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Niere statt Milz entfernt: "Das war ein Schockmoment"

Einem 18-jährigen Bremer sollte nach Recherchen von buten un binnen im Krankenhaus die Milz entfernt werden. Doch jetzt fehlt ihm eine Niere. Wie das geschehen konnte? Der junge Mann ist ratlos – und hat sich einen Anwalt genommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Arzt. Doch die zweite Niere ist für immer verloren.

Ein junger Mann im Krankenhausbett.
Kerim Uçar sollte die Milz entfernt werden. Bei der Operation wurde allerdings seine linke Niere herausgeschnitten. Bild: Privat

Kerim Uçar kann es immer noch nicht fassen: Am 4. Oktober wurde der 18-Jährige nach eigenen Angaben im Klinikum Bremen-Mitte aufgenommen. Er sollte operiert werden, weil sich seine Milz durch eine Krankheit vergrößert hatte, erzählt er buten un binnen. Doch ein Test in der Pathologie ergab: Es wurde gar nicht die Milz entfernt, sondern eine Niere. Uçar erfuhr das erst einige Tage später, wie er sagt. Seine Eltern hätten ihn schützen wollen. buten un binnen erfuhr von dem Fall über Facebook.

Nachdem ich am 5. Oktober das Betäubungsmittel bekommen habe, hat man mir ein Band um meinen Arm gebunden, auf dem mein Name stand. Dazu meinte die Schwester: 'Damit wir dir nicht das falsche Organ herausoperieren'.

Kerim Uçar, Patient

Seine Erwartung an die Operation war, dass er sich danach wesentlich besser fühlen würde. Das Gegenteil war allerdings der Fall: "Nach dem Aufwachen aus der Narkose habe ich mich immer schlechter gefühlt, anstatt besser. Die nächsten drei, vier Tage war ich sozusagen k.o. Als es mir ein bisschen besser ging, bekam ich die Nachricht, dass mir anstatt meiner Milz meine linke Niere herausoperiert wurde", berichtet der 18-Jährige. "Das war ein Schockmoment. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte."

Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung

Ein Sprecher des Krankenhausträgers Gesundheit Nord (Geno) sagte am Donnerstag auf Anfrage von buten un binnen: "Es läuft ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren. Wir können nichts dazu sagen."

Eine Frau schaut in die Kamera
Silke Noltensmeier, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Bremen, bestätigt, dass es Ermittlungen wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung gibt.

Die Staatsanwaltschaft Bremen hat die Ermittlungen aufgenommen. "Ich kann bestätigen, dass wir ein Ermittlungsverfahren führen gegen einen Arzt beim Klinikum Bremen-Mitte. Und zwar ist der Tatverdacht fahrlässige Körperverletzung", sagt Staatsanwältin Silke Noltensmeier auf Anfrage.

Wie es dazu kam, [dass eine Niere statt einer Milz entfernt wurde, Anm. d. Red.], und ob es hierfür Gründe gab, ist Gegenstand unserer Ermittlungen. Bislang haben wir keine Anhaltspunkte, wie es dazu kommen konnte.

Silke Noltensmeier, Staatsanwaltschaft Bremen

Checkverfahren sollen Verwechslungen bei OPs verhindern

Heidrun Gitter, Leitende Oberärztin in der Kinderchirurgie am Klinikum Bremen-Mitte, erklärt, dass medizinische Beurteilungen erschwert werden können, wenn es bei einem Patienten bereits Operationen gegeben hat oder bei seltenen Erkrankungen, die Aussehen und Lage der einzelnen Organe verändern. "Es gibt bei Kindern und Jugendlichen einfache Operationen wie zum Beispiel einen Leistenbruch. Und es gibt seltene, hochspezialisierte Sachen, die sind natürlich auch gleich mit größeren Risiken behaftet", sagt Gitter. 

Eine Frau schaut in die Kamera.
Heidrun Gitter ist Leitende Oberärztin in der Kinderchirurgie am Klinikum Bremen-Mitte.

Um Verwechslungen bei Operationen zu vermeiden, würden innerhalb der Geno-Krankenhäuser bestimmte Checkverfahren angewandt. Dabei überprüft das gesamte OP-Team vor dem Eingriff, ob es sich um den richtigen Patienten handelt, ob die Diagnose korrekt ist, und jeder Beteiligte weiß, was seine Aufgaben sind.

Bei seltenen Krankheiten ist das Risiko größer

Anders ist es laut Gitter bei Unwägbarkeiten, die im Vorhinein nicht kalkulierbar sind. "Wenn man aber Fehler hat, die passieren, weil die Situation ungewöhnlich ist, wie zum Beispiel bei seltenen Erkrankungen, Voroperationen oder ähnlichem, dann kann man es am besten verhindern, indem man einen erfahrenen Operateur damit betraut. Das ist in diesem Falle auch passiert. Und dass man sehr gut zusammenarbeitet mit Patient, Eltern, den anderen behandelnden Ärzten. Auch das ist hier passiert", sagt Gitter.

Trotzdem kommen Fehler vor. Das ist schlimm, das finden wir auch sehr schlimm, das bedauern wir auch und haben es der Familie gegenüber auch zum Ausdruck gebracht. Es lässt sich aber nicht mit letzter Sicherheit verhindern. Medizin ist am Ende auch ein gefährlicher Beruf.

Heidrun Gitter, Leitende Oberärztin in der Kinderchirurgie am Klinikum Bremen-Mitte

Familie kann sich den Irrtum nicht erklären

Für Kerim Uçar sind die Eingriffe allerdings noch nicht vorbei. Schließlich muss ihm die Milz, die zuletzt für gesundheitliche Probleme sorgte, noch entfernt werden. Er will nun erst einmal wieder zu Kräften kommen. "Die Wunden heilen, aber psychisch bleibe ich angeschlagen", sagt er. "Meine Milz muss immer noch raus, und ich habe jetzt Angst vor der Operation."

Seine Mutter Durna Uçar ist immer noch fassungslos. Als Kind auf dem Spielplatz sei Kerim immer so ausgelassen gewesen, erzählt sie. Sie sei froh, ihn ohne größere Unfälle großgezogen zu haben. "Natürlich sind die [das Krankenhauspersonal, Anm. d. Red.] traurig, dass so etwas passiert ist, aber eine Erklärung, die ich verstehen kann, habe ich bisher noch nicht bekommen", sagt sie. 

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten, 13. Oktober 2017, 11 Uhr