Interview

Bremer Virologe Zeeb: Was "von der Pandemie zur Endemie" bedeutet

Computervisualisierung des Coronavirus.
Wenn eine Infektion grundsätzlich in einer Bevölkerung vorhanden ist und sich ohne größere Ausschläge in dieser verbreitet, spricht man von einer sogenannten Endemie. Bild: Reuters | NEXU Science Communication

Der Bremer Senat hat sich einem Ende der epidemischen Notlage gegenüber offen gezeigt. Experten sagen, Deutschland befinde sich ohnehin auf dem Weg zu einer Endemie. Was heißt das?

Herr Zeeb, Expertinnen und Experten sagen, wir befänden uns im Übergang von einer Pandemie – also einer weltweiten Epidemie – zu einer Endemie. Können Sie uns den Unterschied kurz in Worte fassen?
Bei einer Epidemie breitet sich eine Infektion derart aus, dass die Häufigkeit und die räumliche Ausbreitung deutlich höher und anders ist als bisher bekannt. Wenn eine Infektion endemisch verläuft, heißt das, dass sie grundsätzlich verbreitet ist in einer regionalen Bevölkerung, ohne dass es größere Ausschläge in den Verbreitungsmustern gibt. Ein Beispiel ist Malaria in vielen Ländern des südlichen Afrikas.
Warum hat Deutschland diesen Punkt noch nicht erreicht?
Bisher hat meines Wissens noch kein Land erklärt, dass Corona dort jetzt als endemisch eingestuft wird. Aber die Weltgesundheitsorganisation (WHO) deutet ja auch an, dass sie nicht erwartet, dass Corona gänzlich verschwindet – und damit also endemisch ist. Man muss aber sagen, dass der Übergang fließend ist und es keine exakte Schwelle gibt, ab der man sagt: Epidemie ist vorbei, jetzt gilt Endemie. Andererseits ist es eben so, dass bei einem längerfristigen Vorhandensein regional dann eben ein endemischer Zustand erreicht ist. Deutschland bewegt sich darauf hin, vermutlich sprechen wir im Jahr 2022 von Corona als in Deutschland endemisch verbreitet.
Lässt sich anhand der jeweiligen Erkrankung denn pauschal eine Unterscheidung machen, welche Pandemien sich zu einer Endemie entwickeln?
Es gibt keine sichere Vorhersage, ob und wann eine Erkrankung in eine endemische Form übergeht. Bestimmte Erkrankungen wie Ebola tauchen fast nur epidemisch auf, weil sie sich so rasant und tödlich ausbreiten und daher nicht endemisch verbreitet sein können. Erkrankungen mit epidemischem Potenzial sind genau die, für die in der Bevölkerung keine oder wenig Immunität vorliegt, und die einen hohen R-Wert haben. Das heißt: Einzelne Infizierte geben ihre Infektion in der Regel an mehr als eine Person weiter.
Der Epidemiologe Hajo Zeeb im Interview.
Hajo Zeeb ist Epidemiologe und Professor an der Universität Bremen. Zeeb ist zudem Abteilungsleiter am Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Bild: Radio Bremen
Anhand welcher Faktoren könnte man beim Coronavirus sicher von einer endemischen Lage sprechen?
Für die Feststellung, dass Corona endemisch ist, gelten insbesondere die Infektionszahlen als wichtig. Wenn man sieht, dass es sich auf einem mittleren oder niedrigen Niveau einpendelt, aber eben nie gänzlich auf Null kommt, dann hat man eine endemische Situation. Sehr bedeutsam ist dabei die Impfquote, die eben bei ausreichender Höhe verhindert, dass es zu größeren Ausbrüchen im Sinne einer epidemischen Verbreitung kommt. Sollte es irgendwann effektive Medikamente geben, hat das natürlich auch einen Einfluss, ebenso wie die in der Bevölkerung umgesetzten Präventionsmaßnahmen.
Was hat die Nachdurchseuchung mit der endemischen Lage zu tun und was versteht man unter diesem Begriff?
Hier kommt es zum Aufbau der Immunität – statt durch Impfung eben durch direkten Kontakt mit dem Virus. Da die Immunität aber eben wieder nachlässt, wird die endemische Ausbreitung dann möglich: das Virus findet immer wieder empfängliche Personen oder Gruppen und kann sich hier in gewisser Konstanz in der Bevölkerung festsetzen.

Bürgermeister Bovenschulte zum möglichen Ende der Corona-Maßnahmen

Bürgermeister Andreas Bovenschulte sitz in seinem Büro
Bild: Radio Bremen | Daniel Hoffmann
Bild: Radio Bremen | Daniel Hoffmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 22. Oktober 2021, 23:30 Uhr