Schulstoff in Bremen: Zeit der ausschließlich weißen Helden ist vorbei

Bremer Schülervertreter sind vorgeprescht – jetzt fordern auch die Landesfrauenbeauftragte und andere ein Umdenken bei der Lektüre für das Abitur.

Unterricht mit Klassikern in einem Deutschleistungskurs (Symbolbild)
Bremer Schüler weisen in einem Schreiben darauf hin, dass in den Lektüren für das Deutsch-Abitur weibliche, nicht-weiße oder queere Protagonisten zu selten bis gar nicht vorkommen. Bild: Imago | Jochen Tack

Für die Bremer Gesamtschüler*innenvertretung (GSV) ist die Auswahl der Lektüren für das Deutsch-Abitur höchst problematisch. Ihrem Unmut machen sie in einem offenen Brief an die Bildungsbehörde Luft.

Zum einen seien unter dem Schwerpunkt "Zeit für Helden" lediglich männliche Figuren, meistens weiße und heterosexuelle, behandelt worden. Zum anderen sei die Auswahl der Autoren im Deutschunterricht auf "Menschen des globalen Nordens beschränkt" und zeuge von Eurozentrismus.

Unserer Meinung nach ist das Bild des "Helden" als ausschließlich "weißen Mann" sehr problematisch und spiegelt den tief sitzenden Rassismus, Sexismus und Eurozentrismus unserer Gesellschaft wider.

Offener Brief der Gesamtschüler*innenvertretung Bremen

Bildungsbehörde: nicht nur Pflichtlektüren im Unterricht behandelt

Auf Nachfrage teilt das Bildungsressort mit, eine Antwort auf den Brief werde gerade von der Fachkommission verfasst. Die Behörde weist jedoch darauf hin, dass in der Oberstufe nicht nur die verpflichtenden Lektüren der Schwerpunktthemen gelesen und bearbeitet würden. Im Unterricht werde "auf eine gendersensible Auswahl" geachtet.

Eine breite Palette [von Werken] steht zur Auswahl und ist erwünscht; es ist selbstverständlich möglich und ebenso erwünscht, auch Werke von Autorinnen im Deutschunterricht zu behandeln.

Annette Kemp, Sprecherin der Bildungssenatorin

Frauenbeauftragte: Zeit der (ausschließlich) weißen, männlichen Helden ist vorbei

Unterstützung bekommen die Schüler von der Landesfrauenbeauftragten, Bettina Wilhelm. "Ich teile die Kritik der Gesamtschüler*innenvertretung. Die Zeit, in der Helden vor allem weiße Männer sind, ist endgültig vorbei. Wir brauchen neue Vorbilder und Autor*innen, die hier differenzierter am Werk sind. Die gibt es und sie müssen in die Lehrpläne eingebunden werden", sagt sie. Das Problem sei nicht neu, Kritik habe es schon vor zwei Jahren gegeben.

Matthis Kepser, Professor für Didaktik des Deutschen an der Universität Bremen, sieht in der Auswahl der Pflichtlektüren ebenfalls ein Problem.

Ich finde es auch eher schwach, dass man nur eine Autorin bei der Printliteratur mit dabei hat und man nicht die Chance ergriffen hat, im Falle der Filme auch Heldinnen zum Thema zu machen. Ich glaube, das war keine gute Entscheidung.

Matthis Kepser, Professor an der Universität Bremen

Uni-Professor: Auch übersetzte Werke könnten herangezogen werden

Die Forderung der Schüler, mehr nicht-weiße Autoren und Protagonisten im Unterricht zu analysieren, könne er ebenfalls nachvollziehen. Allerdings sei dies keine Bremer Besonderheit. Es gebe laut Kepser in Deutschland insgesamt ein strukturelles Problem.

Denn nicht zu allen Themen gebe es nicht-weiße deutsche Autoren oder Protagonisten. Es sei aber nicht einzusehen, warum man nicht auch im Deutsch-Abitur Beispiele der Literatur aus der ganzen Welt heranziehen sollte. Dieser Chauvinismus, wie er ihn bezeichnet, führe ebenfalls dazu, dass einige Thematiken gar nicht zur Debatte kämen.

Im Deutschunterricht lebt der Nationalismus weiter.

Matthis Kepser, Professor an der Universität Bremen

GSV: Buch "Hikikomori" sollte aus den Abi-Lektüren genommen werden

Die Schüler der GSV haben außerdem ein Problem mit dem Buch "Hikikomori" von Kevin Kuhn, das zu den Lektüren für das zweite Schwerpunktthema "Leben in digitalen Welten" gehört. Hier werde sexuelle Gewalt in einer Szene dargestellt und nicht weiter thematisiert. Sie fordern, dass das Buch in den kommenden Jahren aus den Pflichtlektüren für den Leistungskurs gestrichen wird.

Die Bildungsbehörde erwähnt dazu, dass nicht nur "Hikikomori", sondern auch zahlreiche andere Werke der deutschen Literaturgeschichte Zumutungen für die Leser enthalten würden. Es sei Aufgabe der Lehrkräfte, "die Rezeption der verpflichtenden Werke gemeinsam mit den Schüler*innen fachlich pädagogisch zu gestalten und selbstverständlich auch auf die Fiktionalität der Inhalte hinzuweisen."

Ähnlicher Meinung ist Kepser. "Die Forderung [das Buch aus den Lektüren zu streichen] halte ich für unsinnig", sagt er. Es sei Sache des Lesers, sich Gedanken über das Geschilderte zu machen. Man müsste sonst einen großen Teil der Literatur streichen, wenn man keine Texte mehr lesen könne, in denen problematische Fälle und Übergriffe passierten.

Frauenbeauftragte für kritische Diskussion

Die Landesfrauenbeauftragte empfiehlt hingegen eine kritische Diskussion über den weiteren Umgang mit diesem Buch. "Ich kenne das Buch – noch – nicht und kann deshalb die von der GSV kritisierte Stelle nicht selbst einschätzen. Aber sofern die Schilderungen im Brief der Schüler*innen zutreffen, teile ich auch hier ihre Kritik." Die Schule müsse das Thema Diskriminierung behandeln und problematisieren.

Die Schüler haben eine Reihe von weiteren konkreten Forderungen in ihrem Schreiben aufgelistet. Marlene Heldmann vom GSV-Vorstand sagt, "ich würde mir wünschen, dass die Behörden sich mit uns darüber auseinandersetzen. Aber vor allem, dass das Buch "Hikikomori" vom Lehrplan genommen wird und alle Lerninhalte darauf geprüft werden, wie die Geschlechtsverteilung aussieht – sowie die Verteilung von nicht-weißen und weißen Menschen."

Wie erleben Menschen in Bremen Rassismus?

Video vom 8. Juli 2020
Ayele Anani im Gespräch, im Hintergrund ist ein Kind auf einem Spielplatz zu sehen.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Juli 2020, 19:30 Uhr