Interview

Darum ist dieser Metzger aus dem Bremer Umland jetzt Veganer

Schon als Kind hat Peter Hübner das Schlachten gelernt. Heute lebt er vegan und hat den Verein "Metzger gegen Tiermord" gegründet. Wie hat sich seine Einstellung so geändert?

Ein Mann schaut in die Kamera
Im Januar gründete Peter Hübner den Verein "Metzger gegen Tiermord". Bild: Radio Bremen
Herr Hübner, wie sind Sie zum Veganer geworden?
Das war ein Prozess von 30, 40 Jahren. Ich habe als Kind das Schlachten gelernt und war dann in der Ausbildung in einem Schlachthof in Bremen. Da habe ich zum ersten Mal Nutztiere der Intensivtierhaltung gesehen. Ich bekämpfe quasi seit den 90er Jahren die Intensivtierhaltung, war aber selber lange Fleischesser. Und im Jahr 2014 habe ich beim Angeln einen Hecht gefangen, den ich nicht töten konnte. Und ich habe immer gelernt: Wer nicht töten kann, darf auch kein Fleisch essen. Ich habe dann noch 14 Tage gebraucht, um selber Veganer zu werden, und heute habe ich die Einstellung, dass ich keinem Lebewesen das Leben nehmen muss, weil es genug pflanzliche Alternativen gibt.
Was genau hatte Sie schockiert an der Intensivtierhaltung?
Ich kannte das ja nur von unserem Bauernhof, den meine Großeltern betrieben hatten: Tiere, die draußen wohnen, und die wirklich Fleisch hatten, das auch gut aussah. Und in der Intensivtierhaltung habe ich dann Tiere gesehen, wo das Fleisch katastrophal war. Wo wir Eiterabzesse gefunden haben und Eiweißeinschlüsse. Und das fand ich ganz, ganz schlimm. Dann habe ich mich mit der Intensivtierhaltung auseinandergesetzt – das, was man vorher immer verdrängt hat. Man wollte nie hören, wie die Tiere wirklich leben. Und ich schäme mich dafür, dass wir Tiere so halten müssen, um einfach Geld beim Einkauf zu sparen. Und aus diesen Gründen habe ich meine Lehre dann kurz vor Abschluss hingeschmissen.
Wie ist es dazu gekommen, dass Sie ihren Verein "Metzger gegen Tiermord" gegründet haben?
Schon im Januar 2018 ist unsere Kampagne #ichbindabei auf den Markt gekommen. Da waren wir fünf ehemalige Metzger, die in den Bereichen Schlachtung und Fleischverarbeitung gearbeitet hatten, zwei Schweizer Kraftsportler und drei deutsche Tierrechtler. Und wir haben gesagt: Wir wollen ein Zeichen setzen, dass man auch als Mann vegan leben kann, auch als ehemaliger Fleischesser. Dass das problemlos möglich ist. Und diesen Januar haben wir dann den Verein "Metzger gegen Tiermord" gegründet, seit März sind wir ein eingetragener, gemeinnütziger Verein. Das haben wir entschieden, weil wir viel mehr Aufklärungsarbeit machen möchten. Das heißt, wir gehen an Schulen und machen Unterricht, wir gehen auf Messen – auch auf Nachhaltigkeitsmessen und ganz normale Verbrauchermessen – und informieren dort.
Ist für Sie denn jede Schlachtung "Tiermord" – auch, wenn Sie zum Beispiel nicht in einer Großschlachterei stattfindet?
Erstmal ist Mord ein juristischer Begriff, der eigentlich nur auf Menschen anwendbar ist. Aber für mich bedeutet Mord, ein Leben zu nehmen von einem Lebewesen, das nicht sterben will. Deswegen haben wir diesen Begriff in unseren Vereinsnamen genommen. Und für mich ist ein Metzger jemand, der im Auftrag des Verbrauchers Lebewesen tötet.
Können Sie trotzdem verstehen, dass es auch Metzger gibt, die ihren Beruf lieben?
Ja und nein. Im Grundsatz werden wir als Kinder schon konditioniert, dass tierische Produkte etwas ganz Natürliches sind. Und was ist daran verwerflich, wenn man einen Beruf wahrnimmt, der die Gesellschaft mit Lebensmitteln versorgt? Vom Grundsatz her erstmal gar nichts. Aber man sieht das Leid der Tiere und sieht, dass sie um ihr Überleben kämpfen. Ich habe selber erlebt, wie schwer das ist. Und man macht sich etwas vor, wenn man denkt, es ist natürlich, diese Lebewesen zu töten. Und einen Metzger, der seinen Beruf liebt? In der Fleischverarbeitung vielleicht, aber beim Töten? Das kann ich mir nicht vorstellen.
Schlachthof von Böseler Goldschmaus im Februar 2019
Fließbandarbeit im Schlachthof von Böseler-Goldschmaus Anfang 2019. Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam
Der Großteil unseres Fleisches kommt aus industrieller Herstellung: Waren Sie auch mal in solch einer Großschlachterei?
Mein Vereinskollege hat zum Beispiel über 20 Jahre als Personaldienstleister in großen Schlachtereien gearbeitet. Und ein anderer Kollege hat in einem Schlachthof mitgefilmt. Von daher haben wir da natürlich auch einen Einblick. Ich selber habe den Bremer Schlachthof damals kennengelernt.
Es ist eine Fabrikarbeit. Man arbeitet im Akkord. Das heißt, man hat den Stecher unter Akkord gesetzt, alle anderen haben auf Stundenlohn gearbeitet. Und dadurch passiert eben, dass die Stecher den Takt vorgeben und immer wieder treiben: 'Bring mir Tiere, bring mir Tiere'. Und dabei kommt es dann zwangsläufig zu Fehlbetäubungen, und es kommen fehlbetäubte Tiere beim Stecher an und bluten dort aus. Einige Tiere gehen sogar noch unbetäubt am Stecher vorbei in die Weiterverarbeitung hinein.
Es gibt natürlich keine offiziellen Zahlen dafür. Aber man spricht davon, dass jedes siebte Tier unbetäubt in die Weiterverarbeitung kommt.
Was würden Sie sich denn für eine Tierhaltung in Deutschland wünschen?
Obwohl ich sage, am besten gar keine Nutztierhaltung, müssen wir in einem ersten Schritt erstmal dahin kommen, dass wir dem Tier eine Wertigkeit geben. Dass wir vielleicht nur noch einmal die Woche Fleisch konsumieren, so wie das früher war. Das Gesamtprodukt Fleisch muss auch teurer werden. Für die Bauern ist es unzumutbar, für das Geld, was sie am Ende bekommen, ein Tier zu 'produzieren'. Wie soll er sich um das Tier kümmern? Wir müssen von dieser Geiz-ist-geil-Methode weg, mehr Qualität statt Quantität. Und zur Qualität gehört für mich, dass die Tiere gut gehalten werden. Wenn ich mit Bauern rede, sage ich: Was hält uns davon ab, Offenstallhaltung mit 24 Stunden Auslauf zu schaffen? Dann höre ich: Wir kriegen kein Geld dafür. Also wir sprechen nur über Geld. Viele Bauern wären bereit das zu tun, wenn sie dafür adäquat bezahlt werden.
Worauf sollte ich denn als Verbraucher achten, wenn ich so etwas nicht möchte, aber auch nicht ganz auf Fleisch verzichten will?
Der erste Schritt ist, auf die Herkunft des Fleisches zu achten. Wenn ich ein Fleisch bekomme, das Herkuftsland 'Ausland' hat, würde ich das von vornherein boykottieren. Alleine der Umwelt zuliebe wegen der Transportwege, und weil wir überhaupt nicht wissen, wie das Tier gehalten wurde. Desweiteren sollte man darauf achten, aus welcher Haltungsform das Tier kommt. Haltungsform eins, zwei und drei sollte man prinzipiell schon mal meiden. Haltungsform vier ist auch nur ein Siegel, das uns eine gute Haltungsform vorgaukelt. Das Beste ist, wenn der Verbraucher sagt: 'Ich möchte ausschließlich Freilandtiere mit Offenstallhaltung haben'.

Viele Kunden, mit denen ich spreche, erzählen mir aber: Ich kaufe nur von einem Metzger des Vertrauens. Aber so viele Metzger des Vertrauens gibt es gar nicht, und 95 Prozent der Metzger beziehen ihr Fleisch aus Großschlachtereien. Daher sollte man vielleicht zu den Schlachtern gehen, die selbst Tiere halten und schauen: Wie werden die Tiere gehalten? Und sich fragen: Bin ich bereit, für ein Kilo Fleisch auch 80 Euro auszugeben? Denn unter dem Preis kann ich kein Tier auf vernünftige Weise 'produzieren'.
80 Euro für ein Kilo?
Minimum. Was braucht ein Tier? Das muss man ja mal in Relation setzen. Und dann muss ein Tier auch mal ärztlich behandelt werden. Wenn man heute weniger als 20 Euro für ein Kilo ausgibt, dann weiß ich, es ist eine Qualzucht. Gesetzlich legal. Ich kann den Produzenten nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Schuld ist der Verbraucher. Aber wenn ich ein Tier kaufe, das Freiland hat, braucht es Fläche, die muss unterhalten werden. Es wächst nicht so schnell. Ich muss die Züchtung zurückfahren, dass das Tier Fett ansetzen kann. Das alles hat seinen Preis.

Das Interview führte Maike Albrecht für buten un binnen. Aufgeschrieben von Rebecca Küsters.

Aussterbender Beruf: So arbeiten Metzger in einer Landschlachterei

Video vom 5. August 2020
Ein Schlachter betäubt ein Schwein zur Schlachtung.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. August 2020, 19:30 Uhr