Prostitution: "Frauen haben Angst vor dem neuen Gesetz"

Seit dem 1. Juli regelt ein neues Gesetz die Prostitution: Kondome und amtliche Anmeldung sind nun Pflicht. Doch viele Betroffene haben gemischte Gefühle: "Sie fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz", erzählt Monika H., eine Prostituierte aus Bremerhaven.

Frau mit Kapuze
Monika H. aus Budapest hat fünf Jahre als Prostituierte in Bremerhaven gearbeitet. Bei Anna Zdroba (links) holt sie sich Beratung für den Ausstieg.

"Die Frauen haben Angst davor, was mit dem Gesetz auf sie zukommt", sagt die 25-Jährige. Sie kam vor fünf Jahren aus Budapest nach Bremerhaven – das war ihr Berufsstart als Prostituierte.

Viele Kolleginnen, sagt H., würden wegen des neuen Gesetzes um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten. Und das aus mehreren Gründen: Weil mit der nun erforderlichen Anmeldung beim Amt sofort das Finanzamt auf den Plan tritt und weil "die Mehrheit der Männer ungeschützten Verkehr verlangt und dafür auch deutlich mehr zahlt."

In 38 Paragrafen regelt das neue "ProstSchG", wie die Prostitution im Idealfall abzulaufen hat: Bordellbetreiber und Prostituierte müssen sich amtlich anmelden, werden dabei rechtlich und gesundheitlich unterwiesen. Prostitutions-Gewerbetreibende dürfen keine Zwangsprostituierten mehr arbeiten lassen, und Freier unterliegen bei einer Strafe von bis zu 50.000 Euro der Kondompflicht.

All das war bisher nicht geregelt, denn mit der Legalisierung der Prostitution wurde nur festgelegt, dass das Honorar für sexuelle Dienstleistungen einklagbar ist und Prostituierte in die Sozialversicherung aufgenommen werden können.

Ohne Kondom das Vielfache an Einnahmen

Nachtclubs an der Bremerhavener Lessingstraße
Die Bremerhavener Lessingstraße. Hier gibt es Nachtclubs und viele der sogenannten Koberfenster, hinter denen Prostituierte posieren. Hier arbeitete auch Monika H.

Monika H. macht eine Rechnung auf: In ihrer aktiven Zeit in der Bremerhavener Lessingstraße hat sie täglich zehn Stunden gearbeitet. Dabei hat sie durchschnittlich sechs Freier bedient. "Ich habe immer nur mit Kondom gearbeitet", beteuert sie. Damit lagen ihre Tageseinnahmen aber bei nur 160 Euro. "Davon gingen gleich wieder 80 Euro für die Fenstermiete und die Wohnung drauf", so die junge Budapesterin, die gerade aus der Prostitution aussteigt.

Die Frauen, die auch ohne Kondom arbeiten, könnten dagegen jeden Tag bis zu 600 Euro verdienen – bei gleichen Kosten. Darum seien viele ihrer Kolleginnen bereit, so zu arbeiten. Zumal mehr als die Hälfte der Freier diese Dienstleistung verlangten. Sie habe kaum erlebt, dass Frauen von ihren Zuhältern zu ungeschütztem Sex gezwungen wurden: "Es waren eher wirtschaftliche Entscheidungen der Frauen."

Oft haben sich Frauen sogar um die Kunden gestritten, die Sex ohne Kondom wollten. Sie haben einfach viel mehr bezahlt.

Monika H., Prostituierte aus Bremerhaven

Freier mit altertümlichem Frauenbild

Anna Zdroba ist Beraterin bei der Bremerhavener Arbeiterwohlfahrt (AWO) und kennt viele Fälle wie den von Monika H. Sie weiß, wie sehr die Frauen unter Druck stehen. "Bei vielen Frauen bleibt am Ende gar kein Geld übrig, alles geht an 'Beschützer' oder den Lebenspartner", berichtet die Beraterin. Viele seien wirtschaftlich vollkommen abhängig. Für drastisch weniger Einnahmen und Steuern oder Sozialabgaben sei da kaum Luft – darum würden sich viele Prostituierte nicht amtlich anmelden: "Die Frauen haben wirtschaftlich keine Wahl."

Anna Zdroba
Anna Zdroba berät Monika H. und viele andere Prostituierte.

Das Gesetz hält sie für "wahrscheinlich gut gemeint". Aber sie sehe nicht, wie man es umsetzen soll. Zdroba sieht auch keine großen Chancen, die Freier für die Umsetzung des Gesetzes zu begeistern. "Da gibt es viele mit multikulturellem Hintergrund und einem altertümlichen Frauenbild", sagt die Beraterin.

Insbesondere die Kondompflicht sei in einigen Milieus kaum durchzusetzen: "Da käme dann auch Gewalt ins Spiel." Mit mehr Kontrollen würde man wahrscheinlich nicht viel erreichen. "Dann würde eher noch mehr Prostitution in den Grau- und Schwarzbereich abgleiten", ist Anna Zdroba überzeugt.

Hat sie denn eine Idee, mit welchen Regeln oder Gesetzen man die Bedingungen in der Prostitution wirklich effektiv verbessern könnte?

Ehrlich gesagt nein. Ich bin überzeugt: Solange es diese Armut gibt, solange wird es auch diese Form der Prostitution geben.

Anna Zdroba, Sozialberaterin bei der AWO Bremerhaven
  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 30. Juni, 14:30 Uhr