Interview

"Moby Dick" und "Rosenkranz" – Theater im Land Bremen starten neu

Video vom 3. Juni 2021
Eine Aufführung im Theater Bremen mit aufwendigen Kostümen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Die Programme sind vorgestellt, die Inzidenzen sinken: Das sollte Spielfreude auslösen und die Lust auf Theaterbesuche ebenso. Darauf hoffen die Intendanten.

Sie stellen in diesen Tagen jeweils Ihr neues Programm vor. Es ist schon das zweite "Pandemie-Programm" – wie geht es Ihnen damit? Herr Tietje, Sie sind neu, Sie dürfen anfangen.
Lars Tietje, Intendant Stadttheater Bremerhaven: Ich bemühe mich, das als Herausforderung zu sehen. Die Regeln sind eindeutig, was den Arbeitsschutz angeht und auch, was das Publikum angeht. Wir haben uns irgendwann entschieden, dass es keinen "Corona-Plan-B" gibt, sondern Corona ist der Plan A. Wir sind davon ausgegangen, dass wir die nächste Spielzeit nicht wieder unterbrechen müssen. Und wir rechnen damit, dass wir zumindest im Herbst noch mit wenig Publikum spielen – und, was ja noch wichtiger für den Spielplan ist, dass wir mit weniger Orchestermusikern arbeiten müssen und einem Chor, der weniger eng zusammensteht.

Michael Börgerding, Intendant Theater Bremen: Wir machen das ähnlich. Wir haben einen Spielplan, der davon ausgeht, dass die Corona-Regeln im Herbst noch gelten, hoffen aber sehr darauf, dass sie bald geändert werden. Dass die Auflagen der Berufsgenossenschaft im Herbst immer noch gelten sollen, finde ich nicht richtig. Wir sind ja ein Haus, in dem alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt geimpft werden – und sind im Herbst entsprechend komplett durchgeimpft. Da gibt es eigentlich keinen Grund mehr, warum wir auf der Bühne die Abstandsregeln einhalten sollten. Aber da ist im Moment wenig Bewegung drin – und deshalb planen wir vorsichtig. Die erste Produktion, die wir geplant haben, die sich an keinerlei Abstandsregeln mehr halten kann, weil es künstlerisch nicht zu vertreten ist, ist eine Falstaff-Produktion im Januar 2022.
Collage zeigt Lars Tietje und Michael Börgerding
Lars Tietje (53) war zuvor Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters. Michael Börgerding (61) hat vor kurzem seinen Vertrag beim Theater Bremen bis 2027 verlängert. Bild: Stadttheater Bremerhaven, Theater Bremen | Yvonne Bösel, Jörg Landsberg
Herr Tietje, die erste Spielzeit als neuer Intendant ist doch eigentlich davon geprägt, dass man zeigt, was man kann und wer man ist, oder?
Lars Tietje: Dieses Gefühl habe ich im Moment gar nicht. Im Moment steht viel stärker im Vordergrund, dass wir die Theater wieder beleben. Dass das Publikum wiederkommt, dass wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Vertrauen geben, dass sie miteinander arbeiten können, ohne dass es gefährlich ist. Das steht für mich gerade viel mehr im Mittelpunkt als Akzente zu setzen. Zumal ich ein Theater übernehme, dass sehr gut geführt war und in der Stadt eine ganz starke Position hat.
Sie haben beide nun eine fast komplett ausgefallene Spielzeit hinter sich. Was hat das mit Ihnen als Theatermachern gemacht? Wie geht es Ihnen, Herr Börgerding?
Michael Börgerding: Mir persönlich geht es gerade sehr gut, denn wir spielen ja schon wieder. Diese Vorstellungen im Theatergarten fühlen sich sehr gut an. Da hatten wir drei sehr schöne Istanbul-Vorstellungen und nächste Woche werden wir eine Premiere haben mit der "Italienierin in Algier". Diese Oper ist auch ein bisschen ein Geschenk ans Publikum. Die spielt man wirklich nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil die Musik so wunderbar ist. Und wir machen ein riesiges Spektakel auf dem Goetheplatz vor dem Theater mit Schorsch Kamerun von den "Goldenen Zitronen". Das macht gerade allen Kolleginnen und Kollegen, die dabei sind, großen Spaß.

Lars Tietje: Für mich war die Zeit, in der nicht gespielt wurde – zum Beispiel von den Sommerferien bis zur Eröffnungspremiere –, immer eine schwere Zeit, in der ich mich auch ein bisschen zur Arbeit schleppen musste. Aber in dem Moment, wo man Endproben hat, Vorstellungen hat, dem Publikum begegnet, wird es wieder leicht. Dann macht es große Freude, diesen vielfältigen Stress auszuhalten, den der Job mit sich bringt. Und das war jetzt mit Abstand die längste Pause, die wir je erlebt haben – und das war schon schwer. Jetzt spürt man so richtig ein Aufatmen, eine Vorfreude. Da merkt man erst, was aufgestaut, was eingeschränkt war.

Für mich persönlich war es zum Teil hilfreich, weil die Doppelbelastung mit dem alten Haus in Schwerin und dem neuen Haus in Bremerhaven nicht so groß war. Das habe ich als Vorteil für mich empfunden.

Das Stadttheater Bremerhaven darf wieder vor Zuschauern spielen

Video vom 3. Juni 2021
Zwei Männer, dazwischen eine Frau, sitzen auf einer Bühen nebeneinander. Der Mann im Hintergrund und die Frau schauen auf dem Mann im Vordergrund.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen
Haben Sie denn jetzt überhaupt Lust, in die Sommerpause zu gehen?
Lars Tietje (lacht): Ja, das ist jetzt schon komisch, dass man gerade wieder anfängt und dann kommt gleich die Sommerpause. Aber irgendwo ist ja auch dieses nicht-spielen, immer wieder auf Stand-by halten unglaublich anstrengend. Ich glaube, viele brauchen trotzdem Urlaub, auch wenn es merkwürdig klingt. Und wir hatten teilweise doppelte Arbeit, weil wir oft verschiedene Pläne gemacht haben oder Gewohntes ganz neu denken mussten.

Michael Börgerding: Ich hätte gerne noch länger gespielt. Persönlich brauche ich aber schon eine Pause. Das war ein sehr anstrengendes Jahr. Eine Euphorie wie jetzt gerade ist schön, wenn die Sonne scheint und man draußen Theater machen kann. Aber es war auch zermürbend in den letzten Monaten. Ich glaube, es tut allen gut, jetzt nochmal richtig aufzutanken – und dann neu zu starten. Wir haben schließlich viele Premieren geplant – und fangen auch ganz früh an, am ersten Wochenende der neuen Spielzeit schon.
Wie geht es denn Ihren Ensembles?
Michael Börgerding: Was fehlt und sonst wichtig ist im Theater, sind die vielen Begegnungen neben der Arbeit. Was ein Theater ausmacht – sowohl beim Arbeiten als auch beim Zuschauen: Das Gespräch im Foyer, das Glas Wein, das Wiedersehen, das Austauschen – all das war ja nicht da. Wir haben relativ schnell angefangen, alle zu testen. Das gibt etwas Sicherheit bei der Arbeit. Und jetzt sind auch immer mehr Menschen geimpft. Dieses Licht am Ende des Tunnels macht viel Positives mit einem, weil es endlich eine Perspektive gibt, dass man starten kann.
Herr Tietje, konnten Sie überhaupt schon alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenlernen?
Lars Tietje: Nein, das war ganz schwer. Wir konnten uns schon ensembleweise kennenlernen – und ein paar Einzelgespräche mit Solo-Mitgliedern der Ensembles habe ich auch geführt. Aber unter "Kennenlernen am Theater" versteht man eigentlich etwas anderes. Normalerweise geht man als vorbereitender Intendant auch mal auf eine Premiere und spricht anschließend bei einem Gläschen über dies und das. Das hat überhaupt nicht stattgefunden.
Was wünschen Sie sich am meisten für die Spielzeit 2021/22?
Lars Tietje: Dass wir eine unterbrechungsfreie Spielzeit spielen können. Das wäre mein größter Wunsch, weil ich auch glaube, dass das für die Gesellschaft wahnsinnig wichtig ist. Das Stadttheater ist in Bremerhaven ein Faktor für die Kommunikation und für das gemeinsame Erleben. Ich glaube, das braucht diese Gesellschaft ganz stark – und das Theater natürlich auch.

Michael Börgerding: Publikum. Volles Haus. Viel Publikum. Viele Menschen. Viele Kontakte.

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Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Juni 2021, 19:30 Uhr