Interview

So beeinflusst die Corona-Krise die Situation von Müttern in Bremen

Die Corona-Krise hat das Leben vieler Familien umgekrempelt. Oft stellt sie gerade Mütter vor große Probleme. Ein Trendforscher sieht dennoch Hoffnung.

Eine junge Frau arbeitet in einer Wohnung an einem Laptop, während ihre Tochter auf ihrem Schoß sitzt.
Auch im Home-Office leisten Frauen Studien zufolge den größten Teil der Haus- und Betreuungsarbeit. (Symbolbild) Bild: DPA | Christin Klose

Am Sonntag werden Mütter in sehr vielen Ländern weltweit gefeiert. Doch dieses Jahr ist einiges anders: Die Corona-Krise hat das Leben vieler Familien – und damit vieler Mütter – umgekrempelt. Die Soziologin Sonja Bastin hatte kürzlich in einem Interview mit buten un binnen erklärt, die Krise habe "Ungleichheiten reproduzierende Mechanismen" deutlich gemacht.

Für viele Paare sei die eingeschränkte Kinderbetreuung in Krippen, Kitas und Grundschulen in der Corona-Zeit ein großes Problem. Und immer noch falle die Care-Arbeit auf die Frauen zurück. Das habe für die Mütter dann Auswirkungen auf Beruf und damit später auf die Rente.

Elternvertretungen fordern Planungssicherheit

Diese Analyse wird von anderen Bremer Experten bestätigt. So erzählen Vertreter der Zentralen Elternvertretung und des Zentralelternbeirats in Bremen, die aktuelle Betreuungssituation sei gerade eines der größten, wenn nicht das zentralste Problem für Familien und Mütter. Denn "faktisch sind es oft die Mütter, die dann zu Hause bleiben", sagt Martin Stoevesandt vom Zentralelternbeirat.

Die eingerichtete Notbetreuung für systemrelevante Berufsgruppen geht den beiden Verbänden nicht weit genug. Vor wenigen Tagen hat sich deshalb der Beirat mit einem offenen Brief an Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) gewandt und mehr Planungssicherheit gefordert.

Diese Lage addiert sich zu älteren Problemen, wie die Vorstandsvorsitzende der Elternvertretung, Petra Katzorke, betont.

Ich würde vermuten, dass das Ziel der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in Gefahr geraten könnte, weil die Mütter öfter in Teilzeit arbeiten und nicht so viel verdienen. Das ist ein altes Problem. Und durch den geringeren Verdienst sind sie dann diejenigen, die zurückstufen müssen.

Petra Katzorke, Vorstandsvorsitzende der Bremer Zentralen Elternvertretung

Trendforscher ist dennoch optimistisch

Schnelle Lösungen zu finden sei nicht leicht, darüber sind sich alle Experten einig. Langfristig solle das Problem des Gender-Pay-Gaps und der ungleichen Verteilung von Care-Arbeit angegangen werden. In letzter Zeit hat es mehrere Vorschläge von verschiedenen Akteuren gegeben: erweiterte Betreuungsmöglichkeiten, vorübergehende finanzielle Verlustausgleiche, mehr Flexibilität und Verständnis von den Arbeitgebern.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass das dann auch kurzfristig umgesetzt wird? Und wie wird sich die Lage für Mütter und Familien nach der Corona-Krise entwickeln? buten un binnen hat den Trendforscher Peter Wippermann dazu gefragt.

Herr Wippermann, viele Menschen arbeiten derzeit im Home-Office. Eltern müssen oft gleichzeitig ihre Kinder zu Hause betreuen. Das geht offenbar nicht selten zulasten der Frauen, die Studien zufolge immer noch einen größeren Teil der Haus- und Care-Arbeit leisten. Wie wird sich die Situation nach der Corona-Krise Ihrer Meinung nach entwickeln?
Es gibt zwei Entwicklungen. Wir werden zum Einen langfristig sehen, dass das Thema "Home-Office" erhalten bleibt. Die Arbeit, die dezentral erledigt werden kann, wird voraussichtlich in den Wohnungen der Mitarbeiter gemacht. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile. Einer davon ist, dass die Wohnungen oft so ausgestattet sind, dass die Arbeitssituation mit dem Familienleben in Konflikt gerät. Das ist etwas, das sich langfristig ändern muss.
Zum Anderen erleben wir im Moment, dass Frauen plötzlich wieder das traditionelle Frauenbild übernehmen. Nicht in allen Partnerschaften, aber das Thema wird sich auch in Zukunft fortsetzen – auch wenn vielleicht nicht im gleichen Maß wie heute.
Werden Frauen also in die alten Rollenmuster aus den 50er Jahren zurückfallen? Der Mann als Brotverdiener und die Frau am Herd?
Nein, das wird sicherlich nicht passieren. Denn vor allem die jüngeren Mütter und Frauen sind voll emanzipiert aufgewachsen. Wir werden nicht wieder zurückgehen in dieses Rollenbild aus dem Zweiten Weltkrieg.
Welche Lösungen könnten entstehen, um die Mütter zu entlasten?
Einerseits stellt sich die Frage, ob der Arbeitgeber den Arbeitsplatz der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen richtig ausstatten wird. Andererseits werden wir dazu übergehen müssen, viel mehr und viel kleinere Kita-Betreuungsplätze zu schaffen, sodass man schneller und flexibler reagieren kann.
Werden sich ihrer Meinung nach die Lage und die Rolle der Frauen in der Zeit nach Corona verbessern oder eher verschlechtern?
Man konnte schon in den vergangenen Jahren beobachten, dass sich die Rolle der Väter vor allem in den Großstädten verändert hat. Dass sie viel stärker bereit sind, im Haushalt und mit den Kindern ihre Zeit zu teilen. Diese Entwicklung wird sich beschleunigen – im besten Fall. Es ist auch vorstellbar, dass die Unternehmen selbst die Kinderbetreuung erleichtern. Man beobachtet schon, dass gemeinsam geteilte Büros die Betreuung von Kindern als Service einrichten. Die Empathie in der Arbeitswelt wird nach Corona auf jeden Fall zurückkehren.
Sie sind also optimistisch.
Ich glaube, dass wir in einer Situation sind, die wir noch nie erlebt haben. Und dass die Technologie uns in dieser Situation helfen kann. In der Wirtschaft wird es natürlich Turbulenzen geben. Wir kommen dann von der Corona-Krise in eine Wirtschaftskrise. Daher ist die Kooperation untereinander und die pragmatische Empathie etwas, was sowohl für Frauen als auch für Männer und Unternehmen hilfreich sein wird.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Mai 2020, 19:30 Uhr