Tortur oder Traumberuf? Einblicke in den Bremer Erzieher-Alltag

Audio vom 25. September 2021
Ein Mädchenhinterkopf mit Zopf. Es hält einen gelben Hüpfball mit Smiley über ihren Kopf.
Bild: DPA | Jens Büttner
Bild: DPA | Jens Büttner

Erzieherinnen werden dringend gesucht. Doch Beruf und Ausbildung sind für viele eine Herausforderung. Zwei Beschäftigte erzählen, wie es wirklich ist und was sich ändern sollte.

In Bremer Kitas herrscht Personalmangel. Mit verheerenden Folgen. Weil Erzieherinnen und Erzieher fehlen, können in Bremen aktuell etwa 280 Kita- und Krippen-Plätze nicht besetzt werden. In Bremerhaven sind es 40. Zahlen, die sowohl Eltern als auch Erzieher entsetzen, als wir sie Mitte September veröffentlichen. Auf den Social Media-Kanälen von buten un binnen machten sie ihrem Ärger Luft.

Ich arbeite seit 20 Jahren in Bremen als Erzieherin.
Die Gehälter sind definitiv nicht proportional mit den steigenden pädagogischen und organisatorischen Anforderungen gestiegen.
Ich würde heute, wenn ich noch mal wählen müsste, wahrscheinlich eine andere Ausbildung bevorzugen.
Ich liebe meinen Beruf, meine Berufung. Aber die Bedingungen sind oft mehr als nicht mehr tragbar. Wenn ich überlege, dass ich diese Arbeit noch bis zur Rente mit 70 machen soll.... Das wird fast unmöglich.

Gunnel Chen - 15. September 2021, 10:04 Uhr.

Ich freu mich ja riesig auf nächstes Jahr, wenn ich dann für meine Zwillinge verzweifelt suchen muss.

Anna Körnchen - 15. September 2021, 10:05 Uhr.

Aufgrund der Vielzahl der Kommentare wollten wir von Fachkräften wissen, wo es in ihrer Ausbildung und im Berufsalltag hakt und haben gefragt: "Erzieherin: Ist das ein Traumjob oder eine Tortur?"

Kein üppiges Einkommen, hohe Arbeitsbelastung und prekäre Ausbildungsverhältnisse – Ob Kerim Djilali klar war, worauf er sich bei einer Ausbildung zum Erzieher einließ? Der gebürtige Bremerhavener beantwortet die Frage ohne Zögern mit Ja. Mit 21 Jahren und einem abgebrochenen Studium der Sozialwissenschaften begann er 2015 die Ausbildung in Bremerhaven und zog nach einem Jahr nach Bremen.

Trotz Bafög jobbte er neben der Erzieher-Ausbildung, um sich sein WG-Zimmer leisten zu können. "Ich habe mich vorher informiert, das Gehalt war kein K.O.-Kriterium. Ich habe die Entscheidung, Erzieher zu werden, nie bereut. In der Ausbildung habe ich gemerkt, was ich möchte und was nicht." Die Arbeit mit Jugendlichen gehöre auf jeden Fall dazu. Trotzdem findet er, die Rahmenbedingungen sollten sich ändern.

Porträt von Kerim Djilali
Für Kerim Djilali ist der Erzieherberuf ein Traumjob. Bild: Privat

"Durch mein Abitur musste ich zuvor nicht die Ausbildung zum Sozialassistenten machen. Wer das nach der Realschule macht, braucht insgesamt fünf Jahre bis zur Erlangung der staatlichen Anerkennung als Erzieher beziehungsweise Erzieherin. Das ist zu lang“, sagt der 27-Jährige.

Während seiner Praktika und des Anerkennungsjahres in der stationären Kinder- und Jugendhilfe habe sich die Arbeitsbelastung im Rahmen gehalten, erklärt Djilali. Während der praktischen Einsätze von angehenden Erzieherinnen komme es allerdings nicht selten zu bedarfsdeckenden Einsätzen. Was einfach nicht sein dürfe, sagt der Erzieher. Natürlich sei es auch mal bei ihm zu Überstunden gekommen, wenn es Ausfälle innerhalb des Teams gab.

"Ich habe Pädagogen und Pädagoginnen in meinem Freundeskreis, denen es während und nach der Ausbildung wesentlich schlechter ergangen ist. Ich sehe meine Ausbildungszeit nun nicht mit einer rosaroten Brille und weiß um die Missstände in den sozialen Bereichen, aber ich habe einfach immer Glück mit dem Kollegium gehabt."

Es ist ja nun mal nicht so, dass man dann einfach nach Hause geht und die Arbeit liegen lässt. Das mag in einigen Bereichen vielleicht mal gehen, aber in einer notwendigen Betreuung von Menschen ist das nicht möglich.

Porträt von Kerim Djilali
Kerim Djilali, Erzieher

Der Erzieherberuf, insbesondere in Kindertagesstätten, sei innerhalb der letzten Jahre aufgrund von fehlender Zeit durch Personalmangel sowie steigendem Arbeitspensum noch anspruchsvoller geworden, berichtet er.

Nach seinem Abschluss 2018 arbeitet Djilali zwei Monate als Erzieher und entscheidet sich für ein Studium der Sozialen Arbeit an der Hochschule Bremen. Damit will er später in die Jugendarbeit gehen. "Das Gehalt war ein Grund dafür, auch wenn das später in der Sozialen Arbeit nur ein My mehr sein wird als das eines Erziehers.“ Beim aktuellen Fachkräftemangel dürften seinen Jobchancen nicht schlecht sein. Wie es dann um Festanstellungen und Vollzeitstellen stehe, sei aber noch eine ganz andere Geschichte, so der Pädagoge.

Empathie, Engagement und Fachwissen gefragt

Erzieherin sein, das ist mehr als gemeinsames Liedersingen und Streit um Bauklötzer schlichten. Den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen mit Empathie, Engagement und Fachwissen entgegen zu treten, ist ständig gefragt. Das weiß auch Kim Megafu. Die 26-jährige Bremerin steckt noch in der Ausbildung zur Erzieherin, sagt aber: "Das ist mein Traumjob. Es ist toll, mitzuerleben, wie sich die Kinder entwickeln." Nach der Ausbildung möchte die Bremerin unbedingt im U-3 Bereich arbeiten.

Den Druck, den die Ausbildung mit sich bringt, empfindet sie als hoch: "Ich würde mir wünschen, dass der Fokus in der Ausbildung eher in der Praxis liegt." Nach Fachhochschulreife und FSJ startete sie ihre Ausbildung 2019, derzeit wiederholt sie das zweite Ausbildungsjahr. Festlegen, ob sie nach ihrer Ausbildung auch in Bremen arbeiten möchte, will sie sich noch nicht.

Hohe Fluktuation in Einrichtungen

Mit dieser Überlegung ist sie nicht allein. Dass der Fachkräftemangel im Bereich der Kindertagesbetreuung kontinuierlich hoch ist, liegt laut Bildungsbehörde einerseits an der hohe Fluktuation in den Einrichtungen sowie Abwanderungen von Fachkräften in andere Arbeitsbereiche oder Regionen. Andererseits an dem kontinuierlich erfolgenden Platzausbau, argumentiert ein Sprecher der Behörde.

Um so besser, dass die Zahl der Auszubildenden steigt. Laut Behörde sind schätzungsweise derzeit 985 Erzieherinnen und Erzieher in Bremen in Ausbildung. Im Vorjahr waren es mit 907 Auszubildenden deutlich weniger.

Lange gab es keine einheitliche Vergütung für angehende Erzieherinnen und Erzieher. Seit August dieses Jahres läuft in Bremen ein neues Föderprogramm. Mit dem "Aufstiegs-Bafög" bekommen die Azubis monatlich 780 Euro, so die Bildungsbehörde. Zudem können sich angehende Erzieher und Erzieherinnen seit 2018 in Bremen für die "Praxisintegrierte Ausbildung (PiA) bewerben. Drei Jahre lang werden die Azubis in einer Kindertageseinrichtung ausgebildet. Vergütet wird das je nach Ausbildungsjahr zwischen 1.100 und 1.300 Euro.

Gewerkschaft fordert Aufstiegschancen

Die Berufsmöglichkeiten attraktiver zu gestalten, hält Barbara Schüll von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bremen (GEW) für eine Möglichkeit etwas gegen den Fachkräftemangel zu tun. Dazu sollten laut Schüll die Aufstiegschancen, das Gehalt, die Arbeitszeitmodelle neu strukturiert werden. Die Belastungen und Anforderungen an die Pädagoginnen und Pädagogen seien hoch, sagt sie. Das betreffe auch den Betreuungsschlüssel, der ihrer Meinung nach zu hoch ist. "Gerade die frühkindliche Entwicklung bedarf einer Gruppengröße von nicht mehr als 20 Kindern, natürlich mit angepasstem Raum und Doppelbesetzung", sagt Schüll.

Mehr Gehalt, bessere Aufstiegschancen und neue Arbeitszeitmodelle wären sicher nicht nur im Sinn von Erzieherinnen und Auszubildenden, sondern würden auch den Jüngsten und ihren Eltern zu Gute kommen, die noch auf einen Kitaplatz warten und sich über weniger gestresste Erzieher freuen.

Kinderbetreuung in Bremer Krippen: Sind die ganz Kleinen hier richtig?

Video vom 18. April 2021
Eine Erzieherin in einer Kita sitzt mit einem Kind an einem Tisch.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Sophie Schwarz

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau am Morgen, 15. September 2021, 7 Uhr