Von Gysi bis Weidel: 14-Jähriger hat das Hobby 'Politiker interviewen'

Sogar amtierende Minister lassen sich von Leonard Geßner aus Bremen befragen. Der YouTuber bekommt fast alle Politiker vor die Linse. Nur drei hatten bislang keine Zeit.

Jugendlicher sitzt auf einer Treppe.
Auch wenn sich Leonard Geßner sehr für Politik interessiert, fände er es falsch, das Wahlalter auf 14 Jahre herunterzusetzen.

Samstagvormittag in einem Bistro in Oberneuland. Tageszeitungen rascheln, Kaffeebohnen rieseln klackernd in die Maschine und Gesprächsfetzen wabern durch die Luft — Urlaub, Erkältung, Werder und "ach", das Wetter. Viel zu kalt für Mai. Leonard Geßner betritt lächelnd den Raum, der Fahrradhelm klemmt unter seinem Arm.

Auf den ersten Blick wirkt Leonard wie ein durchschnittlicher 14-Jähriger, doch er hat ein außergewöhnliches Hobby. Leonard interviewt Spitzenpolitiker aller Parteien und stellt die Videos auf seinen YouTube-Kanal "Politik der Generation Z". Am Freitagabend moderierte der 14-Jährige eine Talkshow, zu der die Spitzenkandidaten von SPD, CDU, der Linken und der AfD zugesagt hatten. Für die FDP und die Grünen waren stellvertretend Thore Schäck beziehungsweise Björn Fecker vor Ort. "Es ist natürlich schade, dass Lencke Steiner und Maike Schaefer keine Zeit haben, aber irgendwann musste ich den Termin einfach festlegen", sagt Leonard. 

Wunsch: ein Selfie mit Sebastian Kurz

Der Schüler spielt leidenschaftlich gerne Fußball, beim FC Oberneuland oder zusammen mit seinem Bruder an der Playstation. Sein aktueller Lieblingssong ist "Mama" von Louis Held und er ist, wie er selbst sagt, nicht besonders ordentlich. Ein gemeinsames Foto wünscht er sich jedoch nicht etwa mit Claudio Pizarro oder Max Kruse, sondern mit Sebastian Kurz. Der österreichische Bundeskanzler wurde zuletzt wegen seiner kompromisslosen Haltung während der Flüchtlingskrise und der Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ heftig kritisiert.

Mal abgesehen von seiner Politik — ich finde seine Geschichte interessant, er ist ziemlich jung und hat schon sehr viel erreicht, das beeindruckt mich.

Leonard über Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz

Leonard antwortet wie ein Profi, auf seiner Webseite gibt es sogar einen eigenen Bereich für Presseanfragen.

Für etwa eine Stunde schlüpft Leonard in eine neue Rolle, denn normalerweise leitet der 14-Jährige die Gespräche. Jetzt antwortet er auf buten un binnen-Fragen, aber auch das bringt den Achtklässler nicht aus der Ruhe. Anstelle des eigenen Zuhauses und einer gewohnten Umgebung hat er ein gut besuchtes Bistro als Treffpunkt ausgewählt. Schließlich gebe er dort auch sonst seine Interviews. Profi-Antwort Nummer Zwei.

Die Highlights des YouTube-Kanals "Politik der Generation Z"

Ein Erwachsener und ein Jugendlicher sitzen sich an einem Tisch gegenüber.
Bild: Leonard Geßner | Leonard Geßner

Was will die Generation Z?

Leonard darf selber noch nicht wählen. Aber er interessiert sich für Politik und die anstehende Bürgerschaftswahl. Die Talkshow war seine Idee, organisiert hat er das Event weitestgehend alleine, seine Eltern und seine Schule unterstützen ihn dabei. "In unserer Turnhalle haben wir 500 Sitzplätze, ich hoffe, dass die Veranstaltung viele Leute interessiert", sagt er. Vor eineinhalb Jahren ist er vom Gymnasium Horn auf das Ökumenische Gymnasium in Oberneuland gewechselt. Damit ist Leonard einer von insgesamt 6.310 Schülern, die im Land Bremen eine Privatschule besuchen.

Seinen Interviewpartnern stellt Leonard nahezu einheitliche Fragen zu Rente, Migration, Bildung und dem Klimawandel, damit sich jeder "sein eigenes Bild darüber machen kann, welche Partei sich in welchen Bereichen engagiert." Fast 2.000 Menschen haben seinen YouTube-Kanal abonniert, Geld verdient er damit nicht. Manche Politiker bieten dem Schüler das "Du" an, bei anderen bleibt es beim "Sie". Relativ locker und freundlich seien bisher jedoch alle gewesen, so Leonard.

AfD-Videos laufen am besten

Im Schnitt werden seine Videos 7.761 mal geklickt. Verantwortlich für diese Quote sind wohl die Interviews mit der AfD: Leonards Fragen an Alice Weidel brachten fast 74.000 Klicks, gefolgt von Bernd Baumann mit fast 38.000 Klicks. Alle Parteien des Bundestags sind vertreten, jedoch mit unterschiedlich vielen Videos. Absichtlich gesteuert sei das nicht, vielmehr seien nicht alle Parteien gleichermaßen bemüht, seine Anfragen möglich zu machen, erklärt Leonard.

Terminkalender von Politikern sind meistens randvoll, der Bremer Achtklässler bekommt trotzdem regelmäßig Interviews. Dazu fragt er direkt bei den Pressestellen an, macht selber Terminvorschläge und bleibt hartnäckig. Angela Merkel, Andrea Nahles oder Annegret Kramp-Karrenbauer stehen weiterhin ganz oben auf seiner Liste, sie alle haben bisher aber keine Zeit gefunden. Das sei schade, müsse er aber so akzeptieren, sagt er. Profi-Antwort Nummer Drei.

Einer, der weiß, was er will

Doch warum investiert er so viel Zeit in Politik und reist auf eigene Kosten nach Berlin?

Zuhause haben wir schon früh über das Weltgeschehen am Frühstückstisch diskutiert, das hat mich geprägt, ich war immer informiert. Ohne das wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

Leonard über sein Elternhaus

Diese Profi-Antwort Nummer Vier wirkt zwar ehrlich, aber fast schon ein bisschen zu souverän für einen 14-jährigen Schüler. Sie passt jedoch zu seinem erklärten Ziel und dem Hauptgrund seiner Interview-Reihe: Leonard Geßner möchte Politiker werden. Alle Unsicherheiten sind in diesem Wunsch bereits einkalkuliert. "Die Politik ist ein Job auf Zeit und es gehört auch viel Glück dazu, ein zusätzliches Studium ist deswegen Pflicht", findet er. Wirtschaft sei interessant, vielleicht wären BWL und VWL etwas für ihn.

Die letzte Frage seiner Interviews lautet immer gleich. "Was sagen Sie eigentlich, wenn Sie jemanden verabschieden?" Das werfe Politiker regelmäßig aus der Bahn, zumindest für einen kurzen Moment. Leonard selber sagt meistens "Tschüss" und stellt noch eine Sache klar: Zu aktuellen politischen Themen und seinem eigenen politischen Lager möchte er sich heute nicht äußern. "Aber vielleicht sprechen wir uns ja in ein paar Jahren nochmal, dann positioniere ich mich ganz klar." Natürlich habe er eine Meinung zu Klimawandel, Migration oder der Bebauung der Galopprennbahn, solange er jedoch journalistisch aktiv sei, behalte er diese lieber für sich. Profi-Antwort Nummer Fünf.

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 10. Mai 2019, 23:30 Uhr