Interview

"Im Rausch der Liebe": Ein starkes Statement in ungeordneten Zeiten

Samba-Karneval oder Literaturfestival: Events haben immer häufiger das Motto "Liebe". Wie wichtig das ist, erklärt ein Soziologe. Und die Bremer erzählen, was Liebe für sie ist.

Die Bremer Innenstadt aus der Luft gesehen, davor bilden zwei Hände ein Herz, durch das man die Domtürme sieht.
"Im Rausch der Liebe" ist das diesjährige Motto des Samba-Karnevals.
Herr Preetz, der Samba-Karneval hier in Bremen hat das Motto "Im Rausch der Liebe", und auch andere Veranstaltungen wählen die Liebe als Motto. Warum ist sie aktuell so präsent?
Meine Vermutung ist, dass Liebe ein Thema ist, das immer geht. Weil es uns alle ständig umtreibt und beschäftigt. Wenn wir die Liebe nicht haben, dann suchen wir sie. Und wenn wir sie verloren haben, sind wir traurig. Und wenn wir sie haben, müssen wir ständig daran arbeiten, dass sie auch da bleibt. Eine ganz beliebte und alte These ist auch, dass die Leute sich gerade in Zeiten von unsicheren politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen rückbesinnen auf die Familie, auf das Private und die Liebe. In diesen Zeiten, wo Unordnung ist und vielleicht auch Hass aufkommt und man das Gefühl hat, alles läuft aus den Fugen und es gibt keinen großen gesellschaftlichen Zusammenhalt mehr, da ist das Statement der Liebe ein starkes Gegenstatement.
Ein Mann mit Brille, Richard Preetz, schaut in die Kamera
Richard Preetz ist Soziologe an der Universität Oldenburg. Bild: Richard Preetz
Was ist denn Liebe überhaupt?
Da gibt es natürlich eine Menge verschiedener Definitionen, je nachdem aus welcher Fachdisziplin man kommt. Selbst innerhalb der Sozialwissenschaften sind wir noch weit davon entfernt, eine allgemeingültige Definition zu haben. Ein zentrales Merkmal der Liebe ist, dass sie ein Prozess ist. Sie kommt nicht von einem Moment auf den anderen und verschwindet auch nicht wieder von einem Moment auf den anderen. Sondern sie entwickelt und entfaltet sich in der Regel mit der Zeit. Das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum so viele Partnerschaften nach ein bis zwei Jahren enden. Denn vor allem wenn die hormonbedingte rosarote Brille weg ist zeigt sich, ob die Liebe wirklich in der Zeit gewachsen ist und sich verfestigt hat.

Das ist Liebe für die Bremer:

Auf blauem Hintergrund steht "Liebe ist"

Wenn wir die Liebe nicht haben, dann suchen wir sie. Und wenn wir sie verloren haben, sind wir traurig. Und wenn wir sie haben, müssen wir ständig daran arbeiten, dass sie auch da bleibt.

Richard Preetz, Soziologe Uni Oldenburg
Hat sich die Liebe im Laufe der Zeit verändert?
Die verschiedenen Arten der Liebe, also die romantische Liebe und die Liebe zu zum Beispiel Freunden und Familie, verschwimmen immer mehr. Gerade dieser Bereich der Sexualität, mit Arrangements wie "Freundschaft Plus". Früher war es vor allem die Exklusivität der Sexualität, die die romantische Liebe ausgemacht hat, während man heute Sexualität deutlich freier leben kann und auch deutlich offener. Außerdem ist die Liebe öffentlicher geworden. Die partnerschaftliche Liebe ist ein ganz aktiver Prozess geworden, mit Onlinedating und so weiter. Wir investieren da unheimlich viel rein. Und das hat zur Folge, dass die Liebe immer sichtbarer wird – auch die vielen verschiedenen Formen der Liebe oder Beziehungen, die früher gar nicht sichtbar waren.
Können Veranstaltungen, die die Liebe propagieren, denn helfen, uns wieder mehr auf sie zu besinnen?
Ja, ich denke auf jeden Fall. Das ist einfach ein ganz starkes Statement und eine Botschaft: Passt auf Leute, in diesen Zeiten, vergesst nicht, die Liebe ist eigentlich das wichtige. Und die Liebe ist vielleicht auch das, was uns zusammenhält. Nicht nur die partnerschaftliche Liebe, sondern auch die freundschaftliche Liebe und die Liebe zu Familienmitgliedern. Und solche Statements erinnern daran, dass es noch mehr gibt. Es gibt auch noch was gegensätzliches zu den schwierigen oder unordentlichen Zeiten, in denen wir leben.
Kann Liebe wirklich helfen, die Zeiten besser zu machen?
Sie schadet zumindest nicht. Ich glaube da, wo viel Liebe ist, ist auch wenig Hass. Wir wissen alle, dass Beziehungen auch anders laufen können. Aber ich glaube, wo die Liebe einen großen Raum einnimmt, ist einfach nicht mehr so viel Raum für Gegeneinander sein, für Hass.

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Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Februar 2020, 19:30 Uhr