Fragen & Antworten

Ersetzen Computer bald jeden dritten Arbeitsplatz in Bremen?

"Willkommen an der SB-Kasse" steht auf dem Bildschirm einer Selbstbedienungskasse. (Archivbild)
Vollautomatisierte Kassen wie auf diesem Bild machen in Bremen immer mehr Kassiererinnen und Kassierern die Arbeit streitig. Bild: DPA | Swen Pförtner

Bereits jetzt könnten Computer laut einer Studie der Arbeitsagentur an jedem dritten Bremer Arbeitsplatz über 70 Prozent der Arbeit erledigen. Beschäftigte sollten sich weiterbilden.

Der technologische Fortschritt habe sich in den vergangenen Jahren enorm beschleunigt, sagt Johannes Pfeiffer, Chef der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit. Immer mehr Tätigkeiten könnten mithilfe von Robotern und von Künstlicher Intelligenz automatisiert werden. Der Arbeitsmarkt wandele sich rasant, in Bremen ebenso wie bundesweit. Für die Beschäftigten komme es nun verstärkt darauf an, sich passgenau weiter zu qualifizieren, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Wenn an jedem dritten Arbeitsplatz in Bremen und Niedersachsen mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten von Computern übernommen werden können: Heißt das, dass bei uns demnächst massenhaft Beschäftigte entlassen werden?
Nein, das muss nicht die Folge sein, sagt Martin Wrobel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Wrobel ist der Hauptautor der Studie "Entwicklung der Substituierbarkeitspotenziale auf dem Arbeitsmarkt in Niedersachsen und Bremen von 2013 bis 2019". Aus dieser Studie stammen die Zahlen, die die Arbeitsagentur jetzt veröffentlicht hat.

Wrobel stellt klar: Selbst Arbeitskräfte, deren Tätigkeiten theoretisch sogar zu 100 Prozent von Computern übernommen werden könnten, müssten nicht zwangsläufig um ihren Job fürchten. Denn zum einen werde nicht jede technisch denkbare Lösung auch umgesetzt. Zum anderen könnten Beschäftigte, deren angestammte Tätigkeiten tatsächlich von Computern übernommen werden, unter Umständen neue Aufgaben innerhalb ihres vertrauten Beschäftigungsverhältnis bekommen, etwa die, mit den Maschinen zu arbeiten.

So viel Arbeit könnten Machinen von Menschen in Bremen übernehmen

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Welche Arbeit können Computer schon heute nahezu komplett vom Menschen übernehmen, und was sind die Folgen in der beruflichen Praxis?
Theoretisch könnte man beispielsweise Kassiererinnen und Kassierer komplett durch vollautomatische Kassen ersetzen, zumindest in ihrer hauptsächlichen Funktion, in der des Kassierens. Zum Teil geschieht dies in diversen Supermärkten bereits.

Dass aber tatsächlich alle Kassiererinnen und Kassierer in absehbarer Zeit von Maschinen ersetzt werden, hält Wrobel für kaum denkbar. Denn gerade viele ältere Kundinnen und Kunden legten Wert auf den persönlichen Kontakt und das kurze Gespräch an der Kasse. Schon deshalb dürften zumindest einige Kassiererinnen und Kassierer auch dauerhaft in ihrer angestammten Funktion unersetzbar bleiben.

In anderen Berufen wäre die Umstellung vom Menschen auf Maschinen vielfach zwar ebenfalls möglich, aber mit hohen Kosten verbunden. So könnten Maschinen zwar theoretisch 85 Prozent der Tätigkeiten von Lagerarbeiterinnen und Lagerarbeitern übernehmen. Dennoch werden Lagerarbeiter vielfach gesucht. "Sie sind unter Umständen nicht nur günstiger als Computer, sondern auch vielfältiger einsetzbar", erklärt Wrobel.
Welche Branchen und welche Tätigkeiten sind außerdem besonders stark davon betroffen, dass Computer die Arbeit von Menschen übernehmen könnten?
Insbesondere Tätigkeiten, für die man keine oder lediglich eine einjährige Ausbildung benötigt. Die Bundesagentur für Arbeit spricht hierbei von Helferberufen. Sie machten im Land Bremen 2019 etwa 16 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse aus. Wrobel zufolge hätten die Tätigkeiten in diesen Berufen im Land Bremen 2019 bereits zu etwa 60 Prozent von Computern ausgeübt werden können. 2013 lag der Anteil noch bei etwa 46 Prozent.

Doch auch in den so genannten Fachkraftberufen ist die Automatisierung stark vorangeschritten. Über 55 Prozent aller Beschäftigten im Land Bremen galten 2019 als Fachkräfte. Das sind in der Regel Beschäftigte, die eine mindestens zweijährige Berufsausbildung oder einen berufsqualifizierenden Abschluss einer Berufsfach- oder Kollegschule absolviert haben. Zu dieser Gruppe zählten etwa viele Beschäftigte im Versicherungswesen sowie im Banken- und Finanzsektor, erklärt Wrobel. Fast 60 Prozent ihrer Tätigkeiten hätten 2019 von Computern erledigt werden können.
Welche Berufe sind bislang am wenigsten davon betroffen, dass Computer die Arbeit der Beschäftigten übernehmen könnten?
Die so genannten Spezialisten- und Expertenberufe. Als Spezialisten gelten Arbeitskräfte mit Meister- oder Technikerausbildung beziehungsweise weiterführendem Fachschul- oder Bachelorabschluss. Als Expertin oder Experte gilt, wer ein mindestens vierjähriges abgeschlossenes Hochschulstudium vorweisen kann.

Betrachtet man die einzelnen Branchen, so sind soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe sowie Gesundheitsberufe am wenigsten von der Konkurrenz durch Maschinen betroffen: Hier hätten der Studie zufolge 2019 nur etwa 13 bis 24 Prozent der Tätigkeiten von Computern übernommen werden können. Bei den Fertigungsberufen, die insgesamt am stärksten von der Automatisierung betroffen sind, lag der Anteil dagegen bei etwa 84 Prozent aller Tätigkeiten.
Welche Schlüsse sollten Auszubildende, Beschäftigte, Arbeitssuchende, Unternehmen und die Politik aus der Entwicklung ziehen?
"Wer den technologischen Wandel für sich nutzen will, braucht eine durchdachte Strategie, welche die passgenaue Qualifizierung von Beschäftigten in den Mittelpunkt stellt", sagt Johannes Pfeiffer, Chef der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit. Anders gesagt: Nicht nur die Beschäftigten sollten darauf achten, dass sie sich gezielt weiterbilden. Auch die Unternehmen müssten im Wettbewerb mit der Konkurrenz versuchen, ihren Beschäftigten passende Weiterbildungen zu ermöglichen.

"Es ist allseits eine hohe Veränderungsbereitschaft vonnöten", sagt Studien-Autor Martin Wrobel. Die Politik und die Unternehmen müssten möglichst permanent gemeinsam die aktuellen Bedarfe auf dem Arbeitsmarkt ermitteln, um anschließend gezielt Förderprogramme aufzulegen oder zu aktualisieren. Auch die Ausbildungsordnungen seien derzeit "zu träge", so Wrobel. Es müsse künftig gelingen, Ausbildungen schneller neuen Gegebenheiten anzupassen, also Lerninhalte zu ändern und dem aktuellen Stand der Technik anzugleichen.

Damit sich Arbeitgeber und Beschäftigte über die aktuellen Möglichkeiten der Qualifizierung informieren können, bietet die Bundesagentur für Arbeit vom 6. bis zum 30. September Thementage an. Die Informations- und Austauschreihe findet online statt.

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Video vom 24. August 2021
Ein Roboter steht vor einem Gebäude.
Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke
Bild: Radio Bremen | Mirjam Benecke

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 3. September 2021, 23:30 Uhr