Interview

Legendär und "rotzig": Als Nirvana vor 30 Jahren im Aladin auftrat

Die Mitglieder der Band Nirvana: Dave Grohl, Kurt Cobain and Krist Novoselic am 24. September 1991.
Dave Grohl, Kurt Cobain and Krist Novoselic kurz vor der Veröffentlichung ihres Albums "Nevermind" im September 1991. Bild: DPA | Photoshot
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Ein Bremer Plattenladen lud Nirvana zu einem Festival ins Aladin ein. Ihr Auftritt im Vorprogramm ließ nicht erahnen, dass sie kurz vor ihrem Durchbruch standen.

Die Karriere der Band war kurz und heftig. In nur wenigen Jahren wurde sie zum Sprachrohr einer ganzen Generation, bevor sich ihr Sänger Kurt Cobain 1994 das Leben nahm. Vor 30 Jahren begann der geradezu kometenhafte Aufstieg der US-amerikanischen Rockband "Nirvana". Kurz vor Veröffentlichung ihres zweiten, jegendären Albums "Nevermind" trat das Trio um Kurt Cobain in Bremen auf: am 27. August 1991, also vor 30 Jahren, im Rahmen eines kleinen Festivals im Aladin in Hemelingen. Hinter der Halle stand der große Aufnahmewagen von Radio Bremen. Der Mitschnitt des Abends war viele Jahre verschollen. Inzwischen steht er in restaurierter Form bei uns im Archiv. Einer, der an diesem Abend im Publikum war, ist Musikredakteur Arne Schumacher.

Was für ein Festival war das damals? Und: Wo standen Nirvana zu dem Zeitpunkt?
Das war eines von mehreren sogenannten Überschall-Festivals – organisiert vom Plattenladen "Überschall" aus dem Bremer Viertel. Die haben solche Konzerte auf die Beine gestellt mit Bands aus dem Underground-, Indie- und Postpunk-Rock-Bereich. "Grunge" und "Alternative Rock" waren damals noch nicht geprägt als Schlagworte. Die Headliner des Festivals war die New Yorker Noise-Rock-Band Sonic Youth, die durch Europa tourten – mit Nirvana im Vorprogramm. Die Indierock-Fans kannten Nirvana, denn sie waren schon früher in Europa gewesen mit ihrem ersten Drummer, unter anderem in Oldenburg. Sie waren noch ein echter Insider-Tipp. Kaum jemand war für Nirvana ins Aladin gepilgert. Sie spielten nur 45 Minuten, Sonic Youth am Ende 75 Minuten.
Plattencover: Ein männliches Baby, das scheinbar nach einem Dollarschein taucht.
Bild: Geffen Records/Sub Pop | Kirk Weddle
Wie war ihr Konzert damals? Hat man da vielleicht schon gespürt, dass da eine Ikone von morgen spielt?
Im Gegenteil. Zunächst mal war der Sound sehr schlecht: bratzig laut, ein grober Mix, mit vielen Feedbacks. Sie spielten absolut ruppig und fast rotzig. Im Repertoire hatten sie ältere Stücke und einige der neuen, darunter auch "Smells Like Teen Spirit" und "Come as You Are". Das hatte natürlich noch niemand vorher gehört. Das war auch keine mitreißende Performance. Sie wirkten so, als ob ihnen alles völlig egal war und haben ihr Programm durchgezogen.

Knapp vier Wochen später erschien ihr zweites Album "Nevermind". Und ich muss sagen, als ich diese tolle Studioproduktion gehört habe, wollte ich erst nicht glauben, dass das dieselbe Band ist, die ich im Aladin gesehen hatte. Damals hätte niemand in Bremen darauf gewettet, dass dieses Trio wenig später große Hallen füllen würde.
Jetzt, beim Nachhören, erschließt sich das sofort – alleine schon, wenn man Kurt Cobain singen hört.
Mit "Nevermind" wurde Nirvana zu einer Kultband. Keine drei Jahre später war der Frontman der Band, Kurt Cobain, tot. Warum haben wir von Radio Bremen mit dieser frühen Aufnahme nicht mehr gemacht?
Der Mitschnitt machte unsere damalige Jugendwelle "Bremen Vier" unter sehr schwierigen Umständen: Dabei entstand eine Aufnahme von nur minderwertiger Qualität. Das war aber eine absolute Ausnahme für unseren Produktionsstandard im Funkhaus. Das Original-Band ist dann über Jahre verschollen gewesen. Im Internet war ein Großteil als Bootleg nachzuhören – in der problematischen Sound-Qualität.
Als das Original-Band schließlich wieder aufgetaucht ist, haben wir alles versucht, um es klangtechnisch zu restaurieren und zu optimieren, soweit es möglich war. Heute klingt es deutlich besser. Ich finde, es wäre eine schöne Ergänzung gewesen für die 30-Jahre-Jubiläumsausgabe von "Nevermind", die in diesem Jahr noch herauskommen soll. Ausschnitte des Headliner-Konzertes von Sonic Youth sind kurz darauf in limitierter Auflage als LP erschienen. Die kann man heute nur noch second-hand bekommen.

Playlist zum Konzertmitschnitt:

Autor

  • Arne Schumacher Musikredakteur

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 26. August 2021, 17:20 Uhr