Interview

Mäurer zu Sicherheit am Bremer Bahnhof: "Viel zu tun für die Polizei"

Wie sicher ist der Bremer Hauptbahnhof?

Video vom 29. Juli 2021
Blick in die Eingangshalle des Hauptbahnofs in Bremen (Archivbild)
Bild: Imago | Aviation-Stock
Bild: Imago | Aviation-Stock

Nachts will man nicht am Bahnhof spazieren gehen, räumt Bremens Innensenator ein. Es würden mehr Straftaten gezählt – auch Corona habe die Lage verschärft.

Herr Mäurer, wie gern halten Sie sich abends oder nachts am Bremer Hauptbahnhof auf?
Das Thema Hauptbahnhof beschäftigt mich jetzt schon intensiv seit vier Jahren. Ausgangspunkt waren viele Beschwerden und das Gefühl, dass man da alleine gelassen ist. Daraus haben wir in den letzten Jahren Konsequenzen gezogen. Wenn Sie sich heute den Bahnhof anschauen, ist es deutlich heller und freundlicher geworden als früher. Wir haben zudem Dutzende von Kameras installiert. Beides zusammengenommen führt dazu, dass wir in der Tat deutlich besser geworden sind, was die Verhinderung von Straftaten angeht. Und ich glaube, dass wir damit einen ganz entscheidenden Beitrag geleistet haben, um das subjektive Gefühl der Unsicherheit zu verändern.

Klar, aber es ist natürlich immer noch so, dass es kein Ort ist, wo man unbedingt spazieren gehen will, wenn man sieht, wer sich vor allem auch des Nachts am Hauptbahnhof einfindet.

Ulrich Mäurer, Innensenator Bremen (SPD)
Können Sie verstehen, dass sich zum Beispiel Frauen oder ältere Menschen trotzdem unsicher fühlen?
Ja, das kann ich verstehen. Aber was war unser Ausgangspunkt? Vorher haben wir kaum etwas gesehen. Jetzt haben wir eine vollständige Kontrolle über das Areal – sowohl vor als auch hinter dem Bahnhof sind Kameras. Wir sind in der Lage kurzfristig immer sofort einzuschreiten. Wir haben jetzt darüber hinaus eine große Wache, die gemeinsam von der Bundespolizei und der Bremer Polizei organisiert wird. Auch das ist ein großer Fortschritt. Klar, aber es ist natürlich immer noch so, dass es kein Ort ist, wo man unbedingt spazieren gehen will, wenn man sieht, wer sich vor allem auch des nachts am Hauptbahnhof einfindet.
Der Innensenator Ulrich Mäurer im Interview.
Laut Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) hat sich die Lage am Hauptbahnhof in Bremen durch Corona verschärft. (Archivbild) Bild: Radio Bremen
Innerhalb des Bahnhofs sind die Straftaten laut Bundespolizei zwischen 2019 zu 2020 deutlich zurückgegangen. Wie sieht es um den Bahnhof herum aus?
Wir haben natürlich dank unserer Kameratechnik zum ersten Mal eine so hohe Kontrolldichte, dass automatisch die Zahlen steigen, weil wir sie zum ersten Mal entdecken. Valide Zahlen sind zurzeit schwierig, weil natürlich die Corona-Pandemie uns bundesweit Zahlen beschert, die wirklich atypisch sind. Deswegen muss man sich die weitere Entwicklung anschauen.

Aber ich kann als Fazit sagen: Beides, was wir gemacht haben, waren keine kleinen Investitionen. Wir haben rund zwei Millionen Euro investiert, um diese Kontrolldichte zu organisieren. Die neue Wache hat auch Geld gekostet. Beides, denke ich, war ein richtiger und unverzichtbarer Schritt.

Was wir heute erleben, ist immer noch eine Folge von Corona. Wir haben viele Menschen am Bahnhof, die in dieser Zeit dazugekommen sind. Darum muss man sich kümmern.

Ulrich Mäurer, Innensenator Bremen (SPD)
Aus der Opposition kommt die Forderung nach mehr Polizei. Wie hoch steht der Bahnhof auf der Prioritätenliste, um dort mehr Kräfte einzusetzen?
Wir haben weiterhin einen Schwerpunkt am Bahnhof. Ich wünsche mir immer noch mehr Polizei: wir bilden jetzt 225 gleichzeitig aus. Mehr geht gar nicht. Das sind die höchsten Einstellungszahlen seit Jahrzehnten. Das erfordert Zeit und wir können uns keine Polizeibeamten zaubern. Und in Corona-Zeiten haben wir vielfältige Aufgaben. Da ist nicht nur der Bahnhof, sondern es ist das Viertel, da ist die Schlachte, jetzt kommt der Fußball wieder. Es gibt sehr viel zu tun für die Polizei und deswegen muss man natürlich sehen, dass man mit dem klarkommt, was man hat.
Sie selbst sagten, der Bahnhof sei eine Visitenkarte der Stadt. Wie wollen Sie diese Karte attraktiver und ansehnlicher machen?
Das gesamte Projekt basiert auf der Annahme, dass diese Probleme nicht alleine mit polizeilichen Maßnahmen zu lösen sind. Wir brauchen ergänzende Maßnahmen: Wir brauchen eine aktive Stadtreinigung. Wir müssen uns darum kümmern, wenn lauter Fahrräder rumliegen. Und dann halten sich viele Menschen am Bahnhof auf, die teilweise obdachlos, drogenabhängig und alkoholabhängig sind. Der Bahnhof ist immer ein Anziehungspunkt für diese Menschen. Deren Probleme kann Polizei meistens nicht lösen. Da geht es darum, Wohnungen zu finden für Menschen, die da sonst übernachten. Und es geht darum, für Drogenabhängige Alternativen anzubieten.

Es bringt nichts, Drogenabhängige einfach nur von der einen Straßenseite auf die andere Seite zu verdrängen. Wir haben inzwischen kein Projekt mehr, wir haben die Haushaltsmittel verstetigt. Die Grundlagen stehen. Und das, was wir heute erleben, ist immer noch eine Folge von Corona. Wir haben viele Menschen am Bahnhof, die in dieser Zeit dazugekommen sind. Darum muss man sich kümmern. Also beginnen wir wieder da, wohin wir vor anderthalb Jahren zurückgeworfen wurden.

Autor

  • Sven Weingärtner Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Juli 2021, 19:30 Uhr