So kamen diese türkischen Gastarbeiterfamilien nach Bremen

So kamen diese türkischen Gastarbeiterfamilien nach Bremen

Video vom 5. Oktober 2021
Top-Shot von Familie San, 2 Töchter, Mutter, Vater, die in einen Pass schauen
Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner
Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner

Sechs Jahrzehnte nach Ankunft ihrer Vorfahren in Bremen blicken zwei türkischstämmige Familien zurück. Sie freuen sich, hier zu leben. Dabei hatten sie es lange schwer.

Kleiner Blick ins Geschichtsbuch: Vor 60 Jahren kamen die ersten türkischen Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen nach Bremen und nach Bremerhaven. Denn die Bundesrepublik Deutschland hatte mit der Türkei ein Anwerbeabkommen abgeschlossen. Der Grund: Es mangelte in Deutschland an Arbeitskräften, so genannte "Gastarbeiter" sollten helfen. Sie kamen zahlreich. Heute leben die Nachfahren in dritter oder sogar vierter Generation bei uns, etwa drei Millionen türkischstämmige Menschen insgesamt. buten un binnen hat zwei Familien getroffen.

"Es war alles neu, alles fremd"

Frau mit rotem Kopftuch gestikulierend im Gespräch an Tisch, daneben junger bärtiger Mann
Betrachten die Migrationsgeschichte ihrer Familie als Erfolgsgeschichte: Gülseren Yilmaz und ihr Sohn Mert. Bild: Radio Bremen

Gülseren Yilmaz ist zehn Jahre alt, als sie vor 32 Jahren mit ihrer Familie nach Bremerhaven zieht. "Es war alles neu, alles fremd", fasst sie ihre Eindrücke von damals zusammen. Aufregend sei das gewesen: Für sie schon deshalb, weil sie noch kein Wort Deutsch gesprochen habe. Für ihre inzwischen verstorbene Mutter aber noch mehr. Denn die Mutter habe nie eine Schule besucht, sei Analphabetin gewesen.

Gülseren Yilmaz’ Vater aber lebt zum Zeitpunkt ihrer Ankunft bereits 17 Jahre in Deutschland – jedenfalls offiziell. In der Praxis verbrachte der Seefahrer den Großteil dieser 17 Jahre auf einem deutschen Schiff in aller Welt. Kindheitserinnerungen an ihren Vater hat Gülseren kaum: "Er war einmal im Jahr maximal ein bis zwei Monate bei uns in der Türkei", erinnert sie sich. Das sei gerade für ihre Mutter schwierig gewesen: "Wir sind insgesamt acht Geschwister. Sie war dann mit fünf Kindern alleine, mein jüngster Bruder war ein Baby." Ihr Vater habe mit seiner Arbeit auf dem deutschen Schiff für das Geld der Familie gesorgt.

Neues Land, alte Rollen

Doch auch später, als Gülseren nach Bremerhaven kommt, ändert sich an der alten Rollenverteilung lange nichts. Zwar hat ihr Vater die Familie zu sich geholt, weil er bessere Perspektiven für alle in Deutschland sieht als in der Türkei. Doch gerade sein Alltag bleibt hart. Inzwischen verdient er das Geld nicht mehr auf hoher See, sondern als Schiffsarbeiter, verlässt morgens um halb sechs das Haus, kehrt erst abends zurück: "kaputt", wie Gülseren sagt.

Es glückt ihr nach und nach, die deutsche Sprache zu lernen, so dass sie sich immer wohler in Deutschland fühlt. Heute, 32 Jahre nach ihrer Ankunft, könne sie sogar deutsch denken, sagt Gülseren mit einem Lächeln und fügt hinzu: "Ich kann mir gar nicht vorstellen, in der Türkei zu leben. Ich fühle mich hier heimisch."

"Ich sehe mich als Deutschen"

Das gilt auch für Gülserens Sohn Mert. Er ist in Deutschland aufgewachsen. "Ich sehe mich auch als Deutscher", sagt er. Zugleich sei er sehr stolz auf die Migrationsgeschichte seiner Familie. Zu seinem Großvater pflegt Mert einen engen Kontakt. Mindestens einmal, eher zweimal pro Woche trifft er sich mit seinem Opa, berichtet der 20-Jährige: "Er erzählt dann alte Geschichten von Fahrten nach Südamerika und so", beschreibt Mert die Gespräche.

Aus Sicht seiner Mutter ist es ein Glücksfall, dass sich Mert so gut mit seinem Großvater versteht. Es habe auch damit zu tun, dass sich ihr Vater verändert habe: "Als ich nach Deutschland gekommen bin, da war mein Vater sehr konservativ. Jetzt ist er viel toleranter, versucht auch, die Enkelkinder zu verstehen." Bildung, auch die der Frauen, habe inzwischen einen hohen Stellenwert in ihrer Familie. Daran habe auch der einst so konservative Vater seinen Anteil, berichtet Gülseren. Obwohl sie bereits 42 Jahre alt ist, absolviert sie gerade eine Ausbildung zur Erzieherin, freut sich auf eine berufliche Perspektive in Deutschland. Gleichwohl hofft sie für kommende Generationen in ihrer Familie, dass diese ihren Bezug zur Türkei pflegen werden.

Mert gibt sich auf alle Fälle große Mühe. Gleichwohl könnten die meisten Menschen in der Türkei "wahrscheinlich ein bisschen hören", dass nicht Türkisch, sondern Deutsch seine erste Sprache sei.

Pass des Vaters verbuddelt

Familie San, Eltern und 2 Töchter, sitzen auf der Steinplastik eines Chamäleons im Park
Familie Sari fühlt sich sichtlich in Bremen wohl. Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner

Wie Familie Yilmaz, so lebt auch die Bremer Familie Sari inzwischen in der dritten Generation in Deutschland. Eigentlich hatte buten un binnen nur einen kurzen Besuch bei den Saris geplant. Doch dann kommen Vater, Mutter und Töchter nicht mehr aus dem Erzählen heraus. Ein Album mit alten Fotos weckt Erinnerungen.

Metin Sarı blickt gern zurück: "Ich denke mir, es wäre schön, noch mal da zu sein. Wenn ich die Leute angucke, die Straßen, die Menschen und die Autos, die Wohnungen, die Häuser hier, das ist Wahnsinn!", sagt er, während er auf alte Bilder blickt. Die ersten zehn Jahre seines Lebens wächst der heute 52-Jährige fast nur mit seiner Mutter und seinen Brüdern in der Türkei auf. Wie der Vater von Gülseren Yilmaz, so war auch seiner als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen, um Geld zu verdienen, war immer nur ein paar Wochen zu Besuch bei der Familie in der Türkei.

Wie für seinen Vater die ersten Jahre allein im fremden Land waren, weiß Metin Sarı nicht. Über Gefühle habe sein Vater nie geredet.

Er hat immer gesagt, er sei in Deutschland, weil wir Geld brauchen.

Metin Sarı

Geld als Argument – das leuchtet dem jungen Metin damals nur bedingt ein. So habe er einmal gar den Pass des Vaters, als dieser zu Besuch war, kurzerhand verbuddelt, um zu verhindern, dass er wieder nach Deutschland fährt. Zehn Jahre habe die Familie getrennt gelebt, ehe auch er nach Deutschland gezogen sei, sagt Metin.

Frau im Türkei-Urlaub kennengelernt

Detailaufnahme eines türkischen Passes mit einem Familienfoto, Mutter mit drei Söhnen
Früher ein unverzichtbares Dokument, heute ein wunderbares Stück Papier zur Erinnerung: ein alter Pass der Bremer Familie Sari. Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner

Den Urlaub aber verbringt Metin weiter gern in der Türkei, lernt dabei seine spätere Frau Şerife kennen. In den 90ern kommt sie nach Bremen, tut sich anfangs aber schwer in der neuen Heimat: "Ein Jahr war es sehr schwierig. Die Sprache, die fremde Umgebung, keine Freunde. Und dann kam Sinem. Da hatte ich ein kleines Baby, mein Mann war da, dadurch wurde alles gut", fasst sie ihre Anfangszeit in Bremen im Schnelldurchlauf zusammen. Heute fühle sie sich sowohl türkisch als auch deutsch, sagt Şerife Sarı.

Ihren Töchtern Sinem und Pelin Fatma Sarı geht es ähnlich. Früher hätten sie die beiden Kulturen, die türkische und die deutsche, zerrissen, gibt Pelin zu. Daher habe sie als Kind und Jugendliche entweder türkisch oder deutsch sein wollen. Doch das sei heute anders: "Ich würde sagen, es kommt immer auf Ort und Zeit an. Wo ich was bin, bestimme ich nicht selber, sondern bestimmt irgendwie auch mein Umkreis und wie ich mich gerade verhalte", sagt sie.

Pelin setzt sich viel mit der Familiengeschichte auseinander, fragt ihren Vater und ihre Oma viel dazu, stöbert in Fotoalben und Geschichtsbüchern, um zu sehen, wie das eigentlich früher war. "Aber gleichzeitig versuche ich mich auch mit dem gesellschaftlichen Wandel mitzuentwickeln."

Schubladendenken finde ich nicht so cool.

Pelin Sari

Tolerant dank Migration?

Sie ist überzeugt davon, dass die Migrationsgeschichte einer Familie ihre Mitglieder nachhaltig prägt: "Ich glaube, dass wir auch viel toleranter sind, weil wir einfach für beide Gesellschaften und beide Kulturen immer wieder versucht haben, ein Herz zu öffnen und ein Auge zu öffnen", beschreibt sie den Vorgang.

Pelins ältere Schwester Sinem betrachtet es ähnlich.

Mein Freundeskreis ist multikulti.

Sinem Sari

Sie habe türkische Freundinnen, die sehr gläubig sind, aber auch türkische Freundinnen, die sehr locker seien. Deutsche Freunde habe sie auch: "Es ist eigentlich alles dabei", sagt Sinem.

Familie Sarı lebt gern in Deutschland, gern in Bremen. Das merkt man. Es ist längst dunkel geworden. Die Saris könnten ihre Geschichten wahrscheinlich die ganze Nacht weitererzählen.

Bremer Migrationsforscherin: "Beheimatung von Gastarbeitern geglückt"

Video vom 5. Oktober 2021
Yasemin Karakasoglu von der Uni Bremen im Studio.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorinnen und Autoren

  • Lea Reinhard Redakteurin und Autorin
  • Sven Weingärtner Redakteur und Autor
  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Oktober, 19.30 Uhr