflaster-Pass" machen

Bremer Kinder bekommen einen Erste-Hilfe-Kurs

Audio vom 8. August 2021
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Bild: Radio Bremen | Necla Süre
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Kinder sind hilfsbereiter, weil sie keine Hemmungen haben. Das sagt der Bremer Sportwissenschaftler Dennis Walter. Er zeigt Kindern, wie kinderleicht Erste Hilfe ist.

10.30 Uhr in der Sporthalle des Landesbetriebssportverbands Bremen: 18 Kinder sitzen in Sportbekleidung auf bunten Matten und gucken gespannt zu Dennis Walther. "Es geht heute um Erste Hilfe", sagt der Kursleiter. Der 41-Jährige sitzt auf einem Sprungkasten. In seiner Hand hält Walter einen Plüschtier-Igel. Neben ihm ist ein großes Poster mit einer Eule. Darunter steht auf einem Stuhl ein Kamishibai, das ist eine Art Minitheater. Vor Walther auf dem Boden liegen zwei schwarze Verbandkästen und eine rote Verbandtasche. "Weiß jeder, was Erste Hilfe ist?", fragt er in die Runde. "Ja", rufen die Kinder ihm nickend zu.

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Der achtjährige Tanay ist zum zweiten Mal dabei. Sein Silber-Abzeichen hat er sich schon letzte Woche geholt. Bild: Radio Bremen | Necla Süre

Neun Mädchen und neun Jungen im Alter von sechs bis zehn Jahren werden heute ihr Silber-Abzeichen in Erste Hilfe machen. Den sogenannten Pflasterpass. Der ist vergleichbar mit dem Seepferdchen beim Schwimmen. Doch vorher müssen die Kinder noch ganz viele Fragen beantworten. Die Kinder sollen in diesem Kurs für Erste-Hilfe-Maßnahmen sensibilisiert und die Grundlagen lernen. Denn laut der Pflasterpass-Organisation verletzt sich in Deutschland alle 18 Sekunden ein Kind so schwer, dass es ärztlich versorgt werden muss.

"112 – so rufe ich mir den Rettungsdienst herbei"

Damit die Kinder Spaß an dem Kurs haben, hat Dennis Walther eine Geschichte mitgebracht. Es geht um ein Igelchen, das im Wald lebt. Es hat sich verletzt. Das sehen die Kinder in dem Kamishibai, dem Minitheater. "Das Igelchen hat keinen Namen, damit sich die Kinder reinversetzen können", so Walther. Ziel der Geschichten und Abenteuer: Die Kinder sollen in eine Welt eintauchen, in der nicht immer alles perfekt ist. Sie sollen aber soziale Fähigkeiten wie Empathie und Freundschaft lernen, und wie sie mit ihren persönlichen Stärken und Schwächen umgehen können.

Das Igelchen, das Walther vorstellt, ist beim Laufen gestolpert, hat sich das Knie verdreht und kann nicht mehr gehen. "Was macht man in so einer Situation?", fragt der Sportwissenschaftler. "Hilfe rufen", rufen fast alle Kinder zusammen. "Die Eule rufen", sagt der kleine Levi und zeigt auf die Eule auf dem Plakat. "In ein Geschäft gehen", sagt Hannah. "Man könnte den Rettungswagen anrufen", schlägt Dante vor.

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Der neunjährigen Annemie macht vor allem das Verbandwickeln Spaß. Bild: Radio Bremen | Necla Süre

Rettungswagen im Notfall anrufen, ist immer richtig und wichtig, bestätigt Dennis Walther. Dafür müssen die Kinder sich die Nummer vom Notruf merken. Aber nur wie? Dennis Walther hat zwei Tricks auf Lager: "Kannst Du Dich noch an das Gedicht erinnern, Tanay?" Tanay, der kleine blonde Junge hat letzte Woche schon sein Abzeichen gemacht. Diese Woche ist er nochmal dabei. "Nein", sagt Tanay zunächst. Dann ruft er schnell hinterher: "Ich erinnere mich wieder: Eins plus eins sind zwei " – "und so rufe ich mir den Rettungsdienst herbei", fügt Kursleiter Walther hinzu.

Dann wiederholen die Kinder das Gedicht im Chor, bevor schon der zweite Trick folgt: Ein Mund, eine Nase und zwei Augen – 112. Walther zeigt dabei auf sein Gesicht. Die Kinder machen es ihm nach.

Was ist alles in so einem Verbandskasten?

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Sie üben auch stabile Seitenlage. Bild: Radio Bremen | Necla Süre

Zurück zur Geschichte, ein neues Bild im Kamishibai: Das Luchsmädchen hat einen Notarztkoffer dabei, um das Igelchen zu verarzten. Was ist alles in so einem Verbandkasten drin, ist die Frage. Die Kinder zählen auf: "Pflaster, Verband, Schere, Watte." Dennis Walther nimmt die aufgezählten Sachen aus dem Verbandskasten und hält ein Pflaster in seiner Hand: "Wer von Euch hat schon mal ein Pflaster geklebt?" Alle kleinen Fingerchen gehen nach oben. "Und wisst ihr auch, wo das weiße Ding hinkommt?", fragt Walter weiter. "Ja, auf die Wunde", antwortet Annemie.

Die Kinder sind ganz aufgeregt und möchten selbst ausprobieren. Jedes Kind bekommt einen Verband, sie versorgen sich gegenseitig. Köpfe, Knie und Ellenbogen werden verbunden. Annemie wickelt sich selbst ein. Sie findet es nicht schwer. "Es macht Spaß", sagt sie. Auch Tanay hat Spaß. Er lässt sich den Kopf verbinden. Die Kinder lachen und kichern. "Du bist eine Mumie", ruft ein Junge ihm zu. "Hallo Mumie", ruft ein anderer.

Trösten lernen

Nächstes Bild: Igelchen ist umgeben von seinen Freunden im Wald. Die Kinder rätseln wieder, was macht der Dachs wohl mit dem Igel. "Er hält ihn hoch und er hält ihn fest", sagen sie. Dennis Walter hakt nach: "Was macht man, wenn jemand traurig ist?". Dennis Walther schubst die Kinder immer wieder in die richtige Richtung. Sie sollen von alleine draufkommen. Der Dachs tröstet nämlich das Igelchen. "Auch Kinder trösten total gerne", sagt Walther. Bei dem richtigen Erste-Hilfe-Kurs nenne man das "psychologische Betreuung".

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Bild: Radio Bremen | Necla Süre

Walther gibt seit zwei Jahren Erste-Hilfe-Kurse für Kinder. "Es ist so, dass Kinder immer helfen wollen", erzählt er. "Das sieht man, wenn man auf dem Spielplatz ist. Wenn ein Kind hinfällt, dann sind gleich drei bis vier Kinder sofort da. Diese Hilfsbereitschaft verlieren wir nachher im Teenageralter. Und bei den Erwachsenen ist das Problem, dass nur wenige helfen." Das läge oft daran, dass Erwachsene Hemmungen haben. Sie hätten Angst, etwas falsch zu machen. Allerdings mache man nur was falsch, wenn man nichts macht.

Die Wahrscheinlichkeit nach einem Herzinfarkt gerettet zu werden, ist in Schweden zehn Mal höher als in Deutschland, weil in Skandinavien Erste-Hilfe elementarer Bestandteil der Ausbildung von Kindern ist.

Frank Liehr, Geschäftsführer und einer der Mitbegründer vom Pflasterpass

Frühkindliche Bildung und Prägung sowie Resilienz seien wichtig, sagt Frank Liehr, Geschäftsführer und einer der Mitbegründer vom Pflasterpass.

Die vier Ks: Kaktus, kuscheln, Knie und Kopf

Also, was können Kinder tun, wenn sie eine Person auf dem Boden liegen sehen? Und damit ist die Gruppe auch schon bei dem nächsten Bild mit dem Igelchen und der wichtigen Frage: Wie geht stabile Seitenlage? Der Igel liegt auf dem Boden. Die Kinder dürfen raten, was mit dem Igel los ist. Sie rufen: "Er ist eingeschlafen, er ist ohnmächtig geworden." Zunächst sollen die Kinder herausfinden, ob die Person auf dem Boden schläft oder nicht. "Draufdrücken? Rütteln? Backpfeife?", schlagen sie vor. "Nein, natürlich keine Backpfeife", sagt Walther, "dieser Vorschlag käme meistens von Jungs". Und wie findet man heraus, ob der Mensch noch atmet? Die Kinder liefern weitere Antworten: "Hand auf den Bauch legen und gucken, ob der Bauch nach oben und nach unten geht", sagt Tanay. Hannah hat auch eine Idee: "Hand vor den Mund und die Nase stellen und gucken, ob da Luft herauskommt."

Wie es richtig geht, zeigt Dennis Walter mit Hilfe der vier Ks zusammen mit Dante: K wie Kaktus: Ein Arm wird wie ein Kaktus hinlegt. Das nächste K ist Kuscheln: Die Hand des anderen Arms wird an die Wange gelegt. Das dritte K bedeutet Knie, das wird angewinkelt. Und das letzte K steht für Kopf: Den dreht man ein bisschen nach hinten. Jetzt sind die Kinder wieder an der Reihe. Für sie ist das mehr Spiel und Spaß als Lernen. Sie stellen sich gerne ohnmächtig und lassen sich von den anderen in die stabile Seitenlage bringen.

"Das haben die super gemacht", resümiert Walther. "Das kriegen sie auch mit Erwachsenen locker hin". Noch eine schnelle Wiederholung zum Schluss, dann ist es soweit: Die Kinder bekommen den Pflasterpass, und auch noch einen Ansteck-Button mit dem Erste-Hilfe-Igelchen drauf.

Autorin

  • Necla Süre Volontärin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, 27. Juli, 2021, 13:15 Uhr