Polizisten dringend gesucht – Bremen macht es Bewerbern leichter

Die Polizei Bremen will die Einstellungstests vereinfachen und in Crashkursen mehr Objektschützer ausbilden. Eine Psychologin warnt davor.

Wachpolizisten bei der Ausbildung (Symbolfoto)
Auch in Sachsen werden "Objektschützer" in drei Monaten ausgebildet. Dann tragen sie auch eine Schusswaffe. (Archivbild) Bild: DPA | Sebastian Kahnert

In der Turnhalle des TV Eiche Horn ist momentan besonders viel los: Dort trainieren nicht die Sportler des Vereins, dort fahndet die Bremer Polizei nach den richtigen Kandidaten für den neuen Ausbildungsjahrgang. 2019 müssen die Ausbilder in Bremen so viele angehende Polizisten finden wie noch nie: 200 Azubis sollen es sein, mehr als doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren.

Leichtere Tests in Rechtschreibung und Sport

Der Grund für diese Ausbildungsoffensive: Personalmangel bei der Polizei. 2.600 Beamte und Mitarbeiter sollen es eigentlich in Bremen sein, diese Zielzahl wird aber längst nicht erreicht – ganz zu schweigen von den 2.900, die Bremens Innensenator Mäurer (SPD) in Zukunft gerne hätte.

Um die Lücke zu schließen und mehr Bewerber anzulocken, hat die Polizei schon die Bewerbungsfrist für dieses Jahr um einige Monate verlängert – und in den vergangenen Jahren auch die Einstellungsvoraussetzungen verändert: Anders als früher ist kein Abitur mehr nötig für angehende Polizisten, es reichen eine Ausbildung und mindestens fünf Jahre Berufserfahrung. Die Altersbeschränkung ist weggefallen, auch eine Mindestgröße gibt es nicht mehr. Polizeipräsident Lutz Müller will die Anforderungen noch weiter senken. Der Test zu Rechtschreibung und Grammatik soll leichter werden, auch beim Sporttest will die Bremer Polizei weniger hart zur Sache gehen.

Aktuell fallen zirka 40 Prozent der Bewerber schon im schriftlichen Test durch. Da sind mit Sicherheit auch viele gute Leute dabei, die man sich noch mal genauer angucken muss.

Lutz Müller, Polizeipräsident Bremen

Innensenator Mäurer widersprach am Donnerstagabend bei buten un binnen dem Eindruck, dass die Einstiegshürden für die Bewerber deutlich gesenkt worden seien. Im Wesentlichen hätten sich die Anforderungen für die Polizei-Bewerber in Bremen in den letzten 20 Jahren nicht groß geändert.

Innensenator Mäurer über die Polizeiausbildung in Bremen

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Die Zielzahl von knapp 2.600 Polizisten für 2018 – wie in der Grafik dargestellt – wurde nicht erreicht.

Polizei-Gewerkschaft kritisiert Arbeitsbedingungen

Aus Sicht der Gewerkschaft der Polizei (GdP) müssen sich auch noch andere Dinge ändern, damit Bremen genügend gute Anwärter für die freien Stellen findet. Der GdP-Landesvorsitzende Lüder Fasche wundert sich nicht über mangelndes Interesse auf Seiten der Bewerber angesichts der aktuellen Arbeitsbedingungen: "Die Arbeitsbelastung ist sehr hoch, es wurden viele Überstunden angehäuft. Und natürlich ist Bremen Haushaltsnotlageland und das wirkt sich natürlich auch auf die Bezahlung aus, das ist doch klar." Also: viel Arbeit für wenig Geld – der Polizisten-Job in Bremen könnte attraktiver sein.

Damit es besser wird, müssen wir als Gewerkschaft mehr Druck ausüben.

Lüder Fasche; GdP-Landesvorsitzender

Im kommenden Jahr kommt noch ein weiterer Faktor dazu, der es der Bremer Polizei schwer machen wird, genug brauchbare Bewerber für ihre Ausbildung zu finden: 2020 fällt in Niedersachsen wegen der Schulreform ein kompletter Abiturjahrgang aus. Viele der Bremer Polizei-Azubis stammen aus dem Nachbarland, das wird sich bemerkbar machen. Leicht wird es also nicht werden, in den kommenden Jahrgängen genügend Polizisten auszubilden, um das erste Etappenziel – 2.600 Polizisten in Bremen – zu erreichen.

Objektschützer: Einsatz bei Abschiebehaft und Verkehrsunfällen

Fahrzeug des Objektschutzes der Polizei Bremen
Den Objektschützern sollen in Zukunft mehr Aufgaben zugeteilt werden. Bild: Polizei Bremen

Neben der verstärkten Ausbildung hat die Bremer Polizei ein weiteres Mittel gefunden, um ihre Beamten, vor allem die Bereitschaftspolizei und den Einsatzdienst, zu entlasten: Polizei-Angestellte statt Polizei-Beamte. Vor allem die sogenannten Objektschützer sollen in Zukunft mehr Aufgaben übernehmen. Ihre Ausbildung dauert nur drei Monate statt drei Jahre wie bei klassisch ausgebildeten Polizisten.

Die Objektschützer übernehmen bisher vor allem das Bewachen öffentlicher Gebäude wie Rathaus, Synagogen und Behörden. Polizeipräsident Müller kündigt an, dass sie künftig auch in der Abschiebehaft zum Einsatz kommen, den Verkehr bei Fußballspielen regeln und leichte Verkehrsunfälle aufnehmen könnten. Ein Kritikpunkt dabei: Trotz der kurzen Ausbildungszeit von lediglich einem Vierteljahr, tragen diese Hilfskräfte der Polizei Schusswaffen.

Schnellkurs-Absolventen mit Pistole

Polizeipräsident Müller sieht darin kein Problem, bisher habe es nur gute Erfahrungen mit den Objektschützern gegeben. Es komme nicht unbedingt auf die Länge der Ausbildung an, sondern darauf, die richtigen Bewerber auszuwählen. Thomas Klatt, der Leiter des Objektschutzes bei der Bremer Polizei, betont außerdem, das Training an der Waffe sei bei Objektschützern genauso umfangreich wie bei Polizisten.

Die Psychologin Birgitta Sticher überzeugt das nicht. Sie bildet seit mehr als zwei Jahrzehnten Polizisten aus. Schnellkurs-Absolventen mit Pistolen – für sie kommt das nicht in Frage: "Normale Polizisten lernen, dass die Waffe erst nach vielen Schritten und Überlegungen eingesetzt wird", sagt die Psychologin.

Die Waffe einzusetzen ist das letzte Mittel. Wenn jemand aber verunsichert ist, besteht die Gefahr, dass die Waffe früher eingesetzt wird, als es sinnvoll ist.

Birgitta Sticher, Psychologin und Polizei-Ausbilderin

Polizei-Gewerkschafter Lüder Fasche sieht es weniger streng – er hält die Bewaffnung für vertretbar. Aber die Kürze der Ausbildung hält er trotzdem für problematisch. Drei Monate könnten gar nicht ausreichen, sagt er, um als Objektschützer auf alle vorgesehenen Aufgaben und die dabei möglichen Unwägbarkeiten vorbereitet zu sein.

Aktuell gibt es in Bremen 28 Objektschützer. Zur Entlastung der Beamten sollen es bald deutlich mehr werden – rund 50 kündigt der Bremer Polizeipräsident an.

Weitere Themen:

  • Hauke Hirsinger
  • Jens Otto

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Februar 2019, 19:30 Uhr