Den Molenfürsten auf der Spur: Zu Besuch im Bremer "Mäuseturm"

Der Molenturm am Waller Sand in Bremen

Aussicht auf den Molenturm in Bremen
Bild: Radio Bremen | Markus Plecher
Bild: Radio Bremen | Markus Plecher

Ein kleiner verwinkelter Leuchtturm, der scheinbar mitten in der Weser steht: Der Molenturm beim Übersee-Hafen. Früher Orientierungspunkt für Schiffe, heute Ausflugsziel.

Er war in der Öffentlichkeit etwas in Vergessenheit geraten — bis 2019. Da wurde in seiner unmittelbaren Nähe am Rande des zugeschütteten Übersee-Hafens das Naherholungsgebiet "Waller Sand" eröffnet. Der Molenturm, von vielen auch "Mäuseturm" genannt, hat sich seitdem zu einem beliebten Ausflugsziel gemausert.

Grünes Licht weist den Weg zum Überseehafen

Hübsch sieht er aus, wie er da so steht: von Wasser umgeben, zwölf Meter hoch aus braunem Naturstein gebaut, mit einem kleinen Erker, einer Art Rundum-Balkon mit grün gestrichenem Geländer und einem Laternenhaus oben auf der Spitze. Von dort werden jede Nacht grüne Lichtzeichen gegeben: Neun Seemeilen weit sichtbar, markieren sie die Einfahrt zum Bremer Überseehafen. Allerdings kommen nicht mehr so viele Schiffe vorbei wie zu der Zeit, als der Molenturm gebaut wurde. Damals, 1906, war hier ein ständiges Kommen und Gehen auf der Weser und das musste gut koordiniert werden. Darum war auch immer jemand oben im Turm.

Molenfürsten wachten rund um die Uhr

Blick aus dem Molenturm Bremen
Der Blick aus dem Molenturm auf die Weser. Bild: Radio Bremen | Kerstin Burlage

Frank Sommerfeld vom Hafenamt Bremen erklärt, wie das aussah: Im oberen runden Raum, der zu allen Seiten kleine Fenster hat, kann man die Weser und die Einfahrt zum Hafen bestens überblicken. Hier saßen rund um die Uhr die sogenannten Molenwächter – von den Hafenarbeitern lieber "Molenfürsten" genannt. Sie wiesen den einlaufenden Schiffen ihren Weg: "Indem sie ihnen lautstark die Informationen über ihren Liegeplatz, Schuppennummer, Kajenposition und Anlegerichtung von hier aus zuriefen." Dazu stellten sich die Molenfürsten draußen auf den Balkon und schrien in ein Megafon. Daran konnten sich die Seeleute orientieren – genauso wie an den beiden Leuchtfeuern. Zu dem grünen Feuer oben auf dem Molenturm gehört nämlich noch ein rotes Gegenüber. Frank Sommerfeld zeigt aus einem der Fenster: "Dort auf der Werftinsel sehen wir das rote Molenfeuer und die Mitte der beiden Feuer, das ist eben die Einfahrt zum Überseehafen und nachher auch zum späteren Holzhafen."

Ein englischer Kapitän rammte den Molenturm 1925

Wenn bei Nebel die Sicht schlecht war, mussten die Molenwächter alle 15 Minuten raus: "Um die mechanische Nebelglocke außen am Turm aufzuziehen, zehn laute Schläge pro Minute tönten dann über das Wasser." Im Jahr 1925 war das für einen englischen Kapitän aber anscheinend noch nicht laut genug. Statt zwischen den beiden Leuchtfeuern in den Hafen einzulaufen, rammte er bei Nebel mit voller Wucht den Molenturm. Der stand daraufhin so schief, dass man ihn auseinandernehmen und neu aufbauen musste.

Seit 1962 keine Molenfürsten mehr

Aussicht auf den Molenturm in Bremen
Seit 1962 ist der Molenturm nicht mehr mit Molenwächtern besetzt. Bild: Radio Bremen | Markus Plecher

Danach wachten im Turm noch bis 1962 die Molenfürsten. Dann wurden die Molendienste eingestellt, erzählt Frank Sommerfeld: "Als die Küstenfunkstelle Bremen Port eingerichtet wurde, und dann die Informationen für die Schiffe alle auf UKW Sprechfunk, Kanal drei weitergegeben wurden, das muss dann auch der Zeitpunkt gewesen sein, wo dann auch der Dienst hier direkt auf der Mole eingestellt war." Weil der Leuchtturm – vollautomatisch – weiter in Betrieb ist, hat er sich gehalten. Mittlerweile steht er unter Denkmalschutz und wurde vor fünf Jahren von Grund auf saniert.

Gehalten hat sich auch sein Kosename "Mäuseturm", von dem keiner mehr so genau weiß, warum die Hafenarbeiter ihn so genannt haben. Vielleicht flitzten in dem Turm tatsächlich viele Mäuse herum. Vielleicht fand man ihn für einen Leuchtturm auch einfach ziemlich klein und niedlich. Das finden anscheinend auch viele, die an sonnigen Tagen mit dem Rad oder zu Fuß herkommen: Der Molenturm ist inzwischen ein beliebtes maritimes Ausflugsziel mitten in der Stadt.

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Autorin

  • Kerstin Burlage Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 24. Mai 2021, 11:48 Uhr