Deshalb wird Bremens letzter Videothek kein Streamingdienst gefährlich

Während nach und nach alle Videotheken in Bremen dicht gemacht haben, läuft es bei Olaf Ernsting gut. Seine Meinung zu Streamingdiensten: "Netflix und Co. haben doch nichts."

Tausende Filme stehen in einer Videothek zur Ausleihe bereit.
700 Filme verleiht Olaf Ernsting im Schnitt pro Woche – die meisten davon am Wochenende. (Symbolbild) Bild: DPA | Jens Büttner

Bis vor ein paar Jahren sahen die Freitagabende bei vielen Familien wohl ähnlich aus: Diskussionen übers Abendessen und irgendwann fing eins der Kinder an zu betteln, ob es nicht zur Videothek radeln dürfe, einen Film ausleihen. Meist blieb es nicht bei einem und jeder deckte sich für das bevorstehende DVD-Wochenende ein – und wenn die Entscheidung schwer fiel, gab es ja immer noch die Mitarbeiter, die einen meist gut kannten und beraten konnten.

Das ist seit ein paar Jahren anders – immer weniger Haushalte besitzen einen DVD-Player, einige Kinder können mit den Scheiben gar nichts mehr anfangen. In den meisten Wohnzimmern flimmern gestreamte Serien über die Mattscheibe. Das Aus für viele Videotheken. Tatsächlich haben in Bremen und im Bremer Umland in den letzten Jahren nach und nach alle zu gemacht. Die vorletzte Videothek der Stadt hat vor einem Monat geschlossen. Übrig geblieben ist Olaf Ernsting mit seinem Laden "Video-Boxx" in Findorff. Er stemmt sich noch gegen die Streaming-Dienste. Der 51-jährige Bremer führt die Videothek seit 2011. Seine Liebe zum Film geht viel länger zurück: Schon 1982 stand er mit seinem Papa zusammen in dessen Rundfunkgeschäft.

Er ist der Letzte seiner Art

Olaf Ernsting sortiert DVDs in sein Lager in der Videothek in Findorff ein.
Olaf Ernsting sortiert die zurückgegebenen Filme in sein Lager ein – vor allem die Neuerscheinungen sind bei ihm beliebt. Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

Ans Schließen denkt er nicht – und die ständig gleiche Frage, ob sich das Geschäft noch lohne, nervt ihn mittlerweile sehr. "Wenn es sich nicht lohnen würde, würde ich das ja nicht mehr machen", sagt er. Die Frage kommt vor allem von Kunden, die seinen Paketshop nutzen, der sich ebenfalls in der Videothek befindet. "Denen sage ich oft: 'Ich habe hier 260 Quadratmeter Fläche. Zehn davon sind für den Paketshop. Was glaubst du, was mehr bringt?'" Die sechs Paketshopkunden, die an diesem Tag reinkommen, fragen nicht.

Sein Geschäft läuft recht solide. In der Woche verleiht er im Schnitt 700 Filme – 50 bis 60 zwischen Montag und Donnerstag, der Großteil seines Geschäfts spielt sich am Wochenende ab. Einen Film für einen Tag auszuleihen kostet bei ihm zwischen 1,50 und drei Euro. "Einen ersten Einbruch habe ich tatsächlich im Sommer 2018 gemerkt – das lag aber weniger an den Streamingdiensten als vielmehr am extremen Sommer."

Neuheiten besonders beliebt bei den Kunden

Vor allem helfen seine Stammkunden dabei, dass der Laden so gut läuft. "Mehrere von ihnen leihen alle Neuheiten aus. Eine DVD kostet so circa 15 Euro, die Ausleihe drei Euro. Da sind die Kosten für so einen Film schon recht schnell wieder drin, wenn auch nur fünf Stammkunden ihn leihen." Von Netflix und Co. lässt sich Ernsting nicht sonderlich beeindrucken.

Netflix und Co. – die haben doch nix.

Olaf Ernsting, Videothek-Betreiber in Findorff

Was er damit meint: Die meisten Kunden kommen zu ihm, weil sie entweder die Blockbuster sehen wollen – und die hat maximal Amazon Prime, aber dort ist es meist teurer als bei ihm. Oder aber sie wollen spezielle Filme jenseits des Mainstreams. Die ordert Ernsting dann auch mal für seine Kunden, selbst wenn sie "nischig" sind.

Streamingdienste bedrohen laut Ernsting eher Kinos

Das größte Problem für seine Branche – und die ganze Filmbranche – sieht er auf lange Sicht trotzdem in den Streamingdiensten. Nicht unbedingt, weil die Leute keine Filme mehr ausleihen, sondern weil es möglicherweise künftig keine Kinofilme mehr geben wird. Und ohne Kinofilme auch keine DVDs mehr zum Ausleihen. In der aktuellen Coronazeit bereitet ihm deshalb ein Experiment Sorge: Disney bringt seinen neuen Mulan-Film nämlich nicht in die Kinos, sondern direkt in seinen Streamingdienst. Und das könnte die ganze Wertschöpfungskette der Filmindustrie von Kino zu DVD zu Fernsehen kaputt machen, so Ernsting.

Das ist der Sargnagel für die Kinos – und das wäre dann wirklich ein Problem für mich.

Olaf Ernsting, Videothek-Betreiber

Während der Coronazeit konnte er sich mit einem Lieferdienst für seine DVDs über Wasser halten – und mit dem Paketshop. Die Auswirkungen im Lockdown waren für ihn tragbar. Jetzt läuft es zwar gerade ein wenig schleppend, weil sich viele der Blockbuster verzögern, aber prinzipiell blickt er positiv in die Zukunft. "Eigentlich hätte ich jetzt einen James Bond hier stehen – doch der lief im April nun nicht im Kino. Und so geht es jetzt noch eine Weile weiter." Seine Stammkunden kommen trotzdem. Einer steht schon bereit und wartet. Die Neuerscheinungen sind angekommen – drei davon nimmt der Kunde direkt mit.

Corona und Kino: So steht es um Bremens Filmtheater

Video vom 12. September 2020
Ein Film wird in einem leeren Kinosaal auf der Leinwand gezeigt.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Lina Brunnée Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 1. August 2020, 14:10 Uhr