Exklusiv

Missbrauch: Masseur schon vor Jahren mehrfach angezeigt

Ein wegen Missbrauchs beschuldigter Masseur in Bremen wurde nach buten un binnen-Recherchen schon 2012 angezeigt. Doch er konnte offenbar weitermachen. Grund: eine Gesetzeslücke.

Pressesprecher der Bremer Staatsanwaltschaft Frank Passade.

Ich habe ihn angezeigt, weil ich verhindern wollte, dass er das noch mal macht. Das ist ein wichtiger Punkt, wenn man jemanden anzeigt. Dass man das verhindern möchte.

Marie Mensing, Betroffene

Marie Mensing* spricht mit ruhiger fester Stimme, ihre Hände hat die schlanke blonde Frau in den Schoß gelegt. Im Januar 2016 habe sie Anzeige gegen einen Masseur in Bremen erstattet, erzählt sie. Er soll sie während einer Behandlung im Oktober 2015 sexuell belästigt haben. Derselbe Mann wird auch aktuell von ehemaligen Kundinnen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, bis hin zur Vergewaltigung. 20 Anzeigen liegen inzwischen vor, wie die Staatsanwaltschaft Bremen buten un binnen auf Anfrage mitteilte. Mitte März waren es noch zwei.

Ein verschwommenes Bild von einer Frau von hinten mit einem langen blonden Zopf
Marie Mensing ging nach einer mutmaßlichen sexuellen Belästigung zur Polizei.

Seit Mensings Anzeige sind mehr als zwei Jahre vergangen. Es sei "erschreckend", sagt die heute 30-Jährige, dass der Masseur offenbar immer wieder übergriffig geworden sei. Dabei ist Mensing nicht die Einzige, die schon vor Jahren zur Polizei ging. Die älteste Anzeige datiert laut Staatsanwaltschaft aus dem Jahr 2012. Die Verfahren gegen den Bremer Masseur wurden eingestellt.

Warum musste der Beschuldigte nicht vor Gericht?

Insgesamt gab es in den Vorjahren vier Ermittlungsverfahren gegen den Beschuldigten, so der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade. Demnach lauteten die Vorwürfe ähnlich, sie "beschreiben überwiegend eine Massage der Brüste und des Intimbereiches". Mensing sagt, er sei "nicht eingedrungen, sonst hat er alles gemacht. Er hat wirklich alles gestreichelt, alles berührt, was ging." Warum musste sich der Beschuldigte trotz der Anzeigen nicht vor Gericht verantworten?

Damals reichte das Strafrecht nicht aus, um die Opferinteressen ausreichend zu schützen.

Sonja Utermann, Rechtsanwältin

Grund dafür war offenbar eine Gesetzeslücke, die erst zehn Monate nach Mensings Anzeige geschlossen wurde. Anwältin Sonja Utermann vertritt eine der aktuell Betroffenen und sagt: "Damals reichte das Strafrecht nicht aus, um die Opferinteressen ausreichend zu schützen." Denn es gab den Tatbestand der "sexuellen Belästigung" nicht. Gesetzlich geregelt war nur die sogenannte sexuelle Nötigung. Dafür musste ein Täter dem Opfer mit einem "empfindlichen Übel" oder mit Gewalt drohen oder Gewalt anwenden. Dieser Gewaltaspekt fehlte bei den damaligen Fällen. Viele Betroffene, auch Mensing, berichten, sie hätten sich auch nicht gewehrt. Stattdessen schildern sie, wie sie die Übergriffe über sich ergehen ließen, weil sie in Schockstarre gewesen seien.

Um überhaupt Anzeige erstatten zu können, wurde ein anderer Paragraf herangezogen: der der Beleidigung – §185 StGB. Das war nicht ungewöhnlich bei solchen Fällen. Man nannte das dann, so Anwältin Utermann, "Beleidigung auf sexueller Basis". Marie Mensing war damals überrascht, wie sie sagt. Das entspreche überhaupt nicht dem, was da vorgefallen sei. "Unter Beleidigung stelle ich mir was ganz anderes vor als jemanden, der Grenzen überschreitet. Aber es ging ja nicht anders."

Taten aus den Vorjahren wären heute strafbar

Der Nachweis der sexuellen Beleidigung war schwierig und konnte laut Staatsanwalt Passade in allen vier Fällen nicht erbracht werden. Drei Verfahren wurden eingestellt; im Fall von Marie Mensing beantragte die Anklagebehörde den Erlass eines Strafbefehls. Den lehnte der Richter ab. Laut Mensing aber mit einem Hinweis: Der Richter habe in seiner Begründung geschrieben, dass die Anschuldigungen gegen den Masseur zwar in eine Gesetzeslücke fielen, aber Anschuldigungen wie diese in Zukunft mit dem neuen Sexualstrafrecht verfolgt werden könnten. Doch das wurde erst zehn Monate später wirksam. Seit November 2016 gibt es den Paragrafen der "sexuellen Belästigung" – § 184i StGB.

Zu den angeblichen Äußerungen des damaligen Richters sagte die Bremer Staatsanwaltschaft auf Anfrage nichts. Sprecher Passade bestätigte aber, dass alle vier Fälle "bei der heutigen Rechtslage unter den Straftatbestand des § 184i StGB fallen würden".

"Hätte ich das ein Jahr später erlebt, wäre es eine Straftat gewesen. Aber in dem Moment noch nicht", sagt Mensing. Dennoch sei sie damals erleichtert gewesen. "Weil es endlich zu Ende war und ich alles getan hatte, was ich konnte." Fast drei Monate habe sie gebraucht, um den Mut aufzubringen, überhaupt zur Polizei zu gehen.

Ich hatte eigentlich wirklich erwartet, dass er damit aufhört. [...] Ich war der Überzeugung, er würde das nicht mehr machen, weil er weiß, er begeht damit eine Straftat.

Marie Mensing, Betroffene

Selbstvorwürfe hätten sie gequält, weil sie sich gegen die intimen Berührungen nicht habe wehren können. Bei einem Massage-Verband habe sie sich Gewissheit holen müssen, dass die Handlungen des Masseurs in Bremen "wirklich nicht zu einer Massage gehören". In ihrer Fantasie stellte sie sich vor das Gebäude des Salons, um andere Frauen zu warnen. Wegen der Ankündigung des Richters, dass Übergriffe künftig strafrechtlich verfolgt werden könnten, wähnte Mensing andere Frauen aber schließlich in Sicherheit. "Ich hatte eigentlich wirklich erwartet, dass er damit aufhört. [... ] Ich war der Überzeugung, er würde das nicht mehr machen, weil er weiß, er begeht damit eine Straftat."

Betroffene hoffen auf eine Anklage

Gekommen ist es anscheinend anders. Seit Mitte März melden sich immer mehr Betroffene. Wie die genauen Vorwürfe bei den vorliegenden 20 Anzeigen lauten, will die Staatsanwaltschaft nicht sagen, weil die Vernehmungen noch nicht abgeschlossen seien. Anwältin Utermann hofft aber, dass es diesmal zur Anklageerhebung kommt. Aus ihrer Sicht stehen die Chancen gut. "Weil so viele Frauen unabhängig voneinander zu unterschiedlichen Zeitpunkten die gleichen Erfahrungen gemacht haben."

Marie Mensing geht es zweieinhalb Jahre nach dem mutmaßlichen Übergriff nach eigenen Angaben gut. Monatelang aber habe sie der Besuch bei dem Masseur verfolgt, sagte sie im Gespräch mit buten un binnen. "Es waren im Alltag nicht nur Berührungen, sondern auch Gerüche oder Satzfetzen, die mich in völlig normalen Situationen körperlich zusammenzucken und verkrampfen ließen." Immer noch könne sie die Entspannungsmusik am Ende einer Yogastunde nicht ertragen, weil die Töne sie an die Massagesituation erinnerten. "Dann stehe ich auf und gehe." Mensing hofft, dass das Strafrecht heute eine Anklage möglich macht. "Gerade durch die Masse an Anzeigen ist ja klar, dass wir uns das nicht ausdenken. Ich hoffe doch wirklich sehr, dass er verurteilt wird. Sonst läuft auch wirklich was schief, muss man sagen."

*Name wurde von der Redaktion geändert

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 17. April 2018, 9:20 Uhr