Endstation Güterbahnhof: Das Elendsquartier von Bremen

Hinter dem ehemaligen Güterbahnhof haben Obdachlose in slumartigen Bretterverschlägen ihr notdürftiges Quartier bezogen. Die Politik hat schon verkündet, dass sie das nicht mehr dulden will. Wer lebt dort? Eine Erkundung.

Wer seinen Fuß zum ersten Mal auf die Brache hinter dem ehemaligen Güterbahnhof setzt, fühlt sich, als sei er durch ein unsichtbares Tor in eine unbekannte Welt gestolpert. Es ist eine Welt, in der ich mich nicht zurechtfinde. Überall auf den Schottersteinen, auf denen Unkraut und Bäume wachsen, liegt Schrott, Müll und Unrat herum, es stinkt nach menschlichen Ausscheidungen und alle paar Minuten donnert ein Zug vorbei: Es ist kein Ort, an dem ich bleiben möchte.

Ein Unterschlupf von Obdachlosen am Güterbahnhof, auf dem eine blaue Plane liegt.

Und doch wirkt das Gelände, diese Insel in der Großstadt, irgendwie auch idyllisch. Vögel zwitschern, Grillen zirpen, aus der Ferne dringen die Geräusche der Stadt an mein Ohr. Dann aber fällt mein Blick auf die kaputten Fernseher, ich stolpere über eine tote Ratte und entdecke die Holzverschläge aus Brettern und Plastikplanen, die zwischen den Bäumen errichtet wurden. Es dauert einen Moment, bis mein Gehirn erkennt, dass das tatsächlich menschliche Behausungen sind.

Vor einer der Buden sitzt ein Mann und löffelt Essen aus einer Konservendose. Ein anderer sitzt neben ihm und guckt mich an.

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Ich sage, dass ich Journalist bin und frage die beiden, ob sie hier wohnen und mit mir sprechen wollen. Der eine, der eben noch gegessen hat, winkt ab, steht auf und verschwindet irgendwo im Unterholz. Der andere Mann spricht ein wenig Deutsch, sagt, er sei Sinti – wie viele andere hier auch – und zeigt mir sein Heim.

Eine Tür gibt es nicht. Spanplatten und Bretter zusammengehämmert, dazwischen ein bisschen Plastikfolie – das ist sein Haus. Seinen Namen will er mir nicht verraten und Fotos soll ich auch keine machen.

Eine Bretterbude ist hinter Gebüsch zu sehen.
Bis zu 50 Obdachlose sollen auf diesem Gelände leben.

Im Innern der Bretterbude ist mehr Platz als ich von außen dachte. Sie besteht aus zwei Räumen. Im ersten steht ein Tisch, im zweiten ein Bett. Der Boden ist mit Teppich ausgelegt. Der liegt da entweder noch nicht lange, oder er ist vor Kurzem sauber gemacht worden. Ansonsten sehe ich nicht viel. An den Wänden hängt nichts, auf dem Tisch liegen ein Notizblock und ein Stift, vor dem Tisch steht ein Stuhl. Im zweiten Raum steht ein Bett, auf dem eine aufgeschlagene Decke liegt. Das war's. Mehr Inventar hat die Hütte nicht. Keine persönlichen Gegenstände, keine Lebensmittel – nichts.

Der Mann sagt mir, dass er sich das Häuschen mit sechs, sieben anderen Rumänen teilt. Ob sie alle miteinander befreundet oder verwandt sind, bekomme ich nicht heraus. Er selbst sei seit ein paar Monaten in Bremen. Wovon er lebe, will ich wissen. Er sagt, dass er Zeitungen verkauft. "Die Zeitschrift der Straße?“, frage ich – er nickt. Viel komme nicht dabei herum, heute habe er nur fünf Euro verdient. Dennoch gehe es ihm hier besser als in seiner Heimat, in der Nähe von Bukarest. Seine Familie hat er dort zurückgelassen, sagt er. Weil das Zeitungverkaufen außerdem keine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit ist, wird er keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben und somit keinen anderen Ort zum Leben. Ihm bleibt nur die Straße. Da hat er sich für diese Brachfläche hier zwischen den Gleisen entschieden.

Eine tote Rattet liegt auf Straßenpflaster.
Auch das gibt es hier: tote Ratten.

Er sagt, dass er krank sei und zeigt auf seinen Bauch. Er müsse regelmäßig zur Dialyse. Wer bezahlt das, frage ich. Er sei in Rumänien krankenversichert, sagt er. In ein paar Tagen will er zurück nach Rumänien fahren. Hier werde es für ihn, da er krank ist, zu kalt. Die anderen würden aber hier bleiben. Dann gibt er mir die Hand zum Abschied und fragt mich, ob ich ihm etwas Geld geben könne. Das ist für einen Journalisten ein heikler Punkt, es ist für mich in dieser Situation aber ein Gebot der Menschlichkeit, ihm ein paar Euro in die Hand zu drücken.

Ich gehe weiter und stelle fest, dass auf dem Areal nicht nur obdachlose Rumänen Unterschlupf gefunden haben. In der Mitte des mehrere Fußballfelder fassenden Geländes liegt ein Wagenplatz. Einige Menschen, sie nennen sich selbst "Querlenker", leben hier schon seit Jahren in Bauwagen. Um ihr Gelände herum, für das sie der Wirtschaftsbehörde eine Pacht zahlen, haben sie einen hufeisenförmigen Zaun gezogen. Entlang dieses Zauns haben sich die anderen Grundstücksbewohner niedergelassen.

Eine Bretterhütte steht auf der Brache hinter dem ehemaligen Bremer Güterbahnhof.
Einige Hütten sind sehr stabil.

Dass das Zusammenleben mit den neuen Nachbarn nicht ohne Konflikte abläuft, wird anhand einer Polizeimeldung von Mitte Juni klar. Bewohner des Wagenplatzes hätten versucht, einen Streit zwischen zwei rumänischen Familien zu schlichten und schließlich die Polizei alarmiert. Mir gegenüber will sich kein Bewohner des Wagenplatzes dazu äußern. "Komm zu unserem Plenum, da kannst du vorsprechen", sagt mir einer, den ich anspreche. Ob man mit Journalisten spreche, könne man nur gemeinschaftlich beschließen. Auf eine Mail bekomme ich eine freundlich formulierte Absage.

Auf der Brache lebt aber neben den Rumänen und den Bauwagenbewohnern offenbar noch eine dritte Gruppe: Menschen, die nicht unbedingt aus blanker Not hier wohnen. Es gibt ja tatsächlich auch Obdachlose, die ein Leben unter freiem Himmel dem in den eigenen vier Wänden vorziehen. Da ist zum Beispiel auch jemand, der Pflanzen offenbar sehr gerne mag. Jedenfalls fallen mir abseits des Pfads, der über das Gelände führt, ein paar Beete auf, in denen Sträucher wachsen. In einem steckt ein Schild mit der Aufschrift "Gottesacker". Hinter dem Beet liegt ein Graben, der über und über mit leeren Flaschen gefüllt ist. Ein kleines Satteldach bietet Schutz. Rundherum liegen Holzbalken, Fensterrahmen und anderes Zeug.

Holzverschläge und provisorische Hütten am Güterbahnhof Bremen
Zwischen selbst angelegten Beeten sammelt dieser Mann alle möglichen Dinge. Er wohnt auch hier.

Ich gehe weiter und sehe einen Mann, dem eine Frau eine Wasserschüssel über dem Kopf ausschüttet. Dabei reibt er sich mit den Händen über Arme und Beine. Sie stehen vor einem ähnlichen Bretterverschlag, wie ich ihn vorher von innen gesehen habe. Die beiden sprechen kein Deutsch, ich vermute, sie kommen auch aus Rumänien. Schließlich stoße ich noch auf einen Mann, der mir erzählt, dass es sich auf dem Gelände ganz gut aushalten lasse. Er selbst lebe auch im Winter hier, obwohl er eine Wohnung habe.

Als ich das Gelände verlasse, denke ich darüber nach, wie es mit den Menschen hier wohl weitergeht. Die Politik hat bereits angekündigt, dass sie die Situation auf dem Gelände nicht mehr dulden will. Was das aber bedeutet, ist unklar. Es werde intensiv an einer Lösung gearbeitet, heißt es. Klar ist aber, dass die obdachlosen Rumänen, die hier wohnen, sollte es zu einer Räumung kommen, nicht in einer Obdachlosenunterkunft unterkommen werden. Darauf haben sie keinen Anspruch. Sie würden dann zur nächsten Brache weiterziehen. Was sollten sie auch anderes tun?

  • Milan Jaeger

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. September 2018, 19:30 Uhr