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Schadensersatz nach Nierenspende – BGH gibt Thedinghauser Recht

Ralf Zietz aus Thedinghausen bei Bremen spricht von einem "Wahnsinnsgefühl". Laut Bundesgerichtshof steht ihm Schadensersatz zu. Er war krank geworden, nachdem er eine Niere spendete.

Nierentransplantation im Klinikum Bremen (Archivbild)
Bild: Imago | EPD

Vor zwei Instanzen war Ralf Zietz bereits gescheitert, jetzt hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe dem Thedinghauser Recht gegeben. In einem Grundsatzurteil stellte der BGH hohe Ansprüche an die Risikoaufklärung vor Lebend-Organspenden. Er habe sich auf ein "schlechtes Ergebnis" vorbereitet, sagte Zietz buten un binnen. "Das ist ein Wahnsinnsgefühl, ich werde noch ein paar Tage brauchen, um zu begreifen, was uns da gelungen ist", so Zietz weiter. "Das Grundsatzurteil wird die Praktiken der Lebend-Organspende verändern." Er und eine weitere Klägerin leiden seit einer Nierenspende unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Sie fordern Schadensersatz sowie Schmerzensgeld, weil sie über die Risiken nicht ausreichend aufgeklärt worden seien.

Als die entscheidenden Sätze fielen, war ich äußerlich ruhig. Aber Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Last innerlich von mir abfiel.

Ralf Zietz, Nierenspender

Laut BGH hatte das Oberlandesgericht zwar Fehler bei der Aufklärung an der Uniklinik Essen festgestellt, etwa das Fehlen des vorgeschriebenen neutralen Arztes, die Klage der Spender aber dennoch abgewiesen. Entscheidend sei, dass potenzielle Organspender über sämtliche Risiken umfassend aufgeklärt werden müssten, urteilten die BGH-Richter. "Denn die Einhaltung der Vorgaben des Transplantationsgesetzes ist unabdingbare Voraussetzung, wenn die Bereitschaft der Menschen zur Organspende langfristig gefördert werden soll", sagte die Vorsitzende Richterin. Beide Fälle müssen nun vor dem Oberlandesgericht (OLG) Hamm neu verhandelt werden, um die Schadenshöhe festzustellen. "Das wird nochmal ein Hauen und Stechen geben, damit muss man wohl rechnen", sagt Zietz.

Was ist passiert?
Im August 2010 spendete der selbstständige Unternehmer Ralf Zietz seiner Frau eine Niere. Durchgeführt wurde die Operation im Universitätsklinikum Essen (Nordrhein-Westfalen). Nach eigenen Angaben fühlte sich Zietz schon kurze Zeit nach der Spende nicht wohl. Er litt unter starken Kopfschmerzen, konnte sich nicht mehr länger als ein bis zwei Stunden konzentrieren und wurde vergesslich. "Ich vergaß plötzlich Dinge, die zuvor wie selbstverständlich in meinem Kopf abgespeichert waren. Termine, Telefonnummern, Namen", erklärt Zietz in einer persönlichen Stellungnahme. Eine Nachuntersuchung ergab, dass seine verbliebene Niere nicht richtig arbeitete. Bis heute habe er erhebliche körperliche Einschränkungen. Zietz leidet nach eigenen Angaben unter dem sogenannten Fatigue-Syndrom.
Warum klagte Ralf Zietz auf 100.000 Euro Schadensersatz?
Zietzs Vorwurf richtet sich gegen die Mediziner der Essener Uniklinik, denn über mögliche – auch langfristige – Folgen sei er in den Vorbesprechungen nicht richtig aufgeklärt worden. "Mögliche Risiken wurden als unmittelbare, beherrschbare Folgen der Operation dargestellt. Als einziges Langzeitrisiko wurde ein möglicher Bluthochdruck erwähnt." Im Juli 2011 schrieb sich Zietz in einer E-Mail an die Ärzte der Uniklinik "den Frust über die falsche Aufklärung von der Seele." Hätte er gewusst, wie riskant eine Nierenlebenspende wirklich sei, hätte er der OP nicht zugestimmt. 2014 klagte er dann vor dem Landgericht Essen – ohne Erfolg. Auch die Berufung beim Oberlandesgericht Hamm wurde abgewiesen.
Ralf Zietz
Die Nierenspende an seine Frau bereue er trotz allem nicht, so der selbstständige Unternehmer. Bild: Christian Kerber
Warum hatte Ralf Zietz vor den Gerichten bisher keinen Erfolg?
In beiden Fällen argumentierten die Richter, dass Zietzs "starker Wille" ihn in jedem Fall zur Spende geführt hätte. Sie gingen von einer "hypothetischen Einwilligung" des Spenders aus. Das bedeutet: Auch wenn Ralf Zietz umfassend aufgeklärt worden wäre, hätte er wegen der starken Bindung und emotionalen Nähe zu seiner Frau einer Transplantation zugestimmt. Zietz glaubt, dass ihm auch seine E-Mail an die Ärzte aus 2011 zum Verhängnis wurde, denn beide Gerichte beriefen sich in ihrer Urteilsbegründung auf sie. Darin schrieb er, dass er zwar eine bessere Aufklärung erwartet, aber "sehr wahrscheinlich" dennoch gespendet hätte. Einen Standpunkt, den er nun, Jahre später, anders bewertet.
Wie verlaufen Nierenlebendspenden normalerweise?
Am Klinikum Bremen-Mitte spenden pro Jahr circa sechs bis acht Menschen eine Niere. "Bei uns werden alle Patienten vorher ausführlich, das heißt im Gespräch und schriftlich, über alle Risiken aufgeklärt", sagte Prof. Dr. Sebastian Melchior, Direktor der Urologischen Klinik buten un binnen. Bei Nierenlebendspenden liege die Messlatte der Voruntersuchungen extrem hoch, schließlich werde ein gesunder Mensch zunächst krank operiert, so der Mediziner. Ein Spender müsse extrem gut untersucht werden, um möglich Vorerkrankungen auszuschließen. "Die Wundschmerzen sind drei Monate nach der Operation verschwunden, dann sollte wieder alles normal sein", so der Klinikdirektor. Außerdem werde immer die schlechter arbeitende Niere des Spenders entnommen, um ihn nicht zusätzlich zu schädigen.
Wie außergewöhnlich sind die Symptome von Ralf Zietz?
Dem Mediziner Sebastian Melchior sind die Beschwerden, unter denen Ralf Zietz leidet, durchaus bekannt. Nicht klar sei jedoch, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Fatigue-Syndrom und Nierenlebendspenden gebe, so der Mediziner. "Bei uns ist so etwas noch nicht vorgekommen, solche Fälle sind aber beschrieben, das ist gar keine Frage", sagt Melchior. In dieser Schwere sei das Fatigue-Syndrom ungewöhnlich.
Was hat sich Ralf Zietz – neben Schadensersatz – von der Klage am Bundesgerichtshof noch erhofft?
"Ich wünsche mir eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die erheblichen Risiken der Nierenlebendspende. Und dass sich Menschen nicht mehr rechtfertigen müssen, wenn sie nicht spenden möchten. Ganz wichtig wäre, dass man Spendern, die die gesetzliche Vorgabe, nämlich aus emotionaler Verbundenheit zu spenden, diese nicht im Schadensfall als "hypothetische Einwilligung" vorhalten kann. Der Spender hat ein Recht auf umfassende, schonungslose, auch kleinste Risiken umfassende Aufklärung. Nur 100 Prozent aufgeklärt soll die Spende zulässig sein", sagte Zietz buten un binnen.
  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Januar 2018, 19:30 Uhr