Der erste Fußballsponsor Bremens war eine Marktfrau

Vor 100 Jahren kannte jeder Bremer Lucie Flechtmann, die "Fisch-Lucie" vom Markt am Rathaus. Ihr hat der Bremer Fußball viel zu verdanken.

Lucie Flechtmann verkauft auf einem historischen Foto von 1920 Fisch auf dem Bremer Marktplatz.
Die Fischhändlerin Lucie Flechtmann aus der Bremer Neustadt war stadtbekannt. Heute ist ein Platz in der Neustadt nach ihr benannt. Bild: Staatsarchiv Bremen

Ihren Fisch-Stand fand man vor der Alten Börse neben dem Bremer Rathaus. Lucie Flechtmann war als "Fisch-Lucie" stadtbekannt. Sie hatte ein Faible für Fußball und hat mit Mitte 50 als erste Frau Deutschlands einen Fußballverein mitgegründet: Den FC Stern. Und war quasi auch der erste Bremer Fußball-Sponsor. Bremen-Zwei-Reporterin Jana Wagner erinnert an die engagierte Bremerin.

Lucie Flechtmann, Fischhändlerin und Gründerin eines Fußballvereins

Audio vom 2. November 2020
Lucie Flechtmann verkauft auf einem historischen Foto von 1920 Fisch auf dem Bremer Marktplatz.
Bild: Staatsarchiv Bremen

Fischhändlerin mit Unternehmergeist

Es ist das auslaufende 19. Jahrhundert. Der Tag der Fischhändlerin Lucie Flechtmann beginnt früh: Mitten in der Nacht legt sie mit dem Boot ab, um den Fischern die beste Ware abzukaufen. Noch bevor alle anderen Marktleute aufgestanden sind, hat sie schon vorgesorgt: glänzenden, fangfrischen Fisch aus der Weser hat sie im Angebot. Laut Bremer Geschichtenhaus für die "feinen Leute Aal, Stör und Lachs" und die "kleinen Leuten Scholle, Butt, Hering, Schellfisch und Kabeljau". Und natürlich Stint.

Lucie kommt aus einer alteingesessenen Fischhändlerfamilie und kennt das Geschäft: An manchen Tagen kauft sie den heimkehrenden Fischern sämtlichen Fisch ab. Ihre Konkurrenz auf dem Marktplatz geht dann leer aus. Geboren wird Lucie Flechtmann am 9. März 1850 in der Bremer Neustadt. Sie heiratet zwei Mal. Ihr erster Mann stirbt. Von ihrem zweiten Mann, dem Schlosser Albert Flechtmann, trennt sie sich später. Aus beiden Ehen entstammen 17 Kinder.

Lucie Flechtmann war ein Energiebündel: Schlagkräftig, geschäftstüchtig, nicht zu bremsen. Rebecca Gefken vom Bremer Frauenarchiv Belladonna hat sich mit der besonderen Geschichte von Lucie Flechtmann beschäftigt: "In Deutschland wird sie als die erste Frau gehandelt, die einen Fußballverein mitbegründet und auch maßgeblich mitfinanziert hat. Das sagt auch schon einiges über ihr unternehmerisches Know-How aus. Und das in der Zeit."

Soziales Engagement und ein großes Herz

1907 gründet "Fisch-Lucie" den Fußballverein FC Stern in der Bremer Neustadt, wahrscheinlich benannt nach dem Namen des Raddampfers "Stern", mit dem sie morgens auf der Weser mitfuhr.

Jungs vom Sportverein FC Stern, am FC-Stern-Platz (später Ort des Neustadtsbahnhofs), etwa im Jahre 1920.
Der Fußballverein FC Stern Bremen wurde von Lucie Flechtmann mitgegründet. Bild: Staatsarchiv Bremen

Werner Steinberg, der ehemalige Bibliotheksleiter der Handelskammer Bremen, schreibt über den FC Stern, er sei der "Verein der kleinen Leute", bekannt durch seine "eingeschworene Gemeinschaft". Nicht nur ihr Unternehmergeist hat Lucie Flechtmann dazu getrieben, einen Verein zu gründen, sondern vor allem ihre soziale Ader, sagt Rebecca Gefken. Manchmal versorgte sie die Fußballer mit Fisch oder lud die Mannschaft zu sich nach Hause zum Essen ein.

Sie hat sich dafür stark gemacht, den jungen Leuten auch eine Struktur zu geben.

Rebecca Gefken, Bremer Frauenarchiv Belladonna

Riesige Anteilnahme an ihrem Tod

Bei den Fußballspielen stand die Fischverkäuferin regelmäßig am Spielfeldrand und unterstützte lautstark ihre Mannschaft – bis zum Schluss. Auch als sie körperlich nicht mehr in der Lage war, selbstständig zum Fußballplatz zu kommen, war sie dabei: Die Jungen haben sie auf einem Stuhl zum Fußballplatz getragen.  

Erst im Jahr 1922 – 15 Jahre nach der Gründung – war der FC Stern erfolgreich und erreichte die Norddeutsche Meisterschaft. Die Gründerin Lucie Flechtmann erlebte das nicht mehr: Sie starb im Jahr 1921. Besonders in der Bremer Neustadt war die Anteilnahme groß. Bei ihrer Beerdigung musste der komplette Friedhof Buntentor gesperrt werden, so groß war der Andrang an Menschen, die ihrer gedenken wollten.

Holzpalette als Blumenbeet auf dem Lucie-Flechtmann-Platz (Archivbild)
Lucie hätte es vermutlich gefreut: Der nach ihr benannte Platz ist ein echter Farbklecks des Stadtteils. Bild: Radio Bremen | Mario Neumann

Bis heute erinnert in der Neustadt der Lucie-Flechtmann-Platz an das Bremer Original. Die "Lucie" an der Weserstraße ist etwa so groß wie ein Fußballfeld und ein quirliger, begrünter Stadtteil-Treffpunkt. Und in gewisser weise so unkonventionell und umtriebig wie die Namensgeberin.

Autorin

  • Jana Wagner

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 2. November 2020, 10:40 Uhr.