Interview

Experte zu Kita-Mangel: "Eltern sind die ersten Lehrer ihrer Kinder"

In Bremen fehlen mehr als 1.000 Kita-Plätze, vor allem in ärmeren Stadtteilen. Peter Weber von der Stiftung "Impuls" erklärt, was aus seiner Sicht getan werden muss.

Kleines Kind steht vor dem Eingang zu einer Kita (Symbolbild)
Vor allem in benachteiligten Stadtteilen fehlen Betreuungsplätze. (Symbolbild) Bild: DPA | Jan Woitas

Basteln, spielen und nebenbei fürs Leben lernen. Der Kita-Besuch ist für viele Kinder der Grundstein ihrer Bildung. Doch in Bremen haben nicht alle Kinder diese Chance: Insgesamt fehlen 1.066 Betreuungsplätze. Vor allem in schwächeren Stadtteilen wie Vegesack und Hemelingen ist die Lücke groß.

Die Impuls Deutschland Stiftung sitzt in Bremen und organisiert bundesweit Projekte, um gerade diese Kinder zu unterstützen. buten un binnen hat mit dem geschäftsführenden Vorstand der Stiftung, Peter Weber, über die Situation in Bremen gesprochen.

Herr Weber, gerade in schwächeren Stadtteilen fehlen Kita-Plätze. Hat sie das überrascht?
Überrascht sind wir nicht, dass gerade diese Stadtteile einen hohen Nachholbedarf haben. Da ist in der Vergangenheit zu wenig investiert worden. Und gerade dort sind auch viele Menschen zugewandert, wodurch ein höherer Bedarf entstanden ist. Außerdem denke ich, dass dort der Anteil an Kindern einfach höher ist als in anderen Stadtteilen.
Was bedeutet das für die Familien und die Stadtteile, wenn so viele Kinder keinen Betreuungsplatz bekommen?
Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) hat zum Beispiel mal gesagt, dass viele Kinder eingeschult werden, aber nicht schulfähig sind. Also zum Beispiel keinen Stift und keine Schere halten können. Und das sind Dinge, die die Kinder eigentlich in den Kitas lernen. In manchen Familien muss aber erst einmal das Verständnis da sein, dass die Kita wichtig ist für die Entwicklung ihres Kindes. Und dass sie auch, wenn sie in der Kita um die Ecke keinen Platz bekommen haben, drei oder vier Straßen weiter gehen. Aber Familien in diesen schwächeren Stadtteilen sind weniger mobil, und dieser Aufwand hindert sie dann vielleicht daran, ihr Kind überhaupt in die Kita zu geben.
Laut der Behörde fehlt es an Kita-Plätzen, weil es zu wenig Fachpersonal gibt. Was muss denn ihrer Meinung nach getan werden, damit sich die Situation bessert?
Es muss wesentlich mehr in den Bildungsbereich investiert werden, auch in den frühkindlichen Bereich. Es gibt viele gute Bildungsprogramme für Familien, die schon früh in der Familie ansetzen und die Eltern fit machen, um ihre Kinder erfolgreich zu begleiten. Aber die Investitionen hierein müssen zügiger umgesetzt werden. Der Staat sagt: Wir sind dabei, unsere Angebote auszubauen. Aber das heißt auch, dass zusätzliche Kita-Plätze nicht morgen zur Verfügung stehen werden. Für diesen Übergang sollte der Staat, die Behörde Alternativen anbieten und kreative Lösungen außerhalb der bisherigen Standards finden.

Die Eltern müssen an die Hand genommen werden und man muss ihnen sagen: "Wir wissen, dass du das Beste für dein Kind möchtest. Wir zeigen dir, wie du dein Kind am besten fördern kannst." Und hierzu könnte die Behörde zum Beispiel Sprechtage oder Infoveranstaltungen in den betreffenden Stadtteilen anbieten, oder auch zu den bekannten Treffpunkten in den Stadtteilen gehen, an denen die Eltern sind. So könnte für Alternativen geworben und Eltern das Gefühl gegeben werden: Ich werde mitgenommen, man hat mich nicht vergessen.
Was würden sie den betroffenen Eltern empfehlen, deren Kind keinen Platz bekommen hat?
Die Eltern müssen wissen: Sie sind die ersten und wichtigsten Lehrer ihrer Kinder. Ohne die Unterstützung der Eltern ist die Förderung weniger erfolgreich. Und es gibt ja auch neben der Kita Bildungsangebote für Familien. Man muss nicht warten, bis ein Kita-Platz frei wird, sondern man kann auch jetzt schon etwas tun. Wir haben zum Beispiel Programme, bei denen wir den Familien Bücher und Hefte zur Verfügung stellen, an denen sie mit einer Unterstützung zuhause arbeiten können. Und alle zwei Wochen gibt es Gruppentreffen der Eltern, die sich unter Anleitung austauschen und unterstützen. So könnte man die Lücke an Betreuungsplätzen überbrücken. Aber viele Eltern wissen eben gar nicht, dass es diese Angebote gibt. Hier sollte die Behörde Initiative zeigen.

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Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau am Morgen, 3. Dezember 2019, 7 Uhr