Wie realistisch ist kostenfreier Nahverkehr in Bremen?

Die Bundesregierung denkt über kostenlosen Nahverkehr nach, um Autos aus den Städten zu holen und so die Luft zu verbessern. In Bremen ruft das Skepsis hervor.

Straßenbahn in der Bremer Innenstadt
Einsteigen in Bus und Bahn ohne ein Ticket zu kaufen – so will die Bundesregierung die Luft in deutschen Städten verbessern.

"Kostenlos in Bus und Bahn" – mit diesem radikalen Vorschlag sorgen mehrere Bundesminister für Wirbel. In erster Linie wollen die Politiker mit der Idee die EU-Kommission besänftigen und verhindern, dass Deutschland Strafe wegen zu hoher Luftverschmutzung zahlen muss. Aber ist die Idee überhaupt umsetzbar?

Klar ist, dass ein Null-Tarif eben nicht kostenlos ist. Die BSAG nahm nach eigenen Angaben im 2016 fast 92 Millionen Euro durch den Verkauf von Fahrscheinen ein. Zum Vergleich: In Hamburg waren es dem HVV zufolge 830 Millionen Euro und bundesweit laut dem Verband der Deutschen Verkehrsunternehmen (VDV) rund zwölf Milliarden Euro. Mindestens diese Summen müsste jeweils gegenfinanziert werden.

Hinzu kommt, dass wahrscheinlich Menschen auf Bus und Bahn umsteigen würden, wenn öffentliche Nahverkehrsmittel ohne Fahrschein nutzbar wären. Gerade für die Stoßzeiten müssten dann wahrscheinlich zusätzliche Fahrzeuge angeschafft werden und das kostet nochmals. Völlig unklar ist, wie viele Menschen ihr Auto stehen ließen. Denn in Deutschland gibt es keinen einzigen kostenfreien Nahverkehr und somit keinen Vergleich.

Lohse: Eine schöne Vision

Bausenator Joachim Lohse im Interview.
Laut Bremens Umweltsenator Lohse müsste der Nahverkehr ausgebaut werden, damit mehr Menschen ihr Auto stehen lassen.

Skeptisch zeigte sich Bremens Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne): "Kostenloser ÖPNV ist eine schöne Vision, wird aber das Problem der Luftverschmutzung durch Dieselabgase kurzfristig mit Sicherheit nicht lösen können. Der Vorschlag der Bundesregierung entspringt eher der Verzweiflung als rationaler Überlegung." Der Bund bleibe die Antwort schuldig, wie die enormen zusätzlichen Kosten finanziert werden, so Lohse weiter.

Die Kommunen und ihre Verkehrsbetriebe sind aktuell nicht imstande, den kostenlosen ÖPNV zu realisieren. 

Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte und Gemeindebunds

Und trotzdem findet der Sprecher von Bremerhaven Bus, Robert Haase, die Idee "richtig gut". Die Bundesregierung habe erkannt, dass der Öffentliche Nahverkehr einen wichtigen Beitrag zur Luftreinheit leisten könne, sagte er zu buten un binnen. Allerdings müsse die Bundesregierung sagen, wie sie den Umstieg finanzieren wolle. Hasse sieht aber auch Sparpotenzial beim Null-Tarif: Denn dann fielen die Fahrkarten weg. "Etwa fünf bis acht Prozent des Umsatzes muss ein Verkehrsunternehmen für Automaten, Druck und Fahrkartenvertrieb einrechnen. Diese Kosten wären weg."

Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft, Heike Sprehe, begrüßt den Vorstoß der Bundesregierung grundsätzlich, warnt aber auch vor einem Qualitätsverlust des Nahverkehrs, sollten die Fahrgastzahlen plötzlich steigen: "Mehr Menschen von A nach B zu bringen, bedeutet natürlich auch, dass man entsprechend in die Infrastruktur, in Schienen, Straßenbahnen und Busse investieren muss. Schon heute schießen wir aus Steuergeldern kräftig zu – wie alle Länder und Kommunen in Deutschland."

Ihr CDU-Kollege, Heiko Strohmann, sagt, Bremen halte die Schadstoff-Grenzwerte bisher ein, insofern sei offen, ob Bremen überhaupt profitieren könne. "Die Bundesregierung sieht vor, die Maßnahme erstmal nur in fünf Modellstädten zu testen, von einer flächendeckenden Kostenbefreiung ist derzeit ja keine Rede", ergänzt der verkehrspolitische Sprecher der CDU.

In der Stadt Bremen zählte die BSAG 2016 gut 104 Millionen Fahrgäste. Wie viele bei einem ticketfreien Nahverkehr noch dazu kämen, ist unsicher. Fest steht aber, dass nicht nur der Fahrpreis Menschen vom Umstieg auf Bus und Bahn abhält. Der ADAC hat vor genau einem Jahr eine Studie erhoben, wonach die Menschen in deutschen Städten mit dem Auto fahren, weil der Nahverkehr auch zu voll und zu langsam sei. Ebenso ließen sich Gegenstände nur schwierig transportieren.

Bremer offenbar zufrieden mit ihrem Nahverkehr

Vergangenen November legte der ADAC aber eine weitere Studie vor, wonach die Bremer im Vergleich mit anderen großen deutschen Städten mit dem Nahverkehr in der Stadt ziemlich zufrieden sind: Insbesondere beim Umsteigen, Haltestellendichte, Beschilderung, Zuverlässigkeit und Platzangebot gab es wenig zu mäkeln. Deutliche Kritik gab es dagegen bei den Punkten Sicherheitsgefühl, Preis-Leistungs-Verhältnis und Park-and-Ride in Haltestellennähe.

In der ADAC-Umfrage schnitt Hamburg schlechter ab. Etwa gleichauf mit Bremen war der Nahverkehr in Hannover und Dortmund. Am zufriedensten waren die Dresdener mit ihren Bussen und Straßenbahnen.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. Februar 2018, 19:30 Uhr