Meinungsmelder

An diesen Orten begegnet Bremerinnen und Bremern Vielfalt

Das Wort "Diversity", Diversität, ist in aller Munde. Doch was bedeutet sie konkret und wo findet man sie? Meinungsmelder erzählen über ihre Erlebnisse.

Eine Gruppe Teenager unterschiedlicher Herkunft (Symbolbild)
Alter, Religion, Weltanschauungen, sexuelle Orientierung und Identität: So verschieden können Menschen sein. (Symbolbild) Bild: DPA | Zoonar

Diversität spielt in Bremen offenbar eine wichtige Rolle. Laut einer Befragung unter Radio-Bremen-Meinungsmeldern sind es vor allem die Medien, die die Menschen mit dem Thema konfrontieren. Mehr als die Hälfte der Befragten erlebt sie also durch Presse, Radio und Fernsehen. Manche sind vom Thema bereits genervt, anderen geht der gesellschaftliche Pluralismus bei Filmen und Nachrichtensendungen nicht weit genug. Immerhin gibt gut die Hälfte an, auch im Freundeskreis oder auf der Arbeit Vielfalt zu erkennen.

Doch was genau ist Diversität? Viele denken dabei an die sexuelle Orientierung, ethnische Herkunft oder Religion. Dabei kann sie viele Lebensbereiche betreffen. Zum Anlass des Deutschen Diversity-Tages geben wir einen kleinen "Überblick der Vielfalt".

1 Herkunft

Die wohl häufigste Erfahrung mit Diversität beruht für die Meinungsmelder auf der Begegnung mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur. Teilweise auch durch das Leben in der Nachbarschaft, oder durch die eigenen Wurzeln und Familie.

In einer Beziehung mit einem Afrikaner. Ich habe gelernt, wie man auf der Straße angestarrt werden kann, wenn man nicht ins Schema einiger 'Spießbürger' passt. Und es ist eine ständige Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus und Vorurteilen - denen der anderen und auch den eigenen.

Meinungsmelderin aus Bremen, 52 Jahre alt

In den 80er Jahren habe ich vier neugeborene Kinder adoptiert, zwei mit schwarzer und zwei mit weißer Hautfarbe. Es gab unendlich viele positive aber auch diskriminierende Reaktionen.

Meinungsmelderin aus Bremen, 71 Jahre alt

Ich selber habe in meiner Kindheit unschöne Kommentare bezüglich meines Aussehens bekommen, weil einige Menschen zu einseitig denken und Vielfalt als etwas Negatives sehen.

Meinungsmelderin aus Bremen, 22 Jahre alt

Eine unterschiedliche Herkunft bedeutet in manchen Fällen auch eine andere Kultur und Sprache. "Meine erste Erfahrung mit der Diversität hatte ich in der Grundschule. Es gab damals türkische Gastarbeiter und ein Mädchen sollte besser Deutsch lernen. Die Lehrer haben den Kontakt zwischen den Eltern hergestellt und wir haben häufiger zusammen gespielt", erinnert sich eine Bremer Meinungsmelderin, die anonym bleiben möchte. Heute lebt sie in der Vahr, einem multikulturellen Viertel. Sie sagt: "Über das Essen kommt man immer ins Gespräch."

Dadurch, dass die Nachbarn aus anderen Kulturkreisen kommen, lernt man Menschen aus anderen Kulturen kennen. Gleichzeitig muss man manchmal Kompromisse eingehen und akzeptieren, dass die Leute manchmal anders leben.

Meinungsmelderin aus Bremen, 53 Jahre alt

2 Behinderung

Für die Mehrheit der Bremer Meinungsmelder ist es wichtig, dass mit Kindern über Behinderungen gesprochen wird. Mehrere Befragte berichten, inwiefern das Thema Beeinträchtigungen sie im Alltag betrifft und welche Bedeutung das für sie im Zusammenhang mit Diversität hat.

Ich bin ein Kind der 70er und lebe mit einer fortschreitenden Körperbehinderung. 'Diversität' kannte man in meiner Kindheit nicht. Mein Glück ist es jedoch, allem und jedem gegenüber aufgeschlossen zu sein und dann muss man nichts LERNEN, das kommt von alleine, ich trage das sozusagen positiv in mir. Es ist nur schade, dass viele Menschen es als Bedrohung betrachten, wenn 'Diversität' offen gelebt wird.

Meinungsmelderin aus Bremen, 51 Jahre alt

Ich habe eine Schwester, die durch einen Unfall im Alter von einem Jahr schwerstbehindert ist. Wir als Familie haben ein Leben lang mit Vorurteilen und Abgrenzungen zu tun gehabt. Wir haben gelernt, dass Menschen unsicher sind und oft nicht wissen wie sie sich verhalten sollen. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten sehr offen und freundlich waren, wenn man erstmal ins Gespräch gekommen ist.

Meinungsmelderin aus Bremen, 64 Jahre alt

Ein weiterer Bremer erzählt, er sei zum ersten Mal im Zivildienst Diversität begegnet, als er Menschen mit Beeinträchtigungen betreut habe. Der heute 64-Jährige fügt hinzu, dass er Vielfalt heute noch erlebt, und zwar als Ausbildungsleiter in einer Firma, in der 35 Nationalitäten vertreten sind.

3 Geschlecht

Männlich, weiblich, transgeschlechtlich, intersexuell, genderfluid: Es existieren mehr als nur zwei Geschlechtsidentitäten. Über die Hälfte der befragten Meinungsmelder gab an, mit dieser Art der Vielfalt zu tun zu haben. Einige haben transexuelle Verwandte, andere kommen durch ihren Beruf damit in Kontakt.

Ich bin Lehrerin in einer Grundschule. Vor einigen Jahren gab es in einer Klasse ein Kind, das transgender war: Es hatte sich als Junge angemeldet und später beschlossen, ein Mädchen zu sein. Das wurde sowohl von den Eltern als auch von den anderen Kindern als natürlich und selbstverständlich hingenommen.

Anette Himmelskamp, 55 Jahre alt

Auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist für die Befragten ein wichtiges Element. Durch "eigene Erfahrungen, dass ich als Frau nicht schlechter behandelt werden möchte als Männer", habe beispielsweise eine 34-jährige Bremerin Diversität erlebt.

4 Sexuelle Orientierung

Wen man liebt ist in erster Linie Privatsache, allerdings hat die sexuelle Orientierung teilweise öffentliche Auswirkungen: etwa bei der Eheschließung oder der Anerkennung und Adoption von Kindern. In Deutschland dürfen erst seit 2017 gleichgeschlechtliche Paare heiraten und gemeinsam fremde Kinder adoptieren.

Einige Meinungsmelder wünschen sich, man hätte sie früher in ihrem Leben über Vielfalt bei der sexuellen Identität aufgeklärt.

Als schwuler Mann bin ich persönlich 'betroffen' und wünsche mir natürlich, dass andere mich akzeptieren und mir den Raum geben mich zu entfalten. Ich hätte damals gerne mehr über Diversität gelernt und hätte vor allem mehr Vorbilder gebrauchen können, sei es in der Schule oder im Fernsehen.

Meinungsmelder aus Bremen, 34 Jahre alt

Als junge Frau aus dem Arbeitermilieu, die lesbisch lebt, hat die politische Auseinandersetzung mich gelehrt, wie Repression wirkt. Das Vorbild anderer Frauen und der bewusste Widerstand haben mich meinen Weg suchen/ finden lassen.

Meinungsmelderin aus Bremen, 62 Jahre alt

5 Religion

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten gab an, mit unterschiedlichen Religionen in Berührung zu kommen. Mehrere nannten Freundschaften und Verwandte als Grund.

Ich bin Christ, mein bester Freund, der jetzt leider gestorben ist, war Muslim. 30 Jahre lang waren wir befreundet.

Meinungsmelder aus Bremen, 64 Jahre alt

Ich habe tatsächlich zu Beginn meiner Ausbildung als Polizeibeamter zu Beginn der 90er Jahre meine ersten Erfahrungen mit Diversität gemacht: unterschiedliche Religionen, kulturelle Unterschiede, Mann/Frau im Beruf gleichberechtigt und so weiter.

Oliver M.

6 Politische Meinung

Der Pluralismus äußert sich in demokratischen Gesellschaften unter anderem durch die Vertretung unterschiedlicher politischer Meinungen. Damit verbunden sind oft verschiedene Sichten auf die Welt und das Leben. Es verwundert daher nicht, dass auch einige Meinungsmelder in ihren Antworten diesen Aspekt der Diversität erwähnen. "Kultur, Politik" nennt beispielsweise eine 57-jährige Bremerin einige der Bereiche, in denen ihr Vielfalt begegnet.

7 Lebensformen und -stil

Menschen denken nicht nur anders, sie leben auch unterschiedlich. Dabei kann es sich sowohl um die Wohnsituation als auch um die persönlichen Beziehungen und Lebenspläne handeln. So gründen manche Menschen Kommunen mit dem Ziel der Selbstversorgung oder ziehen in Wohnwagen und Tiny-Houses auf Rädern durch die Gegend, während andere in klassischen Reihenhäusern oder Studenten-WGs leben. Zu den verschiedenen Lebensstilen können auch Ernährungsweisen zählen, etwa Veganismus, sowie Kleidung und Freizeitaktivitäten.

Ebenfalls unterschiedlich sind die Liebesverhältnisse: von Patchwork- und Regenbogen-Familien über nicht-zusammenlebende Ehepaare bis hin zu offenen oder polyamorösen Beziehungen. Für die Hälfte der Meinungsmelder ist es also wichtig, dass unterschiedliche Menschen und Lebensentwürfe auch in Büchern und auf Plakaten thematisiert werden.

Da jeder Mensch unterschiedliche Bedürfnisse hat, ist es positiv, dass unterschiedliche Lebensweisen/-entwürfe als gleichwertig akzeptiert werden.

Meinungsmelder aus Niedersachsen, 61 Jahre alt

8 Alter und körperliche Merkmale

In den Medien ist in den vergangenen Jahren die Debatte über Alter und Äußeres von Models und Schauspielerinnen entflammt. Die Bewegung für mehr "body positivity", auf Deutsch etwa eine positive Einstellung zum Körper, fokussierte sich zunächst auf das Körpergewicht und dessen Akzeptanz, doch fortan umfasst die Bewegung alle Aspekte des – vornehmlich weiblichen – Körpers.

Bei den Meinungsmeldern spielt das Alter bei nur einem Drittel der Befragten eine Rolle, wenn es um Diversität geht. Auch denkt weniger als die Hälfte, dass Kinder etwas über die Vielfalt verschiedener Altersgruppen erfahren sollten. Doch das Alter beeinflusst nicht nur das Äußere der Menschen, sondern oft auch deren Gewohnheiten und Ansichten.

Bis vor Kurzem war mir nicht klar, dass ich in einem sehr wenig diversen Team arbeite. Neuerdings haben wir sehr junge Kollegen, einen Kollegen mit Behinderung und zwei mit Migrationshintergrund. Auf einmal haben wir alle einen neuen Blick auf die Dinge.

Meinungsmelderin aus Bremen, 40 Jahre alt

Rückblick: So sollen schwule Profi-Fußballer zum Outing ermutigt werden

Video vom 19. Februar 2021
Ein Screenshot einer Webseite auf dem ein Bild zu sehen ist mit einer Zuschauertribühne in einem Fußballstadion in schwarz-weißer Farbe. Im Vordergrund halten Kinder einein langen Banner in Regenbogenfarbe mit dem Wort Vielfalt darauf.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Mai 2021, 19:30 Uhr