Kommentar

Wie obdachlosenfreundlich darf und muss Bremen sein?

Obdachlose werden zurzeit rund um den Bremer Hauptbahnhof vertrieben. Kommentator Stefan Pulß sagt: Man würde gerne allen helfen – so einfach ist es aber leider nicht.

Ein Mensch liegt zusammengekauert auf der Straße.
Rund um den Bahnhof werden Obdachlose zunehmend vertrieben. Bild: Imago | Emmanuele Contini

Eins gleich mal vorneweg: Ich habe auch keine Lösung. Ich habe nicht mal die Spur einer Idee, wie eine Lösung aussehen könnte. Also wird dies auch kein Kommentar, in dem der Autor erst das Problem beschreibt, dann erklärt, was die Politiker alles falsch machen, um dann, zum Schluss, sein Patentrezept zu präsentieren. Es ist nämlich ein echtes Dilemma: Wie menschenfreundlich, humanitär – vielleicht auch christlich – eine Gesellschaft ist, zeigt sich daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Und dazu gehören sie bestimmt: Menschen, die auf der Straße leben. Menschen, bei denen vieles schief gelaufen ist, mit oder ohne eigenes Verschulden. Menschen mit enttäuschten Hoffnungen, mit psychischen oder Suchtproblemen.

Ein Drittel der Obdachlosen kommt aus Osteuropa

Die andere Seite: In Polen und anderen Ländern ist es Politik, den Obdachlosen das Leben schwer zu machen. In Bulgarien und Rumänien ist die Situation gerade der Roma oft so miserabel, dass ein Leben auf deutschen Straßen das kleinere Übel ist. Man kann es niemandem verdenken, der aus so einer Lage hierher kommt. Und deshalb sind viele gekommen aus Osteuropa. Die hier irgendeine Arbeit gesucht und nicht gefunden haben oder die schon in ihrer Heimat auf der Straße lebten. Sie machen mittlerweile in Bremen mindestens ein Drittel, in vielen Städten mehr als die Hälfte der Obdachlosen aus. Und fallen hier durch alle Maschen, weil sie in der Regel weder Sozialhilfe-Ansprüche noch eine Krankenversicherung haben, weil sie auch in Unterkünften nur in sehr kalten Nächten und kurzfristig geduldet werden. Auch – oder gerade – sie bräuchten unsere Hilfe.

Sollen wir in den Wettbewerb der Schäbigkeit einsteigen?

Aber mit welchen Folgen? Eine Stadt, die besonders menschen- und damit auch obdachlosenfreundlich ist, wird über kurz oder lang ein Problem bekommen. Denn die Reisefreiheit in der EU bedeutet eben auch, dass Obdachlose – zumindest für eine Weile – dorthin gehen können, wo es für sie am erträglichsten ist. Soll das Bremen sein? Zu wie viel Hilfsbereitschaft sind wir bereit? Andererseits: Sollen wir wirklich in einen Wettbewerb der Schäbigkeit einsteigen, um nicht zum Magneten für Obdachlose zu werden? Ich weiß es nicht, und da bin ich offenbar nicht der Einzige. Auffällig schwammig sind die Forderungen, die jetzt erhoben werden: Nun sei die Politik in der Pflicht, das Sozialressort müsse nun nach Lösungen suchen, man brauche ein fundiertes Konzept. Ja, ja! Leute, schimpft nicht immer auf die Politiker – sie sollen manchmal Dinge lösen, die kaum zu lösen sind.

Der Kommentar zum Nachhören:

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  • Stefan Pulß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 7. Januar 2019, 8:35 Uhr