So verzweifeln die Bremer am Park-Chaos

Wohin mit dem Auto? Diese Frage kostet Bremer Autofahrer täglich Nerven, Zeit und Geld. Der Lösungsansatz der Behörde dürfte Ihnen nicht gefallen.

Parkende Fahrzeuge in der Bremer Neustadt.
Eine solche Blechlawine ist in vielen Teilen Bremens keine Seltenheit.

Sabine Schmedje ist glücklich: Sie hat einen Parkplatz gefunden. Und dann auch noch direkt vor ihrem Haus in der Bremer Neustadt. "Aber ich fahr' hier einfach abends nicht mehr weg, weil ich keinen Bock habe, mir dann wieder einen Parkplatz zu suchen. Dann wird die Sucherei hier schwierig." Die Sorge, keinen Parkplatz zu finden, ist so groß, dass sie sich abends eher von Freunden abholen lässt, als selbst wieder in ihr Auto zu steigen.

Der Druck auf den Straßen ist hoch

Mit ihrem Parkplatzproblem ist Sabine Schmedje nicht allein. Sieben Minuten kostet die Suche nach einem Stellplatz Autofahrer in Bremen durchschnittlich pro Fahrt. Das ist das Ergebnis einer Statista-Erhebung aus dem Vorjahr. Vor allem in den innenstadtnahen Stadtteilen ist die Situation angespannt. Das geht aus dem Verkehrsentwicklungsplan der Baubehörde hervor: Insbesondere die Bereiche mit vielen Altbremer Häusern, wie die Neustadt, die Östliche Vorstadt, Findorff oder Walle, seien verdichtet und sehr kleinteilig bebaut. "Dort ergibt sich eine hohe Bevölkerungsdichte und gleichzeitig eine geringe Anzahl an Parkplätzen auf Privatgrundstücken. Daraus resultiert ein hoher Parkdruck, so dass teilweise auch Rettungswege, Gehwege und Kreuzungsbereiche zugeparkt werden", heißt es in dem Bericht.

Stellplatznachfrage, 15-16Uhr
Besonders in den Stadtteilen rund um die City sind Parkplätze knapp. Quelle: Senator für Umwelt, Bau und Verkehr, Bremen, Stand: Oktober 2014

Und der Druck wird immer größer: Seit Jahren steigt die Zahl der in Bremen zugelassenen Autos. 2008 waren im gesamten Stadtgebiet nach Angaben des Statistischen Landesamtes noch 215.388 Autos zugelassen, 2016 waren es 13.847 mehr. Die größten Zuwächse hatten dabei Walle (+3379), Mitte (+3104), Hemelingen (+2181) und Obervieland (+1629) zu verzeichnen. Aber auch in anderen schon vorher belasteten Stadtteilen müssen sich immer mehr Autofahrer die Stellplätze am Straßenrand teilen: Neustadt (+895), Östliche Vorstadt (+501), Schwachhausen (+1090), Findorff (+318).

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Garagen: Das Licht am Ende des Tunnels

Ein eigener Stellplatz, fest angemietet und immer verfügbar — das wäre die Lösung. Sabine Schmedje sucht jetzt seit einigen Jahren, ohne Erfolg. Meist war alles voll. Einige waren zu teuer — 60 Euro sind ihr Limit. Und manchmal hatte sie einfach Pech: Da gab es diesen einen Platz. Privat, ein paar Häuser weiter. Aber ihr Wagen war zu lang, setzte in der Mitte auf, und die Suche ging weiter.

Sabine Schmedje vor parkenden Autos
"Die Parkplatzsuche ist für mich ein großes Problem." Sabine Schmedje sucht schon lange nach einer Garage.

Wolfgang Schrage könnte helfen. Zusammen mit seinem Bruder vermietet er Garagen in der Neustadt: 32 Stück für je 55 Euro im Monat. Aber so einfach ist das nicht: Bis jemand von der Warteliste eine Garage bekomme, dauere es meist mindestens zwei bis drei Jahre. "Weil die, die die Garage gemietet haben, sie meistens in der Familie weitergeben."

Peter Hinsch stellt die Lage ähnlich dar. Im Viertel betreibt seine Familie seit 1928 einen Garagenhof. Dort wurden schon immer Autos untergestellt. Früher waren es die Wagen der wohlhabenden Villenbesitzer am Osterdeich, heute sind die 56 Garagen so etwas wie das Licht am Ende des Tunnels für viele Autofahrer aus dem Viertel. Kostenpunkt: 63 Euro im Monat. Hinsch muss sich keine Sorgen machen, seine Garagen loszuwerden: "Wenn wir mal Plätze frei hatten, dann war das aus eigenen Gründen. Weil die Garagen unterschiedlich groß sind und nicht alle Autos da reinpassen."

Eine offene Garage auf einem Hinterhof in der Neustadt in Bremen
Eine freie Garage – ein Traum, den sich viele Autofahrer einiges kosten lassen.

Wenn Wartelisten und private Kontakte nicht weitergeholfen haben, bleibt noch der Blick in die Annoncen im Netz. Dort bekommt man ein Gefühl dafür, wie gut die Zeiten für Garagenvermieter sind: Ein Stellplatz in einer Tiefgarage im Faulenquartier: 80 Euro pro Monat. Parken im Parkhaus in der Überseestadt: 83 Euro. Auf dem Stadtwerder oder in der alten Neustadt: 90 Euro. Auf einem Supermarktparkplatz in der östlichen Vorstadt: 95 Euro. Im Viertel werden für einen Platz in einer Tiefgarage auch mal 120 Euro verlangt.

Behörde: Mehr Parkplätze sind nicht die Lösung

In der Behörde von Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne) kennt man die Probleme. Mehr Parkplätze seien aber nicht die Lösung: "Das Ergebnis wäre: Mehr Parkplätze, mehr Autos, mehr Umweltbelastung — und eventuell Fahrverbote. Das ist nicht die Politik des Senats", sagt Sprecher Jens Tittmann. Seine Behörde setzt auf den Umweltverbund. Die Menschen sollen ihre Wege mit Bus, Bahn, Fahrrad oder zu Fuß zurücklegen. Zudem fördert die Stadt den Ausbau von Car-Sharing-Angeboten.

Dahinter steht das Credo von Bremen als wachsender Stadt. Die Einwohnerzahl steigt, der Druck auf dem Wohnungsmarkt wird immer größer. Deshalb werde sich Bremen bei der Frage, ob auf einem städtischen Grundstück Parkplätze oder Wohnungen geschaffen werden sollen, in der Regel für Wohnraum entscheiden, sagt Tittmann. "Und dort, wo der Parkdruck am größten ist, wird er faktisch von den Anwohnern erzeugt." Deshalb helfe es auch nicht, zusätzliche Anwohnerparkzonen auszuweisen. Wer also nicht auf sein Auto verzichten kann oder will, muss auch weiterhin viel Zeit und Energie in die Parkplatzsuche investieren.

So wird Sabine Schmedje sich weiter mit ihren Parkplatzsorgen plagen, Abschied von ihrem Auto nehmen wird sie nicht. "Meine Überlegung ist dann halt, unser Haus zu verkaufen und dann irgendwo anders hinzuziehen, wo ich meine Parkfläche immer vor dem Haus habe." Aber so weit ist es noch nicht.

  • Jörn Hüttmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 26. Juni 2018, 23:20 Uhr